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Dienstag, 18. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Bildungsmisere Mitunter muss ein Drittel des Kollegiums ersetzt werden

 ·  An vielen Grundschulen herrscht Lehrermangel. Wie er bewältigt wird, darin liegt der nächste Skandal. Die Verwaltung ist überlastet, die Politik ahnungslos, die Eltern sind ohnmächtig.

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© ZB/dpa Und wieder hat niemand verbessert „Es muss heißen: wegen Lehrermangels!“ (hessisch „desdewesche“ oder „deskummtdodevo“)

In Hessen treffen sich seit Monaten keine Unternehmer mehr, ohne nicht auch über den Mangel an Fachkräften zu sprechen. Obwohl er erst einmal als Drohung beobachtet wird. Schon heute hätten vierzig Prozent der Unternehmen offene Stellen, die sie nicht kurzfristig besetzt bekämen, sagt die Studie eines hessischen Unternehmerverbands. Arbeitgeber und Politiker tagen zum Thema „Arbeitnehmerattraktivität“, fragen, wie „helle Köpfe für Hessen“ zu gewinnen seien, und erklären: „Fachkräftesicherung braucht Weitsicht.“ In den Veranstaltungen, die diese Titel tragen, geht es selten um etwas anderes als die Weltoffenheit der hessischen Regionen und die Attraktivität des Frankfurter Flughafens.

Übersehen scheint, dass „Fachkräftemangel“ im Ursprung ein Nachwuchsproblem ist. Heike Strack, die Geschäftsführerin der Arbeitsagentur in Montabaur, merkte es in einer Diskussion der hessischen Chemiearbeitgeber an: Bis 2025 sinke die Zahl der Schulabgänger in Hessen von heute 63 000 auf 50 000 Schüler. Was diese Zahlen inhaltlich bedeuten, wird fast ausschließlich mit Blick auf Zuwanderung diskutiert. Dass einige der Schulabgänger von 2025 gerade eingeschult werden, bleibt unbemerkt. Über Probleme, die Schulen derzeit haben, wurde nicht gesprochen.

Studium nicht erforderlich

In Hessens größter Stadt, Frankfurt, gibt es 75 Grundschulen. In fünfzehn von ihnen gab es im vergangenen Schuljahr erhebliche Unterrichtsausfälle, weil Lehrer fehlen. Manche Klassen, auch erste, mussten beinah wöchentlich Wechsel in der Klassenleitung hinnehmen. Insgesamt waren 230 Vertretungskräfte im Einsatz. Einige Schulen ersetzten zeitweise ein Drittel ihres Kollegiums. Die Vertretungskräfte waren formal nur sehr selten ausreichend qualifiziert. Weil es nicht genügend pensionierte Lehrer gibt, die Vertretungsstunden übernehmen können, wurden stattdessen Lehramtsstudierende angeworben. Ihre Bereitschaft, ohne Ausbildung, Prüfung und professionelle Begleitung die Leitung einer Grundschulklasse zu übernehmen, wird auf die Abschlussnote des Studiums angerechnet, führt also schneller zum Referendariat.

In den ungünstigen Fällen fielen die Lehrer so kurzfristig aus, dass nicht einmal mehr Vertretungskräfte aufzutreiben waren. Dann griff das Programm „verlässliche Schule“. Die Schulleitung, der morgens ein Lehrer abhandenkommt, muss kurzfristig Ersatz suchen. Sie telefoniert mit Interessierten, die es sich vorstellen können, Unterricht zu übernehmen. Die Anforderungen sind niedrig. Ein Lehramtsstudium ist nicht erforderlich. Es muss nicht einmal irgendein Studium abgeschlossen sein. Es reicht, Zeit zu haben. Selbst mangelnde Deutschkenntnisse werden manchmal hingenommen, damit überhaupt Unterricht stattfindet. In Frankfurt wurden im vergangenen Schuljahr 23 500 Unterrichtsstunden in Grundschulen mit dieser Form von Vertretung bestritten. Die Kinder merken sich die Namen der Menschen nicht, die täglich neu vor ihnen stehen. Die Eltern wissen nicht, wer ihr Kind betreut und das Zeugnis schreibt.

„Aktivierung der inländischen Potenziale“

Kurz vor den Ferien, als viele Eltern mit ihren Nerven am Ende waren, war die Forderung eindeutig: Fünfzig neue Lehrer brauchen die Grundschulen Frankfurts. Die von der Politik festgelegte Lehrerreserve von 0,25 Prozent, reicht nicht. Jede dritte Lehrkraft in Frankfurts Grundschulen ist weiblich und jünger als Vierzig. Die mittelfristigen Ausfälle sind programmiert, in der Planung jedoch nicht vorgesehen. Von dem politischen Plan, die Lehrerreserve auf ein Prozent zu erhöhen, verabschiedete sich in diesem Jahr Hessens Kultusministerin Nicola Beer (FDP) schon zu ihrem Amtsantritt.

Laut Rainer Kilian, dem stellvertretenden Leiter des Staatlichen Schulamts Frankfurt, der als Personaldezernent für die Grundschulen verantwortlich ist, rechnet die Stadt mit Kosten von 50 000 Euro pro Lehrer. Es fehlten demnach 2,5 Millionen Euro im Jahr für die elementare Fachkräftesicherung. Doch dieses Geld ist eigentlich da, es steckt sogar im Bildungssystem. Das hessische Konjunkturprogramm von 2009, mit einem Umfang von 1,7 Milliarden Euro, sei zu zwei Dritteln der Bildung zugutegekommen, betonte der Leiter der Hessischen Staatskanzlei, Axel Wintermeyer auf einer Veranstaltung vor mittelständischen Arbeitgebern. Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) richtete im November 2011 sogar eine „Fachkräftekommission“ ein, um die „Aktivierung der inländischen Potenziale“ zu forcieren.

Frank Martin, der die Fachkräftekommission und die Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit leitet, finanziert, zusammen mit dem Land, eines der Projekte. In Hessen gibt es, 2011 neu aufgelegt, „OloV“, die „Optimierung der lokalen Vermittlungsarbeit“ zwischen Schule und Beruf. Das Land und die Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit finanzierten das über drei Jahre laufende Programm mit 12,56 Millionen Euro, sagt Wolfgang Harms vom hessischen Wirtschaftsministerium. Eine Säule ist die Potentialanalyse „Kompo7“, die helfen soll, „junge Menschen möglichst zügig und passgenau in eine berufliche Ausbildung zu vermitteln“.

Mutige Programme

Mit dem Kompetenzfeststellungsprogramm, das die Schwächen und Stärken von Haupt- und Realschülern in der siebten Klasse ermittelt, soll die Berufswahl erleichtert werden. „Schwächen als Potential sehen, nicht als Fehler“, formuliert eine Mitarbeiterin des Programms die Losung. „Wir stehen am Anfang einer Entwicklung und sind dazu da, den Schülern durch ein Feedback eine bessere Selbsteinschätzung zu ermöglichen“, erklärte Anita Szdero, eine Koordinatorin, das Ziel des Programms, das die Schüler drei Tage in Anspruch nimmt. Die ersten beiden Tage gelten der Diagnostik, die Schüler bauen Murmelbahnen, gestalten Plakate und laufen durch Parcours. Jeder Mitarbeiter diagnostiziert auf diese Weise neun Schüler in zwei Tagen. Auf Papierbögen halten sie ihre Beobachtungen fest, die in 16 Kompetenzen münden und für jeden Schüler ein individuelles Profil ergeben. Das Ergebnis ist ein „Berufswahlpass“, der die Aussagen zu Engagement, Frustrationstoleranz, Leistungsbereitschaft, Zuverlässigkeit und weiteren Merkmalen festhält.

Anita Szdero, die das Programm im Main-Taunus-Kreis koordiniert, hat 2011 Schüler in 37 Schulen getestet. 150 weitere Schulen kämen nach ihren Angaben in Frage. Die Schulen reagierten positiv auf ihr Angebot, sagt sie, auch wenn „einige ältere Lehrer natürlich Probleme damit haben, sich auf Neues einzustellen“. Die Lehrer dagegen halten das Anliegen des Programms für „sehr mutig“. Auch meinen sie, dass die starke Ausrichtung auf Berufstauglichkeit in der siebten Klasse zu früh sei.

Würde die hessische Bildungslandschaft in den kommenden vier Jahren so bleiben, wie sie in den vergangenen vier Jahren war, sind sich einige Eltern Frankfurter Grundschüler sicher, werden ihre Kinder die Höchstnoten in der Kategorie „Selbständigkeit“ erhalten. Denn schon in der ersten Klasse müssen sie lernen, dass sie auf sich selbst achten müssen.

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Von Nils Minkmar

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