07.01.2009 · Alphabetisierung beginnt beim Lesen, aber dort endet sie nicht. Den Schülern wird zum Wissenserwerb zunehmend der Rückgriff aufs Internet empfohlen. Aber niemand unterrichtet sie darin.
Von Wolfram KinzigVon Politikern werden landauf, landab gerne die Segnungen des Internets im Informationszeitalter beschworen. So möchte Bundeskanzlerin Merkel, wie sie unlängst auf dem Dritten Nationalen IT-Gipfel ankündigte, in drei bis vier Jahren Breitbandanschlüsse für alle Bundesbürger bereitstellen, denn dies sei eine Frage der „Lebensqualität“.
Abgesehen davon, ob sich Lebensqualität wirklich an der Frage des Zugangs zum Internet bemisst, darf bezweifelt werden, ob die Bundesbürger, die mit Breitbandanschlüssen beglückt werden sollen, auch auf einen sinnvollen Umgang mit dieser neuen Technologie vorbereitet sind. Die Wirklichkeit in den Schulen scheint eher dagegenzusprechen. Meine Kinder – dreizehn und fünfzehn Jahre alt – besuchen die Klassen 7 und 9 eines städtischen Gymnasiums. Dieses rühmt sich seines humanistischen Profils und hat diesen Anspruch trotz der Einführung von G8 und des verpflichtenden Englischunterrichts ab Klasse 5 glücklicherweise weitgehend aufrechterhalten können, so dass optional weiterhin Griechisch und sogar Hebräisch angeboten werden.
Nicht in der Lage auszuwählen
Womit es sich viel schwerer tut, ist der Umgang mit den neuen Medien. Nicht nur, dass die EDV-Ausstattung der Schule – wie in den meisten öffentlichen Schulen Nordrhein-Westfalens – unzureichend ist; die Schule ist außerstande, die Schüler im sinnvollen Gebrauch von Computern und dem Internet zu unterrichten. Dieser Mangel manifestiert sich in folgender Weise: Beliebt sind bei den Lehrern Referate, die möglichst in Gemeinschaftsarbeit zu erstellen sind. Aktuelle Beispiele, auf die von den Schülern je nach Lehrkraft zehn bis fünfzehn Minuten verwendet werden dürfen, sind: Klasse 7: „Judenhäuser“ im Dritten Reich; Klasse 9: „Gottfried Keller“ und „Jazz“ sowie die Geschichte der Stadt Houston in Texas und der amerikanische Unabhängigkeitskrieg (Letzteres auf Englisch). Quellen oder Sekundärliteratur werden nur in Ausnahmefällen angegeben, stattdessen wird vage auf „das Internet“ verwiesen.
Im Internet gibt es nun aber Tausende von Seiten mit Informationen unterschiedlicher Relevanz. Die Schüler sind aufgrund fehlender Sachkenntnis nicht in der Lage auszuwählen und verlieren sehr viel Zeit bei der Suche (ganz abgesehen davon, dass ein solcher Auftrag ein Freibrief dafür ist, viele überflüssige Stunden am Computer zu verbringen). Meist wird dann aus Bequemlichkeit wie aus Hilflosigkeit auf irgendeinen Wikipedia-Artikel zurückgegriffen. Bekanntlich ist aber deren Qualität im Einzelnen sehr unterschiedlich, so dass sie keineswegs ungeprüft als Informationsquelle herangezogen werden sollten.
Ganze Texte einfach übernommen
Darüber hinaus grenzt der oft zu beobachtende Umgang mit Websites an Plagiat, da ganze Texte einfach übernommen und als Ergebnis eigener intellektueller Bemühungen ausgegeben werden – dies um so eher, wenn die Schüler das Referat auch noch auf Englisch halten sollen, was sie bei ihrem aktuellen Kenntnisstand angesichts von elaborierten Fachsprachen bei den einzelnen Themen überfordert.
Sodann wird von den Jugendlichen erwartet, „Präsentationen“ auszuarbeiten, aber es wird ihnen nicht dabei geholfen, wie diese auszusehen haben. Dazu gehören selbstverständlich der Aufbau eines Referats, der strukturierte Vortrag usw. Hier wäre vor allem das Fach Deutsch gefragt. Im „Kernlehrplan Deutsch (G8)“ für Gymnasien in Nordrhein-Westfalen heißt es zu den „Kompetenzerwartungen“ am Ende von Jahrgangsstufe 9, die Schüler sollten in der Lage sein, Referate zu begrenzten Themen zu erarbeiten und diese „(ggf. mit Hilfe eines Stichwortzettels/einer Gliederung) weitgehend frei“ vorzutragen. Warum frei? Warum lernen sie nicht zunächst, einen Gedankengang schriftlich festzuhalten, um ihn dann langsam und deutlich vorzutragen? Erst wenn man sich ein Thema schriftlich zurechtgelegt hat, kann man es später auch frei vortragen (wenn überhaupt).
Das Know-how fehlt
Weiter findet man: Die Schüler „unterstützen ihren Vortrag durch Präsentationstechniken und Begleitmedien, die der Intention angemessen sind (z. B. Tafel, Folie, Plakat, Moderationskarten)“. Viele Jugendliche haben aber den, wie mir scheint: berechtigten Ehrgeiz, ihre Themen mittels PowerPoint oder vergleichbaren Programmen aufzubereiten. Dies ist in dem Kernlehrplan nicht vorgesehen, und somit gibt es in der Schule hierzu auch keine Anleitung. Schlimmer noch: Viele Lehrer sind nicht einmal in der Lage, eine von einem Schüler vorbereitete Präsentation vorzuführen, sei es, dass hierzu die notwendige EDV-Ausstattung nicht zur Verfügung steht, sei es, dass ihnen das notwendige technische Know-how fehlt.
Aus diesen Beobachtungen ergeben sich drei Forderungen. Es bedarf, erstens, dringend einer Unterrichtseinheit, die den Umgang mit den großen Webportalen, vor allem Suchmaschinen und Internet-Enzyklopädien, behandelt und Fragen thematisiert wie: Woran erkenne ich Websites mit verlässlichen Informationen? Wie unterscheide ich Sinnvolles von Unnützem? Wie und was darf ich zitieren? Was ist geistiges Eigentum? Wann beginnt das Plagiat?
Gemeinsam in die Bibliothek
Zweitens bräuchten die Schulen Zugang zu den Netzen der großen Universitätsbibliotheken, um es fortgeschrittenen Schülern zu ermöglichen, auf professionelle Datenbanken zurückzugreifen, damit sie nicht der informationellen Unübersichtlichkeit des Internets ausgeliefert sind. Dies wäre technisch ohne größere Schwierigkeiten möglich; auch die damit entstehenden Lizenzprobleme könnte man bei einem bisschen guten Willen und einem Minimum an finanziellem Einsatz aus der Welt schaffen.
Da die meisten Schüler allerdings auch bei entsprechender Schulung nicht imstande sein dürften, selbständig das Internet in didaktisch sinnvoller Weise als Informationsquelle zu verwenden, müsste es, drittens, zum Unterrichtsstandard gehören, dass bei der Ausgabe von Referaten Listen mit gedruckter Sekundärliteratur und mit geeigneten und geprüften Websites ausgegeben werden. Grundsatz: Ihr findet alles Notwendige hier. Im Falle der Sekundärliteratur bedeutet dies auch, dass angegeben wird, wo sie jeweils vorgehalten wird. Notabene: Dazu gehört, dass man einmal einen gemeinsamen Gang in die örtliche Stadtbibliothek oder vielleicht sogar in die Universitätsbibliothek unternommen hat.
Einführung in Power Point
Schließlich muss mit den Schülern der Umgang mit Präsentationsprogrammen wie Power Point eingeübt werden. Dazu gehört natürlich zunächst die Frage, wann ein solcher Einsatz sinnvoll ist und wann nicht. Außerdem müsste es eine technische Einführung in die hochkomplexen Anwendungen geben. Dazu gehören dann aber auch Fragen der Rhetorik: Was leisten Graphiken? Was ist eine gute Graphik? Was kann oder muss ich als Referent mündlich beitragen?
Diese Fragen bedürfen um so dringender der Bearbeitung, als es an der Universität dafür oft zu spät ist; gleich gar nicht nach flächendeckender Einführung des Bachelor-Korsetts im Zuge des Bologna-Prozesses. Es ist bekannt, dass viele Studierende keine Sachtexte schreiben können, von einem zusammenhängenden, klar strukturierten Vortrag mit sinnvoller unterstützender Bildpräsentation ganz zu schweigen. In der Wissenschaft und in der Berufswelt wird diese Fähigkeit aber heutzutage vorausgesetzt. Im Hinblick auf einen verantwortlichen Umgang mit den modernen Medien können und müssen Universitäten fachspezifisch unterrichten; den elementaren Umgang mit Medien, die Alphabetisierung also, können und müssen sie aber nicht vermitteln – das ist Aufgabe der Schule.
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