14.07.2009 · Die Bildungsreformen der letzten Zeit führen insgesamt zu Autonomieverlusten an den Universitäten und in der Gesellschaft: Die Regulierungen werden rigider, die Unsicherheit wird größer - meint der Soziologie-Professor Georg Vobruba.
Autonomie bedeutet: tun, was man will, und wissen, was man tun will. Zwei elementare Voraussetzungen dafür sind soziale Sicherheit und Bildung. In der Moderne sind aus dem Zusammenwirken von materiell abgesicherten Lebenslagen und Bildungsüberschüssen immer wieder Intellektuellenbewegungen entstanden. Dabei handelt es sich um Leute, die Kritik an den gegebenen Verhältnissen üben, die ihre relativ privilegierten Positionen nicht einfach verteidigen, sondern zu verallgemeinern trachten.
Soziale Sicherheit und Bildung für alle (oder doch: für viele) hatten darum immer schon den Verdacht gegen sich, zu Unruhe, Widerstand zu führen. Das ist der systematische Grund, warum die Vorwürfe gegen Sozialleistungsempfänger, Studierende und Intellektuelle so merkwürdig ähnlich klingen. „Geht arbeiten!“ – das bedeutet: Ihr habt zu viel frei verfügbare Zeit, also zu viel Zeit zum Nachdenken und zu wenig Probleme mit der Existenzsicherung. Wenn man in Studierenden transitorische Intellektuelle sieht, kann man die spezifische Umsetzung des Bologna-Prozesses als Versuch begreifen, mit den Studierenden in miniaturisiert Lenin’scher Manier umzugehen: sie mit „eiserner Faust“ anpacken, sie zu mehr Disziplin anhalten und auf fremdgesetzte Ziele einstellen. Ob das tatsächlich gelingt, ist allerdings sehr fraglich.
Individuelle Freiräume unter verstärkter Kontrolle
Aber die traditionellen Mittel zur Herstellung von politischer Steuerbarkeit, Unsicherheit und Unwissen lassen sich nicht mehr so einsetzen wie früher. Im Kern liegt das an den radikal veränderten Anforderungen an die Arbeitskraft. In der modernen Gesellschaft hat man es mit einer komplexen Ökonomie zu tun. Insbesondere bedarf sie kreativer, selbstverantwortlich handlungsfähiger, fachlich kompetenter Arbeitskräfte in relativ großer Zahl. Die Voraussetzung dafür sind Existenzsicherheit und Bildung. Die neuen Anforderungen an die Arbeitskraft haben aber Folgen, die über die Ökonomie hinausreichen. Indem Sicherheit und Wissen zu Produktionsfaktoren werden, entsteht eine nicht aufhebbare Ambivalenz. Sicherheit und Wissen werden einerseits ökonomisch erforderlich, bergen aber andererseits Risiken, da sie individuellem Handeln immer auch nicht kontrollierbare Spielräume eröffnen – kurz: Autonomiegewinne abwerfen.
Die Sozial- und Bildungsreformen der letzten Jahre kann man als eine Vielzahl von Versuchen begreifen, diese Ambivalenz zu überwinden: individuelle Freiräume unter verstärkte Kontrolle zu bringen, sie nicht zu zerstören, aber zu funktionalisieren. Man kann auch sagen: Es geht darum, Autonomieverluste für die Leute ohne Funktionsprobleme für die Ökonomie zu organisieren. In diesem Sinn wird in der Sozialpolitik versucht, die Lebensführung Arbeitsloser durch die enge Anbindung von Sozialleistungen an Arbeit und Disziplin („fördern und fordern“) zu kontrollieren, eine gesunde Lebensführung und aktives Altern zur Bürgerpflicht zu machen.
Sozialpolitik als Vorstufe zur Wiederbeschäftigung
Und in ähnlicher Absicht wird für die Studierenden Dauerprüfungsdruck und für die Lehrenden Dauerrechtfertigungsdruck an den Universitäten installiert. Ebenso wird versucht, akademische Bildung auf Ausbildung zu reduzieren, also auf das, wovon man meint, dass es auf dem Arbeitsmarkt verwertbar ist. Insgesamt führen die Reformen der sozialen Sicherungssysteme wie die der Bildungssysteme aktuell zu Autonomieverlusten: Sie führen zu rigideren Regulierungen, zu verringerten individuellen Handlungsspielräumen und zu erhöhter Unsicherheit.
Es wäre naiv, hinter solchen Entwicklungen keine einschlägigen Interessen zu sehen. Es wäre aber noch naiver, dahinter einen Masterplan zu vermuten, der auf Autonomieverluste angelegt ist. Man muss genau hinsehen. Zwar trifft zu, dass versucht wird, soziale Sicherheit und Bildung so zuzuschneiden, dass die durch sie eröffneten Handlungsmöglichkeiten im Sinne fremdgesetzter Ziele genützt werden. Sozialpolitik als Vorstufe zur Wiederbeschäftigung um jeden (niedrigen) Preis, Uni-Lehrpläne strikt auf Verwertbarkeit des Wissens getrimmt. Aber klappt das tatsächlich? Es ist keineswegs ausgemacht, dass es gelingt, soziale Sicherheit und Bildung so zu regulieren, dass sie einerseits präzise auf ökonomische Funktionserfordernisse eingestellt sind, dass andererseits aber ihre autonomieförderlichen Effekte nachhaltig unterdrückt bleiben. Gegen die dauerhafte Festschreibung von Autonomieverlusten spricht schon das permanente Lamento über zweckentfremdende Nutzungen von Sozialleistungen ebenso wie der aktuelle Vorwurf hochschulpolitischer Funktionäre an die Universitäten, es würden in die neuen Studiengänge die alten Inhalte gepackt. Letzteres bedeutet im Klartext: Die Universitäten lassen sich ökonomischen Funktionserfordernissen nicht so ohne weiteres anpassen.
Dilemma zwischen Regulierung und Innovation
Es geht nicht um aktionistischen Widerstand gegen jede Art von Reformen, die auf mehr Arbeitsmarkttauglichkeit des Studiums angelegt sind. Darum ist der politische Vorwurf, die Universitäten würden sich Reformen widersetzen, ebenso unklug wie hilflos. Es ist vielmehr eine Art strukturelle Sperrigkeit akademischer Wissensproduktion und -vermittlung, welche Universitäten daran hindert, in der arbeitsfixierten ökonomischen Modernisierung der Gesellschaft unterzugehen. Es gibt aber systematische Gründe für die Annahme, dass es nicht gelingen wird, die Autonomieverluste auf Dauer zu stellen.
Prinzipiell ergeben sich aus sozialer Sicherheit und Bildung Freiräume, in deren Rahmen individuelles Handeln schwer prognostizierbar ist. Aus theoretischer Perspektive wird dies als eine gesellschaftliche Unbestimmtheitslücke, aus einer auf Ordnung bedachten praktischen Sicht als politisches Risiko beobachtet. Gleichwohl muss dieses Risiko eingegangen werden. Denn gerade aus ökonomischen Gründen ist Bildung in einer Qualität erforderlich, die sich doch nie strikt auf ökonomische Verwertung festlegen lässt. Und je anspruchsvoller die Ökonomie, je komplexer ihre Aufgaben, umso mehr gilt dies. Das Dilemma zwischen Regulierung und Innovation ist unauflösbar.
Ich konstruiere hier keinen Automatismus, der sozusagen hinter dem Rücken der Akteure deren Autonomie absichert. Man muss schon selbst etwas tun. Mein Argument lautet vielmehr: Die Verhältnisse sind so, dass man etwas tun kann. Die soziologische Analyse kann aus der Untrennbarkeit zwischen „technischen“ und „emanzipatorischen“ Aspekten von sozialer Sicherheit und Bildung auf strukturelle Bedingungen für selbstbestimmtes Handeln schließen. Die Realisierung von Autonomiegewinnen, diesseits und jenseits der Arbeit, ist eine Sache der Praxis.
Mehr Autonomie wagen!
Klaus Dieter (Leser2009)
- 15.07.2009, 05:20 Uhr
Feiern oder studieren?
Bjorn Kulms (bgks)
- 15.07.2009, 10:55 Uhr