http://www.faz.net/-gqz-92vur

Ausgrabungen in Israel : Das Odeon unter der Klagemauer

Der Chefausgräber Joe Uziel vor dem Rundbogen des Amphitheaters Bild: Imago

Jerusalems Geschichte ist so alt wie facettenreich. Über die Jahrtausende hinweg sah die Stadt Imperien kommen und gehen. Spuren vom römischen Reich waren bisher jedoch rar. Doch nun gelang Archäologen eine Sensation.

          Seit Jahrhunderten graben Archäologen in Jerusalem. Doch Spuren öffentlicher Gebäude aus der Zeit der römischen Herrschaft entdeckten sie nicht. Das hat sich mit dem Fund eines römischen Theaters in der Altstadt nun geändert. Er lässt vermuten, dass das römische Jerusalem nach der Zerstörung des jüdischen Tempels und der Vertreibung der Juden mehr war als nur das Hauptquartier der zehnten Legion inmitten einer Trümmerlandschaft ohne strategischen Wert.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Unmittelbar neben einem weiteren Teilstück der Klagemauer haben Archäologen der israelischen Antikenbehörde ein kleines überdachtes Theater freigelegt, ein Odeon. „Es ist das erste römische Theater, das überhaupt in der Altstadt von Jerusalem entdeckt wurde“, sagt der Ausgrabungsleiter Joe Uziel. Auf solch kleinen Bühnen wurde im römischen Reich meistens Musik gespielt. Es könnte sich bei dem Fund aber auch um einen Versammlungsort für den Stadtrat gehandelt haben, um ein Bouleuterion.

          Tagten hier also die Stadtoberen der römischen Kolonie Aelia Capitolina, wie Kaiser Hadrian sie genannt hatte? Oder besaß die Bühne eine Doppelfunktion? Schon der römisch-jüdische Historiker Josephus Flavius erwähnte ein Theater ganz in der Nähe des zerstörten jüdischen Tempels. Seit dem neunzehnten Jahrhundert wurde danach gesucht. 1700 Jahre haben die Steine kein Licht gesehen, sagt Uziel. Zwei Jahre lang haben er und seine Leute gegraben.

          Der Rundbogen vor der Theaterbühne ist noch weitgehend intakt. Unter der Bühne zieht sich ein einstmals abgedeckter Abwasserkanal von knapp einem Meter Breite durch den Fußboden. Das aufsteigende Geröll und Gestein lässt Zuschauerreihen vermuten, die an den durch Matsch und Moder sehr gut erhaltenen Steinen der Klagemauer enden. Sie befinden sich acht Meter unter dem heutigen Fußboden der Jerusalemer Altstadt. Das Odeon bot Platz für rund zweihundert Zuschauer, vermuten die Archäologen. Bei Darbietungen hätten die Zuschauer mit dem Rücken zum jüdischen Tempel gesessen – ein mögliches Zeichen dafür, dass der Tempelberg unter den Römern keine große Bedeutung mehr hatte. Doch vielleicht ist die Bühne auch nie genutzt worden; das zumindest lege eine unfertige Steintreppe zwischen den Sitzreihen nahe, sagt Uziel.

          Die Dimensionen sind beachtlich: Joe Uziel an der Ausgrabungsstätte.
          Die Dimensionen sind beachtlich: Joe Uziel an der Ausgrabungsstätte. : Bild: dpa

          Bleibt die Frage, warum das Theater so kurz vor der Fertigstellung verlassen worden sein soll. „Es ist möglich, dass der Bau durch den Bar-Kochba-Aufstand beendet wurde“, sagt Uziel: Der jüdische Aufstand gegen die römische Herrschaft begann im Jahr 132 nach Christus. Die Juden wurden nach drei Kriegsjahren besiegt; wer überlebte, musste Jerusalem verlassen. Aelia Capitolina wurde eine unbedeutende Kolonie mit nicht mehr als zehntausend Einwohnern.

          Das genaue Alter ist noch unbekannt

          Das genaue Alter der entdeckten Strukturen versuchen die Forscher durch die Radiokarbonmethode zu bestimmen. Die jüngste, im abgetragenen Schutt gefundene Münze stammt aus dem Jahr 380 nach Christus. Kurz vorher hatte es in Jerusalem ein massives Erdbeben gegeben, und um den Bogen anschließend vor dem Einsturz zu bewahren, hatten die Bewohner Schutt unter die einsturzgefährdete Struktur gebracht. „Unser Ausgrabungsziel war es eigentlich, das Alter des Wilson-Bogens zu bestimmen und die Straße zu finden, die am damaligen Fuße der Klagemauer verlief“, sagt Uziel. „Aber wie es in der Archäologie so ist, fanden wir etwas vollkommen Unerwartetes.“

          Der nach einem britischen Archäologen benannte „Wilson-Bogen“ trug in der Antike eine Brücke zwischen dem Tempel und dem Westteil Jerusalems und bildete vermutlich auch das Dach des jetzt entdeckten römischen Theaters. Der Wilson-Bogen gilt als die einzige erhaltene sichtbare Struktur des heiligen Areals aus der Zeit des zweiten Tempels. Über die Brücke, auf der auch ein Aquädukt verlief, gingen die Pilger zum Gebet auf den Tempelberg. Uziel steht zwei Etagen unter der bekannten freiliegenden Klagemauer. Eine Etage tiefer beten ebenfalls Juden in den Klagemauertunneln. Darunter wiederum gräbt Uziel. Die Gläubigen nicht zu stören, ist eine Herausforderung. Das betrifft mehrere Konfessionen.

          Stein auf Stein: Tehila Lieberman von der israelischen Altertumsbehörde erklärt die Gegebenheiten vor Ort.
          Stein auf Stein: Tehila Lieberman von der israelischen Altertumsbehörde erklärt die Gegebenheiten vor Ort. : Bild: AP

          Denn in unmittelbarer Nähe der Ausgrabungsstelle liegt das Kettentor, einer der Zugänge zum heute islamischen Tempelberg-Plateau. Die israelischen Archäologen haben nur bis an die Klagemauersteine gegraben, aber nicht unterhalb des Tempelbergs, den die Muslime als Haram al Sharif verehren. Das ist aus politischen Gründen wichtig, denn die islamische Waqf-Stiftung, die das Areal verwaltet, hat Israel wiederholt vorgeworfen, durch Grabungen islamisches Erbe zu verletzen. Als Israel die Klagemauertunnel in den neunziger Jahren für die Öffentlichkeit öffnete, führte das zu Ausschreitungen mit hundert Toten. Die Archäologen um Uziel wollen nicht in die Breite unter das muslimische Areal vordringen, aber um das römische Theater herum noch drei bis vier Meter weiter in die Tiefe graben. Auf der dann freigelegten Ebene vermuten sie Stücke aus der Zeit des ersten Tempels, der 587 vor Christus zerstört wurde.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Letzte Liste

          Juden in Berlin 1942 : Letzte Liste

          Im Herbst 1941 stellte die Gestapo die Jüdische Gemeinde in Berlin vor die Alternative, bei der Abholung von Juden und Unterbringung in Sammelstellen mitzuwirken oder die Arbeit gleich der SS zu überlassen. Blanka Alperowitz und andere wirkten bei den Deportationen mit, in der Hoffnung, humanitäre Hilfe bieten zu können.

          Topmeldungen

          Zähe Sondierungsgespräche : Das Luxusproblem von Jamaika

          Die Wirtschaft boomt. Auf dem Arbeitsmarkt läuft es rund. Flüchtlingszahlen wie vor zwei Jahren sind weit und breit nicht in Sicht. Wieso bloß, liebe Jamaika-Unterhändler, braucht es da endlos lange, zähe Sondierungsgespräche?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.