20.05.2010 · Widersprüchlich und ideenlos: Die Bologna-Konferenz in Berlin sollte die Rettung des Bachelorstudiengangs werden, endete aber in leeren Grundsatzreden. Nur die Reform der Bologna-Reform fordern jetzt alle.
Von Jürgen KaubeAuf Kritik am sogenannten Bologna-Prozess wurde lange so reagiert: Das sei nostalgisch oder „gestrig“ (Annette Schavan), verkläre also den Zustand der Hochschulen vor der Reform und erkenne nicht die Gegenwart. Und sie sei lobbyistisch, denn es zeige sich in ihr nur der Unwille mancher Professoren, sich stärker der Lehre und den praktischen Bedürfnissen der Studenten zu widmen.
Als Nächstes entwickelten sich die prognostizierten Effekte nicht ganz so wie erhofft. Der europäische Student, der durch die angebliche Vereinheitlichung des europäischen Hochschulraums - von Sofia und Palermo bis Freiburg und Cambridge! - zum Normalfall werden sollte, ist nach wie vor eine verschwindende Minderheit. Die Abbrecherquoten wiederum verhalten sich mal so, mal anders. Dass sie mancherorts zurückgehen, verwundert wenig, wenn es doch Programm ist, niemanden mehr ohne Zertifikat zu lassen. Es wird aber auch keiner behaupten, dass sich bei frühzeitiger Festlegung von Achtzehnjährigen auf einen Bachelor-, also Teilstudiengang des Typs „Molekulare Biologie“ oder „Geschichte der Moderne“ die Irrtümer in den Bildungswegen reduziert haben, nur weil Urkunden ausgehändigt wurden.
Typisch deutsche Manier
Und dann war da noch die berühmte „employability“, die durch Bachelor-Studiengänge erreicht werden sollte. Hier wurde zunächst die offiziöse Übersetzung von „berufsqualifizierend“ auf „berufsbefähigend“ umgestellt. Man weist dem Studium also eine Funktion zu, die man mit gleichem Recht auch für das Abitur behaupten könnte. Ob die Berufsbefähigung irgendetwas der Bologna-Reform, ja überhaupt der Universität verdankt oder die Studenten nicht vielmehr einfach drei bis vier Jahre älter und allein dadurch schon berufsbefähigter werden, ist nach wie vor unklar. Ob Reformen funktionieren, wird folgerichtig auch nicht durch Forschung, sondern durch Grundsatzreden und Gegenreden der Interessenten geklärt.
Eine Abfolge solcher Grundsatzreden war jetzt auf der vom Bundesbildungsministerium einberufenen Berliner Bologna-Konferenz zu hören. Sie gehört zur dritten Stufe des Umgangs mit Kritik an der Hochschulreform. Als nämlich die ersten Schwierigkeiten auftraten - maßlose Bürokratisierung, thematisch vollgestopfte Kurzstudiengänge oder Prüfungen, die keine sind, dafür aber ständig stattfinden -, wurde zunächst die Verteidigungslinie verschoben. Nun hieß es, auf typisch deutsche Manier - „typisch deutsch“ sind in Deutschland immer Leute, die leicht erkennbare Fehler machen - hätten die Hochschulen und ihre Fachbereiche einen zu engen Gebrauch von den lockeren politischen Reformanregungen gemacht. Eine Reform der Reform, bei der die Politik - und die Hochschulrektorenkonferenz und der Wissenschaftsrat und das Centrum für Hochschulentwicklung - bisher selber aber alles richtig gemacht habe, sei erforderlich. Schuld waren also wieder einmal irgendwelche Idioten in nachgeordneten Behörden.
Und dann kam ein Streik, ach was, der Anflug eines Streiks, so eine Art Streikerinnerung. Wie jeder Studentenstreik war er nach den Weihnachtsferien mehr oder weniger vorbei; in der jüngeren deutschen Universitätsgeschichte konnten sowieso nur die Proteste von 1968 einen Jahreswechsel überdauern. Wie jeder Streik war er eine Minderheitenveranstaltung; gerade unter den Bedingungen von Bologna haben die meisten Studenten Besseres zu tun, als aktionsgruppenförmig in Hörsälen zu übernachten. Und wie für jeden Streik galt auch für viele Texte seiner Aktivisten, was der Hamburger Philosoph Ulrich Steinvorth protestierenden Studenten einmal zugerufen haben soll: „Ihr seid genauso dumm, wie ich damals war.“
Mehr Geld, mehr Personal
Aber die Politik zuckte zusammen. Und beschloss, weil eben nicht nur ein paar Studenten streikten, sondern die Beschwerdemasse vielerorts drastisch angestiegen war, jene dritte Stufe der Kritikverarbeitung: das Gespräch aller mit allen im Zeichen einer Reformreform. Deren Umrisse wurden jetzt auch in Berlin sichtbar. Man stellt von sechs- auf achtsemestrige Bachelorstudiengänge als Normalfall um und schafft zusätzlich eventuell etwas, das die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Margret Wintermantel, ein „Mobilitätsfenster“ nannte, rechnet also Auslandssemester nicht voll auf die Regelstudienzeit an. Außerdem will man lockerer mit der studentischen Präsenzpflicht in Seminar und Vorlesung umgehen; in Berlin wurde wiederholt über Anwesenheitslisten diskutiert, so als gehe es um die Abschaffung der Stechuhr im Betrieb. Anstatt die vollgestopften Stundenpläne zu überarbeiten, scheint man hier auch die Lebenslüge von Seminaren, die in Abwesenheit besucht werden können, für eine Lösung zu halten.
Eine andere Lösung soll in der Formel „mehr Geld“ bestehen. Dabei ist es dieselbe HRK, die durch ihre Verweigerung eines stärkeren Ausbaus der Fachhochschulen - dazu hätten die Universitäten abgeben müssen - das Problem erst geschaffen hat, dessen Lösung „Bologna“ sein sollte, die jetzt eine Verbesserung der Betreuungsverhältnisse fordert. Der Quotient aus Lehrkräften und Studierenden je Fach soll erhöht werden. Freilich nicht, wie es auch ginge, durch Abstandnahme vom phantasievollen Projekt, demnächst vierzig Prozent eines Jahrganges an die Universitäten zu bringen. Nicht der Nenner soll gesenkt, sondern der Zähler erhöht werden. Zur Begründung verweist man auf die Wissensgesellschaft und den Akademikerbedarf, auch wenn offenbleibt, auf welche Weise der Standort durch Betriebswirte, Juristen, Medienwissenschaftler und Germanisten gesichert werden mag, um nur ein paar Massenfächer zu nennen, deren Lehrquotienten vielerorts besonders niedrig sind.
Pflege der fachlichen Standards
Doch in der blinden Bejahung des Wachstumspfades, der zur misslungenen Reform zwang, sind sich fast alle einig. Die Studierendenvertreter forderten gar ein allgemeines Recht auf Zugang zum Masterstudium. Dass dem recht bald die Forderung nach einem allgemeinen Recht auf Promotion folgen müsste, scheint ihnen unklar. Aber woher sollen sie es auch wissen, macht ihnen die Politik zusammen mit der HRK doch vor, dass man an Fortschritt durch Zertifikate-Drucken glauben kann, ohne dafür ausgelacht zu werden. Wenn die Technischen Universitäten zuletzt ebenfalls den Masterabschluss als Regelabschluss und Äquivalent zum Diplom-Ingenieur gefordert haben, dann zeigt das den einzigen Weg aus diesem Dilemma: Pflege der fachlichen Standards und ein allgemeines Recht darauf, bei Nichterfüllung auch durchfallen zu können.
Dass die Politik ihrerseits schon aus fiskalischen Gründen nicht wünscht, den Bachelor als bloße Zwischenprüfung auf dem Weg zum Master zu etablieren, liegt auf der Hand. Aber sie merkt nicht, dass man sich mit diesem Wunsch in einen Widerspruch begibt, wenn gleichzeitig an den Universitäten keinerlei Anreize zum selektiven Prüfen und Aufrechterhalten kognitiver Standards existieren. Die Hochschulen sollen, anders formuliert, immer mehr Abiturienten aufnehmen, sollen behaupten, diese könnten in sechs bis acht Semestern alle möglichen „Kompetenzen“ erwerben und jedenfalls nicht scheitern, sollen sie studienbegleitend in Dutzenden von Verfahren prüfen - und sie dann, auch wenn ihre Durchschnittsnote eine Eins vor dem Komma hat, nicht zum Masterstudium zulassen? Man könnte darauf kommen, dass hier irgendetwas nicht stimmt.
Didaktische Phrasen und Orientierung
Zur Analyse, was nicht stimmt, tragen allerdings Phrasen wie die, der „Paradigmenwechsel zur studierendenzentrierten Lehre“ sei noch nicht vollzogen, wenig bei. Margret Wintermantel, die sie aus den Beschlüssen der HRK vortrug, setzte in Berlin noch eins drauf: Es müsse mehr auf „learning outcomes“ geachtet werden. So kann man natürlich jedes Problem als auf bloßen Didaktikmängeln beruhendes verquatschen. Die jetzt als „selbstständige, eigenverantwortliche Lerner“ angesprochenen Studenten sind jene, für die soeben noch eine ganze Hochschulreform auf den Weg gebracht wurde, um ihnen Wahlmöglichkeiten zu nehmen und dafür Orientierung (“Verschulung“) zu geben.
Jetzt teilt die HRK mit, es werde in der Lehre an deutschen Hochschulen noch zu viel Wissensvermittlung anstatt „Kompetenzerwerb“ betrieben. Es ist dieselbe HRK, die durch die Bologna-Reform dafür gesorgt hat, dass in manchen Fächern das Studium fast nur noch aus Überblicksvorlesungen und dem Nachschlagen in „Handbüchern“ besteht, weil der „workload“ freie Lektüre nicht mehr zulässt.
Insofern fällt es schwer, aus diesen zusammengestoppelten, widersprüchlichen, nur mal diese, mal jene Werte beschwörenden, aber an keinerlei Empirie interessierten Redensarten nicht auf einen kompletten geistigen Burn-out der akademischen Funktionärsklasse zu schließen. Wer solche Sätze formuliert, kann lange schon nicht mehr unterrichtet haben und bezieht sein Wissen über die Universität offenkundig weder durch Anschauung von Universitäten noch aus Nachdenken.