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Das neue „Kursbuch“ : Der Abschied vom Bildungsbürger

Neue Bildungsministerin: Anja Karliczek Bild: EPA

Anja Karliczek will mit mehr als nur ihren Kompetenzen in Betriebswirtschaftslehre überzeugen: Das neue „Kursbuch“ widmet sich allein der Bildung – und zeigt, wie deren Ökonomisierung in die Irre führt.

          Kaum ist eine neue Bildungsministerin in Sicht, die zwar mit dem Ressort bislang weder theoretisch noch praktisch irgendeine Berührung hatte, dafür aber mit Kompetenzen im Bereich Betriebswirtschaftslehre, Bankkauffrau und Hotelfachfrau aufwarten kann – schon erinnert das neue „Kursbuch“ an den „geradezu eschatologischen Ernst“ dessen, was hier verhandelt wird: die ganze Schwere und Leichtigkeit der Bildung, der, so schreibt es Mitherausgeber Armin Nassehi, niemand entkommt. Nun ist es Zufall, dass die Nachricht von der designierten Bildungsministerin in zeitliche Nähe zum Erscheinen einer kulturwissenschaftlichen Zeitschrift rückt, deren Titel, getreu des ermittelten Gewichts, „301 Gramm Bildung“ lautet. Aber gerade in diesem Licht liest sich das „Kursbuch“ als beruhigende Gegenposition zur flächendeckenden Tendenz, Bildung, offenbar bis in die personelle Besetzung politischer Spitzenämter hinein, zu ökonomisieren.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Bildung vergeht, Kompetenz besteht. Zu dieser Diagnose muss kommen, wer das Los hat, nicht nur die Praxis der Bildung, sondern auch, was keineswegs ein größeres Vergnügen darstellt, das Reden und Schreiben über sie zu verfolgen. Konrad Paul Liessmann, Professor für Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik an der Universität Wien, versteht es einmal mehr, aus dieser Misere eine geistreiche Unterhaltung zu machen. Ohne poststrukturalistischen Allüren zu erliegen, führt Liessmann vor, inwieweit Sprache nicht nur Ausdrucksmittel ist, sondern das gesellschaftliche Bewusstsein spiegelt.

          Fundgrube bewusstseinsverändernder Wortschöpfungen

          Eine wahre Fundgrube bewusstseinsverändernder Wortschöpfungen bietet die zeitgemäße Schul- und Hochschuldidaktik, die, so gewinnt man leicht den Eindruck, die bildungspolitische Diskussion maßgeblich bestimmt. Nuanciert zeichnet Liessmann Verschiebungen nach: Aus Lehrern werden „Lernbegleiter“, aus Schülern „Lernpartner“, aus Erziehungswissenschaftlern empirische Bildungsforscher, aus Wissen wird Kompetenz, aus Erziehung Coaching, aus Unterricht autonomes Lernen im „Flipped Classroom“, aus Bildung werden messbare Tests. In abnehmender Zahl blieben die Bildungskritiker zurück, die natürlich nicht die Bildung kritisierten, sondern „das, was unter diesem Titel gegenwärtig gehandelt wird“, und eines besonderen Schutzes bedürften: „Dem Bildungsbürger gehört deshalb unsere Solidarität im Augenblick seines Verschwindens.“

          Hängen diese Entwicklungen mit der Beobachtung Nassehis zusammen, dass die Universität heute von „der Akademisierung der Berufe“ lebe und nicht mehr „von der Verberuflichung des Akademischen“? Sein Versuch jedenfalls, den häufig diagnostizierten Bildungsverfall produktiv zu wenden, indem er auf die „veränderte epistemologische Lage der Gesellschaft“ abhebt, ist nobel, aber unscharf. Nassehi beobachtet in den „Erwartungen ans Universitäre“ eine Verschiebung von Distanz zu Identität: Nicht mehr die forschende Selbstdistanzierung ist demnach das Maß aller Dinge, sondern die „unmittelbare Relevanz für die eigene Lebenspraxis“, die eigene Identifikation, „das schnelle Verstehen“. „Vielleicht kommt es immer weniger auf Bestände als auf die Rekombination von Möglichkeiten an“, vermutet Nassehi – und: „Vielleicht geht es in der universitären Ausbildung eher um Reflexionsanlässe für die Konstellation von Problem und Lösung statt um fertige Lösungskonzepte.“ Hier allerdings dürften Zweifel angebracht sein, ob das etwas mit einer epistemologischen Wende zu tun hat – denn Wissenschaft ist seit jeher in Bewegung und produziert laufend neue Erkenntnisse; „fertig“ war sie noch nie.

          Kann die Reformpädagogik es richten?

          Kann die Reformpädagogik es richten? Wo Kompetenzorientierung auf Digitalisierung trifft, werden die wenigsten an Waldorfschulen, Montessori oder andere Formen der „ganzheitlichen Menschenbildung“ denken. In dieser Hinsicht ist der Beitrag des Bildungsforschers Heiner Barz erhellend, denn er verdeutlicht, dass die reformpädagogischen Ansätze gar nicht so weit entfernt sind von den Lernmethoden digitalisierter Bildung. Statt frontaler Anleitung und „rigider Vorga-ben“ durch einen Lehrer Coaching im Hintergrund und autonomes Lernen mit dem Tablet? Das kennt die Reformpädagogik auch, nur noch nicht mit denselben Geräten. Wie ein Mittelweg aussehen könnte, der sich von der Digitalisierung weder wahre Wunder verspricht noch sich ihr strikt verweigert, deutet Barz mit dem Leitsatz aus dem Bund der freien Waldorfschulen an: „Die spätere Medienkompetenz wurzelt in einer frühen Medienabstinenz.“ Sein Rettungsversuch der reformpädagogischen Abgründe fällt dagegen zu einseitig aus. Barz verkauft als Triumph, was viel eher als Scheitern gelesen werden könnte.

          Die staatlichen Regelschulen haben mittlerweile viele Ansätze der Reformpädagogik übernommen, so könnte man es, wie von Barz nahegelegt, tatsächlich interpretieren. Gleichzeitig aber, und das blendet der Autor dabei aus, wird regelmäßig der Bildungsnotstand ausgerufen – etwa weil alle, die das tun, autoritär, reaktionär und schwärzeste Kulturpessimisten sind? Oder vielleicht doch eher, weil die Ergebnisse solcher Pädagogik in vielen Teilen eine ganz andere Sprache sprechen als die einer fundierten Bildung und gelungenen Erziehung?

          Wachsendes Desinteresse an Intellektualität

          Mit dem szientistischen Bestreben allerdings, Bildung in jedem Detail messbar zu machen, ist dem Niveauverfall, der sich etwa in schlechten Rechtschreib- und Rechenkenntnissen, aber auch in wachsendem Desinteresse an Intellektualität festmachen lässt, sicher auch nicht beizukommen. Während der Beitrag von Ralph Schumacher und Elsbeth Stern aus dem Bereich der empirischen Lernforschung unfreiwillig vorführt, was Liessmann kritisiert, demonstriert Gerhard Roths dennoch interessante Analyse der Intelligenztests, wie begrenzt Bildung werden muss, wenn man sie nur in Zahlen ausdrücken will. Kann man Hochbegabung, wie der Hirnforscher nahelegt, an Kriterien wie Frühreife und Schulleistungen messen? Wie viele Hochbegabte gibt es, die schlechte Schulnoten bekommen haben? Und woher nimmt der Autor die Gewissheit, dass intelligente Kinder unter schlechtem Unterricht weniger zu leiden hätten als die minder Intelligenten? Ein beliebtes Argument, warum Schule sich vor allem an den schwachen Schülern orientieren solle, hat er damit geliefert – aber wie die Förderung der leistungsstarken Schüler an Regelschulen aussehen soll, bleibt eine offene Frage.

          Ein wenig Trost spendet in dieser allge-meinen Komplexität bemühter Bildungsanstrengungen der Schriftsteller Rainer Merkel, der in einer autobiographischen Notiz dieses sehr gelungenen „Kursbuches“ daran erinnert: „Man geht nie allein in die Schule, man betritt nie allein eine Institution, man ist nie ganz aufgeschmissen.“

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