30.09.2009 · Wer die Anzahl der Doktorarbeiten als Beweis für rege Forschungstätigkeit nimmt, befördert zweifelhafte Qualität. Für viele Doktoranden ist die Promotion nur ein Vehikel, um die soziale Stellung und das eigene Einkommen zu erhöhen.
Von Tobias Schulze-ClevenDie Empörung war groß, als zuletzt allgemein bekannt wurde, dass sogenannte Promotionsberater Professoren bezahlt haben, um Kandidaten bis zur Erlangung des Doktorgrades durchzubringen (Doktor spielen: Der Handel mit Titeln an Hochschulen). Doch diese Nachricht kam wenig überraschend: Promotionsberater gibt es schon lange, und dass ihr Treiben nicht ganz legal war, wurde allgemein angenommen. Das eigentliche Problem liegt aber tiefer und wurde bisher kaum thematisiert. Es betrifft die Funktion der Promotion in Deutschland.
Für viele Doktoranden bedeutet die Promotion nicht den Einstieg in eine potentielle wissenschaftliche Karriere. Sie soll vielmehr ein Signal setzen für den privaten Arbeitsmarkt. Die Dissertation wird als Vehikel genutzt, um die soziale Stellung und das eigene Einkommen zu erhöhen. Der wissenschaftliche Gehalt sogenannter Statuspromotionen ist im Vergleich zu denen der meisten Nachwuchswissenschaftler oft fraglich. Auch unter Politikern sind Statuspromotionen sehr beliebt.
Im internationalen Vergleich wird in Deutschland kräftig promoviert, im Jahr fast 25.000 Mal. Relativ zur Größe der Bevölkerung sind das über vierzig Prozent mehr als in Frankreich und gut 25 Prozent mehr als in Großbritannien. Im OECD-Durchschnitt besitzt ein Prozent aller Bürger über 25 Jahren einen Doktortitel. In den Vereinigten Staaten sind es 1,2 Prozent, in Deutschland sogar 1,8 Prozent.
Hierzulande ist der Doktortitel ein wichtiger Mechanismus für die Reproduktion gesellschaftlicher Eliten, der individuell rational sein kann, aber gesamtgesellschaftlich negative Folgen hat. Zwar können Bildungssignale die Effizienz des Arbeitsmarktes erhöhen, selbst wenn sie nicht mit der Aneignung irgendwelcher Lerninhalte einhergehen und nur die Bereitschaft des Bewerbers anzeigen, knappe Ressourcen wie Zeit und Geld zu investieren. Aber liefern Statuspromotionen, und insbesondere die durch Promotionsberater vermittelten, wirklich zuverlässige Informationen über die Eigenschaften eines Bewerbers?
Negative Folgen werden ignoriert
Die negativen Folgen des Titelfetischismus sind bekannt, werden aber weitgehend ignoriert. Statuspromotionen binden knappe Mittel im öffentlich finanzierten Bildungswesen. Diese Mittel stehen dann nicht mehr für den eigentlichen Auftrag zur Verfügung, also die inhaltliche Ausbildung von Arbeitskräften und die Herausbildung mündiger Bürger. In einem Bildungswesen mit der Finanzausstattung der Vereinigten Staaten, wo insgesamt 2,9 Prozent des Bruttosozialprodukts (BSP) in die höhere Bildung fließen, fielen die Ausgaben für Statuspromotionen vielleicht gar nicht auf. In einem chronisch unterfinanzierten Bildungswesen wie in Deutschland mit Ausgaben für höhere Bildung von nur 1,1 Prozent des BSP sieht das aber anders aus.
Zudem verzerren Statuspromotionen die Auswahl fähiger Nachwuchswissenschaftler. Viele von ihnen streben derzeit nach einer Habilitation als eine Art „zweiter Promotion“, die in der deutschen Wissenschaft oft noch erforderlich ist, im internationalen Vergleich aber anachronistisch erscheint. Eine Aufwertung der wissenschaftlichen Promotion in Deutschland würde solche Habilitationen überflüssig machen.
Wenn Statuspromotionen schon als Signal für den Arbeitsmarkt gewünscht werden, dann könnte man die Titelanwärter zumindest auch als Geldquelle für die Universitäten gewinnen. Laut OECD beträgt der Anteil privater Mittel in der Hochschulfinanzierung in Deutschland wie auch im EU-Durchschnitt gerade einmal 0,2 Prozent des BSP. Im Vergleich dazu kommen private Mittel in den Vereinigten Staaten auf 1,9 Prozent des BSP, in Kanada auf 1,1 Prozent und in Großbritannien immerhin noch auf 0,4 Prozent. Hier gäbe es in Deutschland großen Spielraum, um für volkswirtschaftlich wenig förderliche, aber für das spätere private Einkommen relevante Leistungen des Bildungssystems entsprechende Gebühren zu verlangen. Das ist in Amerika längst Praxis bei Studiengängen wie dem „Master of Business Administration“ (MBA) oder dem rechtswissenschaftlichen „Juris Doctor“ (JD). Beide Titel sind in der amerikanischen Wirtschaft und Politik der deutschen Statuspromotion funktional äquivalent.
Neue Opportunitätskosten
Wie kann der wissenschaftsfremde Umgang mit der Promotion in Deutschland gebrochen werden? Am vielversprechendsten ist sicher die budgetneutrale Einführung eines Systems von Studiengebühren und Stipendien, das zum Aufbau wissenschaftlicher Hürden bei der Zulassung genutzt werden könnte und den Universitäten neue Steuerungsmechanismen in die Hand gäbe. Da wissenschaftsorientierte und statusorientierte Promotionsvorhaben prima facie nicht immer zu unterscheiden sind, würden klare wissenschaftliche Hürden neue Opportunitätskosten für das Erlangen des ersehnten Statussignals schaffen. Natürlich müssten sich deutsche Hochschulmanager dann von der Praxis verabschieden, eine hohe Anzahl an Promotionen als Beweis für rege Forschungsleistungen und intensive Nachwuchsförderung anzusehen – eine Interpretation, die zur Erhöhung der Anzahl an Statuspromotionen geradezu verführt.
Vielleicht werden aber auch die in Folge von Bemühungen um Exzellenz eingeführten strukturierten Doktorandenprogramme helfen. Nachwuchswissenschaftler werden sich in Zukunft sicher um die Aufnahme in solche Programme bemühen, um dort intensiv und im Idealfall auch im Team von mehreren Professoren betreut zu werden. Durch diese Selektion bekäme dann die traditionelle Form der Promotion bei einem Hochschullehrer im „Meister-Lehrling-Verhältnis“ – autonom durchgeführt und kaum externer professioneller Kontrolle unterworfen – den Anschein einer „Promotion zweiter Klasse“. Dann würde vielleicht ein größerer Anteil der privatwirtschaftlichen und politischen Nachwuchskräfte nicht den Weg einer Statuspromotion wählen, sondern in den Erwerb von Signalen investieren, die einen klaren inhaltlichen Bezug zu ihrer tatsächlichen Tätigkeit hätten.
Die Diss von Stoiber ist ausgesprochen gut!
fritz Teich (fazfazfaz123)
- 30.09.2009, 14:46 Uhr
Akademische Titelinflation
Dietmar Kolbus (DK1701)
- 30.09.2009, 15:35 Uhr
Weitere Aspekte
Closed via SSO (Morrissey)
- 30.09.2009, 15:39 Uhr
Bahnbrechende Erkenntnis
Dr. Sorglos (Dr_Sorglos)
- 30.09.2009, 15:45 Uhr
Freiwillig in die GraduiertenSCHULE = Doktorandenprogramm?
Günter Weber (GWeberBV)
- 30.09.2009, 16:10 Uhr