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Akademischer Alltag Privatdozenten sind das Uni-Prekariat

Mehr als 5.000 Privatdozenten lehren an deutschen Universitäten - nicht umsonst, aber ohne Salär. Über den Tausch von Ehre gegen Dienstleistung in der höheren Bildung.

© dpa Vergrößern Tag für Tag unterrichten Privatdozenten an deutschen Hochschulen und werden dafür nicht oder nur sehr schlecht bezahlt

Kontingenzen prägen das Dasein des Privatdozenten, seit es ihn gibt. Der gesunde Menschenverstand, der annimmt, dass jeder talentierte Privatdozent früher oder später seine ordentliche Professur erhält, steht oft auf verlorenem Posten. Im Theaterstück „Der Privatdozent“, verfasst 1906 von Ferdinand Wittenbauer, der zugleich als international angesehener Physiker an der Technischen Hochschule in Graz wirkte, heißt es: „Bleiben Sie mir weg, mit dem gesunden Menschenverstand, wenn Sie von der Universität sprechen. Die hat ihren eigenen Verstand. Der ist nicht für einen Sterblichen. Die Hauptsache bleibt immer (. . .): Mag man den Mann oder mag man ihn nicht. Wenn man ihn mag, dann sind die Fähigkeit und die Tüchtigkeit und der gute Ruf angenehme Beigaben, mag man ihn nicht, dann kann der Privatdozent weise sein wie Salomo, man setzt ihn vor die Türe.“

Die Unwägbarkeiten einer Privatdozentenschwemme waren bereits zu wilhelminischen Zeiten ein Thema. Vom „Fegefeuer des Privatdozententums“ vor der ersehnten Professur sprach der Historiker Max Lenz im Jahr 1910. Wird in deutschen Landen heute eine gängige geisteswissenschaftliche Professur ausgeschrieben, balgen sich bis zu hundert geeignete Wissenschaftler.

Das Gerechtigkeitsempfinden der Bewerber wird dabei auf eine harte Probe gestellt, nicht nur weil der Gewinner alles erhält und die anderen leer ausgehen, sondern auch weil in einem opaken Ausleseverfahren nicht immer Kompetenz und Leistung die ausschlaggebenden Gesichtspunkte sind. Umso notwendiger ist es, endlich einen erträglichen Modus Vivendi für alle hochqualifizierten Wissenschaftler zu finden.
Was ist ein Privatdozent?

Was ist ein Privatdozent?

Jeder, der mit einer Habilitationsschrift und der daran geknüpften Lehrerlaubnis (Venia Legendi) belegen kann, dass er als Hochschullehrer geeignet ist, kann sich diesen Titel von der zuständigen Fakultät verleihen lassen. In Habilitationsschriften steckt ein beträchtlicher Teil der an Hochschulen geleisteten innovativen Forschung - in manchen Fächern der größte Teil.

Trotzdem wird mit dem Titel Privatdozent nur das Recht erworben, Vorlesungen und andere Lehrveranstaltungen anzubieten, mehr nicht. Privatdozenten haben keinen Anspruch auf einen Arbeitsplatz oder eine Vergütung, heißt es in den jeweiligen Hochschulgesetzen. Hinzu kommt, dass sie ihren Status nur dann aufrechterhalten können, wenn sie von ihrer Venia Legendi regelmäßig Gebrauch machen. Lehren sie ohne Zustimmung des Fachbereichs oder ohne wichtigen Grund in zwei aufeinanderfolgenden Semestern nicht, kann ihnen der Titel aberkannt werden.

Das bedeutet: Universitäten verleihen habilitierten Wissenschaftlern den euphemistischen Titel eines „Privatdozenten“ oder eines „außerplanmäßigen Professors“ und fordern im Gegenzug dafür jahrelang unbezahlten Unterricht. Deutsche Hochschulverwaltungen und Fakultäten nutzen die Frondienste der Privatdozenten, um finanzielle Löcher zu stopfen und zugleich Lehre und Forschung zu gewährleisten. Mehr als fünftausend Privatdozenten lehren in Deutschland ohne jede finanzielle Gegenleistung oder nur für einen symbolischen Obolus. Die Alma Mater verdient ihren Namen schon lange nicht mehr: Sie nährt nur wenige, viele nagen am Hungertuch.

Kein Mindestlohn, der Staat schaut weg

Wer qualifizierte Dienstleistungen erbringt, erhält hierfür üblicherweise ein adäquates Einkommen, von dem er leben kann - eine Selbstverständlichkeit möchte man meinen. Mittlerweile hat sich in allen politischen Lagern die Überzeugung durchgesetzt, dass der Staat den Einzelnen vor Ausbeutungsverhältnissen zu schützen hat. So sollen staatliche Rahmenbedingungen garantieren, dass in jeder Branche Mindestlöhne gelten.

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