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Montag, 13. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Bildungsarmut Wie lang ist der Hals einer Giraffe?

03.05.2010 ·  Bildungsarme Kinder können im dritten Schuljahr oft kaum lesen und rechnen, später finden sie darum keine Lehrstelle und rutschen übergangslos in die „Maßnahmen“ des Arbeitsamtes. Noch mehr Geld oder sogenannte Bildungslotsen werden an diesem Zustand nichts ändern.

Von Regina Mönch
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In einer Grundschule im Norden von Berlin-Neukölln kämpft ein engagiertes Lehrerkollegium gegen die Sprachlosigkeit seiner jüngsten Schüler. Der ganze Unterricht hat ein Ziel: Die Kinder sollen auch jenseits ihrer heimeligen Parallelgesellschaft eine Chance haben, eine andere als die nächste Hartz-IV-Generation zu werden. Mehr als achtzig Prozent der Schüler kommen aus Migrantenfamilien, oft ist ein Elternteil aus der Türkei oder dem Libanon zur Verheiratung und Familiengründung nach Deutschland geholt worden. Aus den Belegen für kostenlose Lernmittel weiß Schulleiterin Astrid-Sabine Busse, dass allein für die Familien ihrer Schulkinder Monat um Monat vierhunderttausend Euro an Sozialhilfe gezahlt werden. Wenige Schüler schaffen es auf eine Realschule oder ein Gymnasium, nicht unbedingt sind deren Eltern der deutschen Sprache mächtig. Aber sie wollen, dass ihre Kinder weiterkommen.

Die Schule hat ein Elternzentrum eingerichtet, in das, mehr oder weniger freiwillig, Mütter und zuweilen auch Väter kommen müssen, um „grundlegende Fähigkeiten“ der Kindererziehung zu erwerben. Es sind Eltern aus Großfamilien, die dort lernen, wie wichtig es ist, mit ihren Kindern zu sprechen, mit ihnen gemeinsam Bilderbücher anzuschauen. Sie lernen eigentlich alles, von wettergerechter Kleidung über das Training motorischer Fähigkeiten bis hin zu einigermaßen gesunder Ernährung und dass Gewalt gegen Kinder hierzulande unter Strafe steht. Trotzdem erscheinen kaum türkische und arabische Eltern zu den Schulversammlungen. Gleichwohl hofft Frau Busse, bei den Kindern mehr zu erreichen, als es die Eltern zu Hause vorleben. Sie wäre sehr dafür, das Kindergeld abhängig zu machen von der Bereitschaft der Eltern, ihren Erziehungspflichten nachzukommen. Und sie weiß, dass ihre Schüler keine Spitzenplätze einnehmen werden bei den jährlichen Vergleichstests.

Lebensnotwendige, erweiterte und fortgeschrittene Fähigkeiten

Ungern übernimmt sie jetzt das sogenannte jahrgangsübergreifende Lernen für die Jüngsten, doch hätte sie lieber wieder ihre tüchtigen Vorklassenlehrerinnen. Die schafften es immerhin – nicht unbedingt im vorgeschriebenen Zeitrahmen –, in der Muttersprache wie der deutschen völlig ungeübte Kinder noch vor der ersten Klasse fit zu machen für das Abenteuer Schule. Frau Busse wünschte sich statt immer neuer „Reformen“ die Deutschförderung wieder als Regelunterricht und eine glasklare Ursachenanalyse der Defizite ihrer besonderen Klientel.

Vor wenigen Wochen kündigten Berliner Grundschullehrer an, einen bundesweiten Vergleichstest mit ihren schwierigen Schülern zu verweigern. Sie tun es nun doch nicht. Bei dem Test geht es, wie in jedem dritten Schuljahr, um eine Überprüfung der Fähigkeiten, kleine Texte, Märchen oder bebilderte Erzählungen, flüssig zu lesen und zu verstehen, unter mehreren Beispielsätzen den richtigen zu erkennen, und um die Lösung von Rechenaufgaben. Alle Aufgaben werden in drei verschiedenen Varianten gestellt, sie prüfen lebensnotwendige, erweiterte und fortgeschrittene Fähigkeiten. Schon in den vergangenen Jahren haben die Ergebnisse gezeigt, was Lehrer in Berlin und anderswo ohnehin wissen: Die Schüler aus bürgerlichen Vierteln, in denen nur wenige Migranten leben und „Hartz IV“ als Lebensunterhalt die Ausnahme ist, schnitten deutlich besser ab als die Schüler dritter Klassen aus Berlins zahlreichen sozialen Brennpunkten.

Am Geld liegt es nicht

Die Durchschnittsleistungen waren bisher zufriedenstellend, aber es lohnt ein genauer Blick auf die Ergebnisse, und die sind zum Teil erschreckend. Denn zu den Befunden der drei Schwierigkeitsstufen ist noch ein vierter hinzugekommen: „Kein hinreichender Nachweis für grundlegende Fähigkeiten im Lesen“. Das traf beim vorigen Test auf neunzehn Prozent der Berliner Schüler in dritten Klassen zu, deren Muttersprache nicht die deutsche ist (neun Prozent waren es bei den anderen). 49 Prozent der Schüler verstanden gerade einmal die einfachsten Lesetexte. Die Rechenleistungen waren ähnlich desaströs. Wenn aber am Ende der Alphabetisierungsphase fast sechzig Prozent der Kinder aus Migrantenfamilien kaum oder so gut wie nicht lesen und rechnen können, muss man sich fragen, wohin das führt. Die Gründe dafür sind nur bedingt in der Schule zu suchen, die trotz enormer Geldaufwendungen offenbar nicht über die geeigneten Instrumente verfügt, diesen Notstand zu beheben.

Berlin gibt inzwischen mehr als fünfzig Millionen Euro pro Jahr allein für die Sprachförderung aus. Es gibt eine ständig wachsende Schar von Lesepaten. Die Klassen sind kleiner geworden. Besonders in die sogenannten Brennpunktschulen werden immer mehr Lehrer geschickt. Ist das alles nicht genug? Oder sind die besorgniserregenden Befunde eher ein Beleg dafür, dass gerade in den kinderreichen Vierteln die vielen Reformprojekte der Berliner Bildungspolitik eher zum Nachteil der Schüler gereichen? Und dass sich der – zumindest den Lehrern wohlbekannte – Erziehungsnotstand in so vielen türkischen und arabischen Familien manifestiert, deren Kinder in den Vergleichstests besonders schlecht abschneiden. Mit forschen Bekenntnissen zur unbestreitbaren Weltoffenheit dieser Stadt und mit Verweisen auf „bereits vielfach erfolgreich gelebte“ Integration, wie sie Berlins Sozialdemokraten – voran der Bürgermeister – lieben, ist dagegen nicht anzukommen.

Ein bisschen schlossern, ein bisschen kochen

Der gerade veröffentlichte „Berufsbildungsbericht“ der Bundesregierung zeigt das andere Ende der fatalen Entwicklung. Mehr als vierzig Prozent eines jeden Jahrgangs, der die Schulen verlässt, landen in einer von Zigtausenden „Maßnahmen“ des sogenannten Übergangssystems. Wenn sie Glück haben, werden sie irgendwann in eine richtige Lehre vermittelt. Bis dahin gelten sie als nicht arbeitslos: gut für die Statistik, schlecht für den Lebenslauf der Betroffenen. Denn einen vernünftigen Beruf erlernen sie in diesen Warteschleifen nicht, nur ein bisschen schlossern, ein bisschen kochen oder auch nur gutes Benehmen und das korrekte Schreiben von Bewerbungen.

Nur zum Teil ist diese vermeintliche Berufsvorbereitung der Wirtschaftskrise und tatsächlichem Lehrstellenmangel geschuldet. Denn sehr viele dieser Jugendlichen sind schlicht „nicht ausbildungsreif“. Auch davon sind türkische und arabische Jungen häufiger als andere betroffen. Diese Jugendlichen haben enorme Probleme mit der Rechtschreibung, mit der Sprache überhaupt, mit den Grundrechenarten (und allen komplizierteren sowieso), sie können sich nur kurz auf eine Aufgabe konzentrieren und haben von Pünktlichkeit eine nur ungefähre Vorstellung. Sie verfügen, nach neun oder mehr Schuljahren, über nicht viel mehr als die „grundlegenden Fähigkeiten“. Freie Lehrstellen können oft auch darum nicht vergeben werden. Den Schülern früh „Bildungslotsen“ an die Seite zu stellen, wie es Bildungsministerin Schavan jetzt vorgeschlagen hat (die aber nur die Schulabbrecher meint), dürfte den grauen Markt der „Maßnahmen“, hinter dem regulären Schul- und Ausbildungssystem nur noch mehr aufblähen, aber wenig helfen. Unter „Maßnahmen“ werden inzwischen zehnmal so viel junge Leute verbucht wie die im Bildungsbericht aufgeführten Bewerber, die keine Lehrstelle gefunden haben. Hinzu kommt noch eine von Beamten als „Schwundquote“ bezeichnete irritierende Zahl: Etwa 90.000 Jugendliche sind zwar bei einem Arbeitsamt gemeldet, aber niemand weiß, wo sie abgeblieben sind.

Bildung für die Feuerwehr

Das Übergangssystem mit den netten Zertifikaten ohne Wert nimmt inzwischen fast so viele Jugendliche auf wie die richtige Berufsausbildung. Es kostet jedes Jahr vier bis fünf Milliarden Euro, und es scheint kaum eine zeitliche Grenze für die Teilnahme zu geben – drei, vier „Maßnahmen“ hintereinander sind durchaus möglich. Noch mehr Geld oder Bildungslotsen werden an diesem Zustand nichts ändern. Zumal Unternehmer im sozialkapitalistischen Übergangssystem nicht unbedingt ein Interesse daran haben, dass sich ihre profitable Geschäftsgrundlage ändert. Aber auch jene, die etwas ändern wollen, bleiben nicht selten erfolglos.

Die Berliner Feuerwehr hat gerade mit gewaltigem Aufwand versucht, gemeinsam mit der Handwerkskammer Auszubildende zu rekrutieren. Ausdrücklich waren Migranten aufgefordert, sich dem Aufnahmetest zu stellen. Es lockte außerdem eine garantierte Lehre in einem Handwerk. Natürlich waren unter den vierhundert Bewerbern viele, die sich überschätzten. Doch fast sechzig Prozent scheiterten schon an einem simplen Sprach- und Lesetest. Sie sollten zum Beispiel in einen Satz über die Länge des Halses einer Giraffe die richtige Maßeinheit (Zentimeter, Meter oder Kilometer) einfügen. Voraussetzung war ein Realschulabschluss. Elf Bewerber bestanden schließlich alle Tests, fast alle Abiturienten, doch kein einziger Migrant.

Auf einem ganz anderen Schauplatz scheint der demographische Wandel fortzuschreiten. Die Prognosen kündigen zwischen den Jahren 2005 und 2020 einen Schwund von etwa neunzehn Prozent bei den zu erwartenden Schulabgängern an. Seltsamerweise glauben die Prognostiker an immer mehr Absolventen, die auf die Universität gelangen, und an nur noch wenige, die sich mit oder ohne wertlosen Hauptschulabschluss herumschlagen müssen. Die Vergleichstests bei den Drittklässlern oder die alljährlichen Berufsbildungsberichte können diesen Voraussagen nicht zugrunde gelegen haben.

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Eingeführte

Von Gerhard Stadelmaier

Nachhilfe zuerst: Die „Einführung“ nämlich ist republikweit an allen Theatern das meistgespielte Stück. Es dauert ungefähr eine halbe Stunde. Mehr