Home
http://www.faz.net/-gsn-72lxs
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Arbeitszeit von Forschern Freizeit? Wissenschaftler haben Freizeit?

Deutsche Forscher zwischen Amerikas Nachtarbeitern und Chinas Kantinenanbetern: Eine Studie zeigt, dass in wissenschaftlichen Instituten auch jenseits klassischer Tarifarbeitszeiten hoher Druck herrscht.

© Reuters Vergrößern Die wissenschaftliche Arbeitsmoral ist hoch - aber es gibt nationale Unterschiede

Wissenschaftler haben ein schwieriges Verhältnis zum Thema Arbeitszeit. Und entsprechend ein noch schwierigeres zum Thema Freizeit. Wenn man Nichtwissenschaftler zum Arbeitsverhalten von Wissenschaftlern befragt, ist wahrscheinlich die am meisten verbreitete Meinung diejenige, dass Wissenschaftler an Universitäten quasi immer Freizeit haben. Schließlich gibt es im Normalfall keine festen Arbeitszeiten und keine direkten Output-Kontrollen. Wer sich in den Instituten auskennt, meint dagegen, Wissenschaftler hätten quasi nie Freizeit.

Infografik / Springer-Wissenschaftsverlag / Downloads nach Wochentagen und Tageszeiten © F.A.Z. Vergrößern Die Download-Statistik nach Tagen und Uhrzeiten

Ob mitten in der Nacht oder an den Wochenenden - in den Universitäten und Forschungseinrichtungen kann man zu fast jeder beliebigen Zeit konzentriert arbeitende Forscher antreffen. Wenn man sich unter Wissenschaftlern umhört, erfährt man, dass die hohe Belastung durch Aufgaben wie Lehre, Verwaltung, Anträge, Berichte und Koordination kaum eine andere Wahl lässt, als die Forschung auch außerhalb der regulären Arbeitszeiten zu betreiben. Aber behauptet werden kann ja vieles, wie ist es denn nun wirklich mit der wissenschaftlichen Arbeitsmoral?

Nationale Unterschiede

Dieser Frage sind jetzt Xianwen Wang von der Dalian University of Technology in China und Kollegen nachgegangen. Die Forscher nahmen den Download wissenschaftlicher Veröffentlichungen von den Seiten des Springer-Verlags als Anhaltspunkt für die Arbeitsaktivität (http://arxiv.org/pdf/1208.2686v1.pdf). Damit wurde eine konservative Abschätzung des Arbeitsverhaltens angestrebt: Arbeitende Wissenschaftler laden zwar nicht notwendig Veröffentlichungen aus dem Netz, aber wer eine wissenschaftliche Veröffentlichung herunterlädt, von dem kann man wohl annehmen, dass er arbeitet. Ausgewertet wurden die auf der Verlagswebpage verfügbaren Informationen zu Zeit und Zielort der entsprechenden Download-Anfragen. Korrigiert nach den jeweiligen Zeitzonen der Zielorte, konnten so Arbeitsprofile von Wissenschaftlern in verschiedenen Ländern extrahiert werden. Das Ergebnis: Wissenschaftler arbeiten tatsächlich viel außerhalb der typischen Arbeitszeiten und an Wochenenden. Interessanterweise gibt es dabei aber durchaus nationale Unterschiede.

Insbesondere die Amerikaner scheinen Nachtarbeit zu lieben und tagsüber ohne deutliches kollektiv abgestimmtes Pausenverhalten durchzuarbeiten. Die Chinesen dagegen legen in beeindruckender Abstimmung zweimal täglich, gegen 12 Uhr und gegen 18 Uhr, anlässlich von Mittag und Abendessen die Arbeit für einige Stunden beiseite. Die Autoren schieben dies auf die einheitliche Organisation chinesischer Kantinen. Deutsche Kantinen scheinen demgegenüber eine geringere Anziehungskraft zu besitzen: Deutsche Wissenschaftler verlassen ihre Arbeit weit weniger deutlich und auch kürzer als in China gegen 12 Uhr zum Mittagessen.

Unter großem Druck

Im internationalen Vergleich machen chinesische Wissenschaftler zwar die längsten Essenspausen, gleichzeitig weist ihr Arbeitsverhalten aber den geringsten Unterschied zwischen Werk- und Wochenendtagen auf. Die Anzahl der Downloads in China am Wochenende ist lediglich um 23 Prozent geringer als unter der Woche. Dagegen machen die Amerikaner einen deutlicheren Unterschied zwischen Arbeitstag und Wochenende: hier sinkt die Anzahl der Downloads immerhin um 32 Prozent. Das typische Verhalten deutscher Forscher liegt auch hier zwischen dem der Vereinigten Staaten und Chinas.

Mehr zum Thema

Das Fazit der Autoren ist, dass Wissenschaftler großem Druck und internem Wettbewerb ausgesetzt sind und in dieser Atmosphäre Hobbies, Freizeitaktivitäten und Sport vernachlässigen. Es gibt keine klare Trennung zwischen Beruf und Privatleben, was für das psychische und physische Wohl wenig förderlich ist. Der Abschlussappell der chinesischen Wissenschaftler lautet: „Balance in scientists’ life is needed“ - Vergesst nicht, für Ausgleich zu sorgen!

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Medizinstudium Keiner kann mehr forschen

Kaum ein Absolvent der Medizin weiß noch, wie wissenschaftliches Arbeiten geht. Gutachter fordern, dass es wieder vermehrt gelehrt wird. Doch den Unis fehlt dafür das Geld - und vielen Studenten die Lust. Mehr Von Marvin Milatz

02.03.2015, 06:00 Uhr | Beruf-Chance
Krankheit erzeugt Angst Mouna will ewig leben

In der Nobelpreiswoche war Unsterblichkeit einer der Debattenschwerpunkte zwischen Forschern und Gästen. Mitten in Stockholm arbeitet eine Absolventin vom Nobelinstitut Karolinska an dieser Utopie. Wir haben Dr. Mouna Esmaeilzadeh in ihrer Klinik SciLife getroffen. Mehr

21.12.2014, 15:58 Uhr | Wissen
Arbeitsstättenverordnung Neues Regelwerk bedroht fensterlose Bahnhofsläden

Andrea Nahles will den Arbeitsschutz in Deutschland neu regeln. Doch die geplante Reform steckt voller Tücken. Etliche Kantinen müssten wohl schließen. Und selbst der Betrieb vieler Bahnhofsläden wäre in Frage gestellt. Mehr Von Dietrich Creutzburg, Berlin

18.02.2015, 07:38 Uhr | Wirtschaft
San Francisco Forscher heilen Diabetes - bei Mäusen

Im Kampf um die Heilung einer der verbreitetsten Stoffwechselerkrankungen ist kalifornischen Wissenschaftlern ein wichtiger Schritt gelungen. Allerdings wurde der Erfolg nur im Tierversuch festgestellt. Mehr

03.01.2015, 10:49 Uhr | Wissen
Studie aus Spanien Die Neandertaler lebten die klassische Rollenverteilung

Schon die Neandertaler lebten arbeitsteilig: Männer und Frauen erledigten im Alltag unterschiedliche Aufgaben. Während die einen Steinwerkzeuge schliffen, fertigten die anderen Kleider. Für die Forscher kennzeichnet das einen hohen Entwicklungsstand. Mehr Von Leo Wieland, Madrid

21.02.2015, 15:09 Uhr | Gesellschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 06.09.2012, 22:15 Uhr

Kölns Wunde

Von Andreas Rossmann

Verlängerung von Verjährungsfristen, kein Abschluss der Beweissicherung, klaffende Baustellenlöcher: Sechs Jahre ist der Einsturz des Historischen Archivs in Köln nun her. Und es wird sich Zeit gelassen – in jeder Hinsicht. Mehr