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Berliner Schulreform Alle Unterschiede eingeebnet

14.01.2010 ·  Sollte sich heute im Berliner Abgeordnetenhaus eine Mehrheit für die größte bildungskosmetische Operation aller Zeiten finden, gibt es in Kürze keine Hauptschulen mehr in der Hauptstadt. Und das ist nur der Anfang: Bald soll es neben den Gymnasien nur noch Sekundarschulen geben.

Von Regina Mönch
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Wenn sich heute im Berliner Abgeordnetenhaus eine Mehrheit für die größte bildungskosmetische Operation aller Zeiten findet, gibt es alsbald keine Hauptschulen mehr in der Hauptstadt. Die Realschulen sollen diesem Etikettenwechsel folgen: Dann wird es neben den Gymnasien nur noch Sekundarschulen geben. Beide führen bis zum Abitur, nach elf, zwölf oder dreizehn Schuljahren. Anders als etwa in Hamburg hat man aber in Berlin das Recht der Eltern, selbst zu entscheiden, welche Oberschule ihr Kind besuchen soll, nicht beschnitten.

Im Gegenteil, dieses Wahlrecht ist sogar erweitert worden. Unabhängig von der Empfehlung der Lehrer und vor allem vom Wohnort können sich alle überall bewerben. Übersteigt aber die Zahl der Anmeldungen die Kapazität einer Schule - und davon ist in vielen Fällen auszugehen -, dürfen sich diese Schulleiter nur etwa sechzig Prozent ihrer künftigen Schüler selbst aussuchen.

Zehn Prozent bleiben dann für Geschwister und sogenannte Härtefälle reserviert. Dreißig Prozent der überzähligen Bewerber für ein Gymnasium mit gutem Ruf oder einer warum auch immer besonders begehrten neuen Sekundarschule aber kommen in den Lostopf. Die Empfehlung der Grundschule - für den Hauptschulabschluss, den mittleren Abschluss oder das Abitur - spielt dabei keine Rolle. Die Schulbehörde behauptet immer noch tapfer, jeder, der auf ein Gymnasium wolle, bekomme auch einen Platz. Nur wird es nicht unbedingt das Gymnasium der ersten Wahl sein, sondern nicht selten eines, an dem eben noch freie Plätze zu vergeben sind. Das Gleiche gilt für die neuen Sekundarschulen.

Wer denkt an die Hauptschüler?

Obwohl Berlin eine sehr große Stadt ist, mit Hunderten Oberschulen und ohne offizielles Schulranking, wissen viele Eltern sehr genau, warum sie bestimmte Schulen meiden und andere schier überrennen mit Bewerbungen. Das hat fast immer mit der Zusammensetzung der Schülerschaft zu tun, mit dem Anteil von Kindern aus schwierigen Verhältnissen. Und es spielt eine große Rolle, wie viele Eltern von Schülern mit „nichtdeutscher Herkunftssprache“ aus der Türkei oder dem Libanon kommen. Sind es besonders viele, will man diese Schule dem eigenen Kind ersparen - und zog bisher dafür notfalls sogar vor Gericht. Dort wurde natürlich nicht dieser Umstand geltend gemacht, sondern die Wohnortnähe, zur Not auch mit fingierter Adresse belegt. Das wird nach der Reform nicht mehr möglich sein. Vor allem Eltern aus bildungsbürgerlichen Vierteln argwöhnen darum, die rot-rote Stadtregierung wolle mit ihrer Strukturreform die soziale Mischung an den Schulen der Katastrophenviertel beeinflussen.

Doch der Kern der Operation ist die Abschaffung der Hauptschule. Sie sei tot, jubelte die „taz“ schon im Sommer. Und die Hauptschüler? Die bleiben natürlich, und es sind erheblich mehr, als der denunzierende Begriff „Restschule“ glauben machen will. Zählt man die Schulversager und jene zusammen, die einen einfachen oder erweiterten Hauptschulabschluss schaffen, sind das zwischen achtundzwanzig und dreißig Prozent eines jeden Jahrgangs. Ob sich deren geringe Chancen auf einen Ausbildungsplatz künftig verbessern, wenn sie das Zeugnis einer Sekundarschule vorweisen, darf bezweifelt werden. Die Kultusministerkonferenz will den stigmatisierten Abschluss umbenennen in „Berufsbildungsreife“. Ob sich Lehrherren davon beeindrucken lassen? Sie können heute schon unter Abiturienten und Realschülern wählen und entscheiden sich lieber für diese als für den Hauptschüler.

Die Berliner Schulreform ist eine bildungsideologische Großtat mit ungewissen Nebenwirkungen. Sie gibt vor, das Gymnasium, anders als in Hamburg, nicht anzutasten. Gleichwohl finden sich gerade unter den Schulleitern der Gymnasien die meisten Kritiker der Reform. Sie fürchten wegen des Losverfahrens um ihre sorgfältig aufgebauten Profilklassen für intensiven Sprachunterricht, musische Fächer oder Naturwissenschaften. Und sie halten diesen radikalen Laborversuch am lebendigen Kind für äußerst fragwürdig. Begabte Kinder aus Berlins sozialen Brennpunkten mögen an einer Schule in bürgerlichen Vierteln bessere Chancen haben als bisher. Doch wenn das Grundprinzip des Gymnasiums, wonach Leistung entscheidet und nicht Herkunft, umgangen wird und Eltern ihr Kind hineinlosen in eine permanente Überforderung, dürfte der Absturz nach einem Probejahr kaum pädagogisch wertvolle Folgen haben.

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