18.11.2009 · Endlich räumen die Bildungsreformer Fehler ein, doch diese sollen nur das Detail betreffen. Noch immer will man sich nicht eingestehen, dass das Problem im großen Ganzen der Reform liegt.
Von Jürgen KaubeJahrelang war alles auf dem besten Weg. Die Einreden gegen die Bologna-Reform an den deutschen Universitäten wurden als Dokumente ewiggestriger, nostalgischer oder einfach nur lobbyistischer Gesinnung von änderungsunwilligen Professoren abgetan. Jahrelang, das heißt: bis vor ein paar Monaten.
Jetzt aber wird eingeräumt. Die Kultusministerkonferenz hat neulich eingeräumt, es gebe Korrekturbedarf. Die Studiengänge müssten „studierbar“ gemacht werden. Jetzt räumt der Vorsitzende des Wissenschaftsrats, Peter Strohschneider, „handwerkliche Fehler“ bei der Einführung der Bachelor-Studiengänge ein. Auch der Präsident der KMK, Mecklenburg-Vorpommerns Wissenschaftsminister Henry Tesch (CDU), räumt ein, die Proteste von Studenten seien richtig, sofern sie auf konkrete Verbesserungen der „unmittelbaren Studienbedingungen“ zielen. Und als ob es auf einer Verabredung beruhte, schließen sich dem auch die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz und die Bundesbildungsministerin beim Einräumen an. Noch wird gern hinzugefügt, in Bausch und Bogen dürfe man die Bologna-Reform nicht ablehnen, aber wer weiß, ein, zwei Amtswechsel und es ist vielleicht auch damit zu rechnen.
Reform ohne Leitbild
Handwerkliche Fehler, konkrete Verbesserungen, nicht in Bausch und Bogen - das Kleingedruckte zeigt die Rechthaberei im Großen und Ganzen. Es heißt: Die Baupläne stimmen, nur der Handwerker hat gepfuscht. Konkrete Verbesserungen, weil allgemein ja nichts gegen Bologna zu sagen ist und, das will man mitteilen, ja auch nicht die fürs Allgemeine zuständige Politik, sondern die fürs Konkrete zuständigen Hochschulen versagt haben. Die Absichten waren doch bestens.
Man will es sich selbst, vor allem aber allen anderen - denn womöglich wäre es ja ein Rücktrittsgrund -, nicht eingestehen, dass fast nichts, was die Bologna-Reformen in Aussicht gestellt haben, eingetreten ist. Mehr Mobilität, kürzere Studiengänge, mehr Abschlüsse, mehr Praxisnähe. Wie alle Wertelisten enthält auch diese nur Einträge, die man nicht ablehnen kann. Nehmen wir darum noch „mehr Exzellenz in der Forschung“, „Umstellung auf Programm- statt Einzelförderung“, „Leistungsentlohnung des Personals“ und „Steigerung der Studierquote“ hinzu. Kann man das alles in Bausch und Bogen ablehnen? Ja, man kann, wenn man sieht, wie sich diese Ziele gegenseitig im Wege stehen, wie verblasen manche von ihnen sind, wie andere als Begründung für Reformen an Fächer herangetragen wurden, bei denen gar nichts im Argen lag, und wie wieder andere reine Phrasen sind, für die es gar keine Anschauung gibt: Leistungsentlohnung zum Beispiel.
Für eine nüchterne Lageanalyse wäre also das Eingeständnis vorauszusetzen, dass die Reform nicht handwerklich und aufgrund von Unzulänglichkeiten oder Übereifer vor Ort scheitert, sondern an ihrer Undurchdachtheit und ihren windigen Zielen, für die der Begriff „Ökonomisierung der Hochschule“ noch viel zu optimistisch ist, weil er eine klare Absicht unterstellt.
Was zu tun wäre
Was kann man also jetzt, da die Einsicht da ist, dass es so nicht gut werden wird, tun? Was nottäte, wäre der Rückgewinn einer Anschauung von dem, womit es die Universitäten derzeit zu tun haben. Da ist zum Beispiel ihre maßlose Bürokratisierung. Studienordnungen etwa werden erst hart erkämpft und dann durch teure Akkreditierungsprozesse geschleust, obwohl sie bislang nur auf dem Papier stehen, also noch niemand sagen kann, wie „studierbar“ sie eigentlich sind. Wieso schafft man das - kein handwerklicher, sondern ein gedanklicher Fehler - nicht einfach ab? Denn hier, beim Akkreditieren, wurden schließlich all jene unsinnigen Erwartungen durchgesetzt, von denen es jetzt heißt, niemand habe sie gewollt, und von denen jedenfalls feststeht, dass sie, die Studienordnungen, niemand versteht.
Das Vollstopfen der Stundenpläne mit modular abrechnungspflichtigen Kursen wäre ein anderer Punkt. Auch dies kein Malheur, das ungewollt passierte. Sollte doch dasselbe - ein vernünftiger Abschluss, der das Papier wert ist, auf dem er steht - in kürzerer Zeit erreicht werden. Siehe G8. Jetzt gibt man bei den Semesterzahlen nach, kann sich statt sechs auch sieben oder acht und bestimmt auch bald wieder zehn vorstellen. Aber dass man durch das Modulsystem vor allem die Präsenzpflicht der Studierenden ganz unsinnig erhöht hat und dadurch die ohnehin bedrohte Kulturtechnik des Lesens, des freien Lesens gar, abschafft, ist den Managern nicht aufgefallen. Vielleicht weil sie die Literatur auf den Gebieten, auf denen sie einst als Forscher tätig waren, oft auch nur noch „zur Kenntnis nehmen“ und nicht mehr studieren.
Das sind nur zwei Gesichtspunkte von Dutzenden, die nichts mit administrativem Handwerk, dafür alles mit dem Nachdenken über Aufgaben und Möglichkeiten einer Universität zu tun haben. Die Bologna-Reform beruhte auf einer richtigen Fragestellung: Was machen wir mit Studenten, die nicht Wissenschaftler werden wollen? Und sie beruhte auf einer komplett falschen Antwort: Wir sorgen dafür, dass sie möglichst schnell einen Abschluss bekommen. Wer sich diesen grundsätzlichen Irrtum nicht eingesteht, von dem ist nicht zu erwarten, dass er mit Einräumen etwas anderes meint als Beschwichtigen.
Hier irrt Herr Kaube
Marcus Fronto (MarcusLFronto)
- 18.11.2009, 14:29 Uhr
Auf den Punkt gebracht!
R W (DocSnider)
- 18.11.2009, 14:57 Uhr
Das ist komisch...
Markus Leibold (MSL)
- 18.11.2009, 15:34 Uhr
Bildung in Deutschland
Michael Puschendorf (micha_p)
- 18.11.2009, 15:59 Uhr
Verantwortung?
Andreas Kosmider (AKosmider)
- 18.11.2009, 16:40 Uhr