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Veröffentlicht: 10.09.2012, 09:22 Uhr

Bildungsmisere Mitunter muss ein Drittel des Kollegiums ersetzt werden

An vielen Grundschulen herrscht Lehrermangel. Wie er bewältigt wird, darin liegt der nächste Skandal. Die Verwaltung ist überlastet, die Politik ahnungslos, die Eltern sind ohnmächtig.

© ZB/dpa Und wieder hat niemand verbessert „Es muss heißen: wegen Lehrermangels!“ (hessisch „desdewesche“ oder „deskummtdodevo“)

In Hessen treffen sich seit Monaten keine Unternehmer mehr, ohne nicht auch über den Mangel an Fachkräften zu sprechen. Obwohl er erst einmal als Drohung beobachtet wird. Schon heute hätten vierzig Prozent der Unternehmen offene Stellen, die sie nicht kurzfristig besetzt bekämen, sagt die Studie eines hessischen Unternehmerverbands. Arbeitgeber und Politiker tagen zum Thema „Arbeitnehmerattraktivität“, fragen, wie „helle Köpfe für Hessen“ zu gewinnen seien, und erklären: „Fachkräftesicherung braucht Weitsicht.“ In den Veranstaltungen, die diese Titel tragen, geht es selten um etwas anderes als die Weltoffenheit der hessischen Regionen und die Attraktivität des Frankfurter Flughafens.

Übersehen scheint, dass „Fachkräftemangel“ im Ursprung ein Nachwuchsproblem ist. Heike Strack, die Geschäftsführerin der Arbeitsagentur in Montabaur, merkte es in einer Diskussion der hessischen Chemiearbeitgeber an: Bis 2025 sinke die Zahl der Schulabgänger in Hessen von heute 63 000 auf 50 000 Schüler. Was diese Zahlen inhaltlich bedeuten, wird fast ausschließlich mit Blick auf Zuwanderung diskutiert. Dass einige der Schulabgänger von 2025 gerade eingeschult werden, bleibt unbemerkt. Über Probleme, die Schulen derzeit haben, wurde nicht gesprochen.

Studium nicht erforderlich

In Hessens größter Stadt, Frankfurt, gibt es 75 Grundschulen. In fünfzehn von ihnen gab es im vergangenen Schuljahr erhebliche Unterrichtsausfälle, weil Lehrer fehlen. Manche Klassen, auch erste, mussten beinah wöchentlich Wechsel in der Klassenleitung hinnehmen. Insgesamt waren 230 Vertretungskräfte im Einsatz. Einige Schulen ersetzten zeitweise ein Drittel ihres Kollegiums. Die Vertretungskräfte waren formal nur sehr selten ausreichend qualifiziert. Weil es nicht genügend pensionierte Lehrer gibt, die Vertretungsstunden übernehmen können, wurden stattdessen Lehramtsstudierende angeworben. Ihre Bereitschaft, ohne Ausbildung, Prüfung und professionelle Begleitung die Leitung einer Grundschulklasse zu übernehmen, wird auf die Abschlussnote des Studiums angerechnet, führt also schneller zum Referendariat.

In den ungünstigen Fällen fielen die Lehrer so kurzfristig aus, dass nicht einmal mehr Vertretungskräfte aufzutreiben waren. Dann griff das Programm „verlässliche Schule“. Die Schulleitung, der morgens ein Lehrer abhandenkommt, muss kurzfristig Ersatz suchen. Sie telefoniert mit Interessierten, die es sich vorstellen können, Unterricht zu übernehmen. Die Anforderungen sind niedrig. Ein Lehramtsstudium ist nicht erforderlich. Es muss nicht einmal irgendein Studium abgeschlossen sein. Es reicht, Zeit zu haben. Selbst mangelnde Deutschkenntnisse werden manchmal hingenommen, damit überhaupt Unterricht stattfindet. In Frankfurt wurden im vergangenen Schuljahr 23 500 Unterrichtsstunden in Grundschulen mit dieser Form von Vertretung bestritten. Die Kinder merken sich die Namen der Menschen nicht, die täglich neu vor ihnen stehen. Die Eltern wissen nicht, wer ihr Kind betreut und das Zeugnis schreibt.

„Aktivierung der inländischen Potenziale“

Kurz vor den Ferien, als viele Eltern mit ihren Nerven am Ende waren, war die Forderung eindeutig: Fünfzig neue Lehrer brauchen die Grundschulen Frankfurts. Die von der Politik festgelegte Lehrerreserve von 0,25 Prozent, reicht nicht. Jede dritte Lehrkraft in Frankfurts Grundschulen ist weiblich und jünger als Vierzig. Die mittelfristigen Ausfälle sind programmiert, in der Planung jedoch nicht vorgesehen. Von dem politischen Plan, die Lehrerreserve auf ein Prozent zu erhöhen, verabschiedete sich in diesem Jahr Hessens Kultusministerin Nicola Beer (FDP) schon zu ihrem Amtsantritt.

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