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Open Access : Der Geist gehört dem Staat

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Abgrund offener Fragen

Folgefragen, die Juristen besonders interessieren, straft die Satzung mit Ignoranz. Was etwa ist mit dem Autorenrecht auf Widerruf der eigenen Veröffentlichung? Wie kann es sein, dass ein eingereichtes Manuskript auf den öffentlichen Server gestellt wird, auch wenn der Autor in den Druckfahnen noch wesentliche Änderungen vorgenommen hat? Was ist bei nachträglichen Hindernissen, die in der Satzung nicht geregelt sind, etwa Plagiatsvorwurf? Welche Pflichten hat die Universität? Muss sie auch Primärveröffentlichungen publizieren? Muss sie überhaupt publizieren, oder darf sie auf die vom Autor geschuldete Andienung verweigernd reagieren (Kutschera-Dilemma)? Darf die Frauenbeauftragte nichtgendergerechte Erkenntnisse von Evolutionsbiologen vom Server fernhalten? Wann beginnt dann die Zensur, der Eingriff in die Texte? Ist die Universität verpflichtet, die Publikation dauerhaft und dateninteger vorzuhalten? Wer außer einem unverwüstlich naiven Technikvertrauen garantiert dafür? Ist die Universität Konstanz als Verleger im Sinne des Verlagsgesetzes rechtlich verantwortlich? Oder hat sie nur Rechte an den Autoren und keine Pflichten? Ein Abgrund wichtiger Fragen, deren Beantwortung sich die Universität Konstanz in theatralisch zu nennender Inszenierung juristischer Naivität enthoben glaubt.

Die Übergriffigkeit der wissenschaftsfördernden Institutionen auf zivilgesellschaftliche Prozesse und insbesondere in das Recht auf freie Medienwahl durch freie Autoren ist Zeichen von Hybris und mangelnder Reflexionskraft, im Kern aber ein eklatantes Symptom demokratiefeindlicher Regelungsphantasien, letztlich mit Zensurabsicht. Eigentlich immer, wenn dergleichen zu beobachten ist, kann geschlossen werden, dass die Partei, die sich solcher Mittel bedient, argumentativ auf dem letzten Loch pfeift. Da nützen dann auch keine kindischen Open-Access-T-Shirts mehr, die bei den Partys der „Bewegung“, finanziert durch öffentliche Mittel, umsonst verteilt werden. Denn wenn Open Access wirklich so eine unglaublich attraktive Publikationsform wäre, wie die Lobbybediensteten der Wissenschaftsorganisationen an Humboldt-Universität und Max-Planck-Instituten tagein, tagaus ihrem offenbar unüberzeugten Publikum einschärfen müssen, dann darf sich selbst Lieschen Müller fragen, warum in aller Welt man dazu gezwungen werden sollte. Sind wir nur einfach zu doof?

Die beflissene Satzung der Universität Konstanz ist der Offenbarungseid jener einst als säkulare Befreiungstheologie aufgetretenen Bewegung, die das Publikationswesen insgesamt unter ihre Kontrolle bringen wollte. Verlage stören dabei nur, und experimentelle Anarchie in der geistigen Produktion, die ganze kulturell reiche Szene der Intermediäre, könnte ja die Verteilungsschemata der Top-down-Planungen in Frage stellen. Es ist eine kuriose Fußnote der Geschichte, dass dieses Debakel von einer grün-roten Landesregierung und einer sich selbst als Reformuniversität verstehenden Einrichtung zu verantworten ist. Nennen wir einmal ruhig die drei Hauptverantwortlichen: die Wissenschaftsministerin Theresia Bauer, deren Gesetzesentwurf das Desaster programmiert hat; den Rektor der Universität Konstanz, Prof. Dr. Dr. h.c. Ulrich Rüdiger; und, als treibende Kraft im Hintergrund, Petra Hätscher, Direktorin des „Kommunikations-, Informations-, Medienzentrums (KIM), IT- und Bibliotheksdienste“ (!), in ihrer früheren Funktion bekannt als Bibliotheksleiterin. Sie ist Mitglied im „AWBI (Ausschuss für Wissenschaftliche Bibliotheken und Informationssysteme)“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Die Namen der Senatoren, die die Satzung abgenickt haben, müssen hier nicht eigens memoriert werden. Eine Schand- und vielleicht auch Schamgeschichte der deutschen Universität im zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhundert wird sie auflisten.

Roland Reuß ist Professor für Germanistik an der Universität Heidelberg.

Quelle: F.A.Z.

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