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Praxisorientierte Studiengänge : Teil der Lieferkette

Nicht fürs Lebens, für die Wirtschaft lernen wir: Studenten in einem Lesesaal der Universität Frankfurt. Bild: Rüchel, Dieter

Weil es immer mehr Studenten gibt, fordert die Wirtschaft die Hochschulen dazu auf, ihre Studiengänge an die Bedürfnisse der Unternehmen anzupassen. Gefährdet das die Freiheit der Wissenschaft?

          Wie tröstend kann die Lektüre Jacob Burckhardts sein, wenn eine Bildungsstudie nach der nächsten die Sorge nährt, dass eigentlich sowieso schon alles verloren ist. Hat unser kulturelles Streben da überhaupt noch irgendeinen Sinn? Ja! Kultur, schreibt der Historiker Burckhardt im neunzehnten Jahrhundert, „ist die Uhr, welche die Stunde verrät“. Sie ist gemäß seiner Potenzenlehre in Abgrenzung zum Staat und zur Religion die bewegliche Potenz, die beide kritisiert – in Form von Kunst, Dichtung und Wissenschaft. Kultur und Kritik gehören in einer freien Gesellschaft demnach zusammen. In Gestalt der Wissenschaft wird das heute ermöglicht durch die Forschungsfreiheit. Sie braucht einen Ort, der Studenten und Hochschullehrer nicht nur dazu befähigt, zur Welt Stellung zu nehmen, sondern auch, wie Burckhardt betont, „sich temporär von den Absichten völlig wegwenden zu können zur Erkenntnis, weil sie Erkenntnis ist“.

          Die Wirtschaft ist nicht zufrieden

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Wie aber gestaltet sich die Erkenntnissuche in Gegenwart einer Potenz, die Burckhardt noch nicht im Blick hatte: der Wirtschaftsmächte? Seit Pisa und Bologna treten sie im Schul- und Hochschulwesen einen Siegeszug an, der seinesgleichen sucht. Nicht nur Lehrpläne und Studiengänge sind davon erfasst, nicht nur Regelwerke und Unterrichtseinheiten, selbst Sinn und Zweck des Lernens konnten sie umdeuten und die Denkungsart ganzer Bildungskohorten erobern. Und doch: die Wirtschaft ist nicht zufrieden. Die Bachelor- und Masterabsolventen machten Fehler beim Schreiben, verfügten über wenig Allgemeinwissen, kämen zu spät, seien unzuverlässig, zeigten wenig Einsatz, und auf den Arbeitsmarkt seien sie sowieso schlecht vorbereitet – die Klagen der Betriebe hören nicht auf. War es aber nicht die Wirtschaft, die lautstark die Umstrukturierung der Studiengänge gefordert hat (sicher nicht, weil ein so drastischer Niveauabfall, wie er dann eingetreten ist, gewünscht war, sondern aus schlichter Kenntnislosigkeit)?

          Ein erstaunlich unverhohlenes Beispiel, wie weit man die ökonomische Okkupation der Hochschulen treiben will, führte zuletzt der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) vor. Da die Studienangebote, heißt es in dessen „hochschulpolitischen Leitlinien“, „nicht unmittelbar betriebliche Erfordernisse“ widerspiegelten, „sondern primär die Perspektive ihrer Anbieter“ (das soll wohl heißen, der Dozenten und Institute), seien die Hochschulen mit Blick auf den wachsenden Fachkräftemangel gefordert, „die Qualifikationsbedarfe der Wirtschaft zukünftig noch besser zu berücksichtigen“. Konkret soll das bedeuten: Die Wirtschaft wird in die Gestaltung der Studienangebote einbezogen, die Studiengänge werden auf „den Übergang ins Arbeitsleben“ ausgerichtet, Unternehmer arbeiten in Hochschulgremien mit, „Semesterarbeiten mit einem konkreten Bezug zu wirtschaftlichen Fragestellungen“ verhelfen zu mehr „Praxiswissen“, ein „Gründungsfreisemester“ hebt das „Innovationspotential“, Betriebe kooperieren mit „hochschulischen Kompetenzentwicklungszentren“, duale Studiengänge werden erweitert.

          Es geht um die Auflösung der deutschen Universität

          Der DIHK verlangt sogar eine sprachliche Unterwerfung der Hochschulen: „Mit Blick auf die Bezeichnung von Studiengängen und deren Abschlüssen ist darauf zu achten, dass diese für Unternehmen eindeutig formuliert sind und deren berufliche Relevanz idealerweise auch ohne das Diploma Supplement klar erkennbar ist.“ Wie bitte? Einmal abgesehen davon, wie viel Geld und Personal das alles kosten würde – was der DIHK in diesem Positionspapier fordert, ist nichts anderes als eine Auflösung der deutschen Universität in ihrer bisherigen Gestalt beziehungsweise dessen, was seit Bologna noch davon übrig ist. Gemessen daran, fiel die Kritik des Präsidenten der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) Horst Hippler, der von einer „grundlegenden Fehleinschätzung“ des DIHK spricht, fast schon zahm aus.

          Der DIHK demonstriert ein eindimensionales Verständnis von beruflicher Qualifikation (und darin zugleich ein frappierendes Unverständnis gegenüber den Fähigkeiten, die in Schule und Hochschule ausgebildet werden). Wer an einer von der Wirtschaft unabhängigen Hochschule studiert, und zwar auch außerhalb der von der DIHK favorisierten „anwendungsorientierten Forschung“, erwirbt natürlich Qualifikationen, wie zum Beispiel, Inhalte strukturiert zu erfassen, die in unzähligen Unternehmen „anwendbar“ sind. Dazu bedarf es keiner vorherigen Kooperation mit den Betrieben. Die Einarbeitung und Vorbereitung auf die konkreten betrieblichen Arbeitsabläufe, darin hat Hippler recht, müssen die Unternehmen dann selbst leisten.

          Die HRK allerdings verkennt, dass nicht nur die verantwortlich sind, die eine solche Invasion der Wirtschaft in die Hochschulen vorantreiben. Dass es überhaupt so weit kommen konnte, liegt in der Verantwortung all jener, die unaufhörlich fordern, dass dieses Land mehr Studenten brauche, sowie derjenigen, die im vorauseilenden Gehorsam dieser Forderung nachkommen. Kultur als Kritik, als bewegliche, wirkmächtige Potenz der Gesellschaft, sieht anders aus.

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