22.10.2008 · Der Bildungsgipfel in Dresden bot bislang Phrasen simpelster Machart, eine endlosen Liste von Reformforderungen und solche nach Lehrerfestivals, Wissenschaftsshows oder Tage der Talente. Wenn die für diese Ideen verbrauchte Energie nur je in Arbeit umgesetzt würde!
Von Jürgen KaubeEs gibt keine Interessengruppe, die sich nicht zum Bildungsgipfel gemeldet hätte. Alle wissen, „was gute Bildung wirklich braucht“, um es mit einem Slogan zu sagen, dessen Verstand die betreffende Initiative in Dresden, dem Tagungsort des Gipfels, durch Aufstellen einer „Bildungstreppe“ aus überdimensionalen Schulbüchern unterstreicht. Zu Pressekonferenz und Fototermin laden sie herzlich ein. Sie, das heißt: alle. Niemand, der sich dieser Tage nicht in der Nähe irgendeines lächerlichen, weil eigens dafür produzierten Bildungssymbols ablichten ließe und dem Publikum zumutet, eben dies für einen Beitrag zur Bildungsdebatte zu halten.
So schickt das Ministerium ein gleichfalls überdimensionales, weil ganz offenkundig an Kameras und Leute mit intellektueller Sehschwäche adressiertes „Buch der Bildungsrepublik“ auf Reisen. Nähme man allein die Zeit, die für Vorbereitung und Durchführung solcher Reklame draufgeht, und verpflichtete das PR- und Politikpersonal, im selben Umfang mit seinen Kindern tatsächliche Bücher zu lesen oder zu spielen oder, falls keine Kinder da sind, selbst alles von Shakespeare oder ein Mathematikbuch, etwas über die Entstehung des Aufrechtgehens oder den ganzen Bill Waterson zu lesen – all dies wäre in der betreffende Zeit locker möglich –, das Land wäre zumindest in jenen Kreisen sofort weniger durchschnittsdumm.
Professionelles Phrasendreschen
Ganz abgesehen davon, dass in diesen Stunden des Rückzugs der Sprachrohre der öffentliche Geräuschpegel wieder normalisiert wäre. So aber hört man: Bildung muss Chefsache sein. Wir müssen in einer Bildungsrepublik leben. Einen Bildungsdialog führen. Bildung und Wissenschaft gebührt Vorfahrt. Bildungsnetzwerke müssen gebildet, „Häuser für kleine Forscher“ gegründet werden. Und so weiter, eine endlose Abfolge von Phrasen niederschmetterndster Machart nebst einer endlosen Liste von Reformforderungen, Geldforderungen und Verteilungsvorschlägen, ein endloses Dringlichkeitsgerede. Im Begleitprogramm dann Unfug des besagten Typs: Lehrerfestivals, Wissenschaftsshows, ministerielle Bildungsreisen, auf denen sich aber die Ministerin gar nicht bildet, sondern an jedem Ort denselben Text aufsagt – und schließlich „Tage“: Tage der Geisteswissenschaften, der Talente, der Bibliotheken ... Noch einmal gefragt: Wie wäre es, wenn die ganze Energie, die in diese Reklame fährt, in tatsächliche Arbeit umgesetzt würde?
Das führt auf den mentalen Zustand derjenigen, die sich bildungszuständig und insofern im privilegierten Besitz von Bildung fühlen. „Was heißt schon Elite, wenn das halbe Land nicht lesen kann?“, schrieben vor Jahren die jungen amerikanischen Autoren der Zeitschrift „n+1“ ins Vorwort ihres ersten Heftes. Was heißt schon Elite, möchte man ergänzen, wenn auf Bildungsgipfeln Bildungstreppen aufgestellt werden und Bildungsministerinnen sich zum Tätigkeitsnachweis neben Bildungskulissen fotografieren lassen? Vielleicht ist es ja doch ganz falsch, bei der Bildungskatastrophe immer nur an Leute vom unteren Rand der Einkommens- und Zertfikateverteilung zu denken. Wie bildungswillig oder belesen muss man sich Leute vorstellen, die allen Ernstes den sozialen Aufstieg ganzer Schichten durch deren bessere Beschulung in Aussicht stellen? Vielleicht ist ein Problem von Bildung hierzulande auch damit umschrieben, dass die Bildungsfrage in der Hand von Leuten ist, die entweder auf Public Relations oder auf Reformen spezialisiert sind. Beides läuft mittlerweile auf dasselbe hinaus und bedeutet, dass sie mit der Sache selbst gar nichts zu schaffen haben, weil sie mit der Produktion von Schlagworten und der Verbreitung des Glaubens an Schlagworte beschäftigt sind.
Zahlen, Zertifikate, Reklame
Neben den Schlagworten gibt es dann noch die Zahlen. Die unsinnigen, nichtssagenden Beteiligungzahlen etwa: wie viele Arbeiterkinder an Hochschulen, wie viele Migranten an Gymnasien, wie viele vom Jahrgang überhaupt mit Abitur. Immer neuen Gruppen sollen Zugänge zu etwas erschlossen werden, das man zugleich im Zuge der Reformen zu ruinieren im Begriff ist; die Leistungsorientierung der Gymnasien etwa, die Möglichkeit zu einem an Gesichtspunkten der Erkenntnis orientierten Studium oder eine Forschung, die außerhalb von Kommissionen Zeit für sich selbst findet. Die Hochschulen fordern mehr Geld, jammern, finden aber zugleich nicht den Mut, der Politik zu signalisieren, dass ein weiteres Wachstum ihr Elend verlängerte. Der Krippenausbau wird entlang von vermeinten Bedarfszahlen vorangetrieben, aber niemand sagt, woher denn all die Zigtausende an zusätzlichen Erzieherinnen kommen sollen. Die Lehrerausbildung ist verelendet, viele Familien erziehen nicht, der Anteil der Fremdsprachler nimmt zu, der Anteil der an Bildung Desinteressierten auch, aber man verkürzt die Gymnasialzeit und schmeißt Haupt- mit Realschulen zusammen, damit die Schule insgesamt effizienter und netter aussieht und am Ende mehr Zertifikate zum selben Preis abgerechnet werden können.
Zahlen, Zertifikate, Reklame – gemeinsam ist all dem die Zugehörigkeit zur Welt bloßer Symbole. Bildung im öffentlichen Wortgebrauch, das bedeutet gar nichts, das tut nur so. Das Gerede über sie ist insofern an ihrer Verhinderung beteiligt.
Merkels Forum zum Absondern von wohlfeilen Plattitüden
joachim bovier (jbovier)
- 22.10.2008, 19:52 Uhr
Einem Lehrer...
David Andres (DerNagus)
- 22.10.2008, 20:13 Uhr
Wohin Bildung...?
uwe mildner (recfarm2)
- 22.10.2008, 23:56 Uhr
Bildung in Deutschland
Jens Holland-Nell (243H11N802)
- 23.10.2008, 02:08 Uhr
Bildungsgipfel: FAZ spricht Klartext
Michael Miller (Bildungswirt)
- 23.10.2008, 02:22 Uhr