11.06.2010 · Ranking, Rating, Bibliometrie: Es gibt viele Möglichkeiten, sich bei Urteilen über wissenschaftliche Leistungen vom Lesen und von Kenntnis zu verabschieden. Doch der Anspruch, aus Leistungskennziffern und Ranglisten auf Qualität zu schließen, ist naiv.
Von Alfred KieserRichtlinien für Lesermeinungen
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Die Gefahren der Ausländerei im Bildungswesen...
Bevor man die angeblichen Spitzenuniversitäten Amerikas oder Englands über den grünen Klee lobt, sollte man bedenken, dass es dort zwei Arten von Menschen gibt: Die Kinder reicher Leute, wie den jüngeren Bush, und die Hochbegabten (eine dritte Gruppe besteht natürlich aus denjenigen Hochbegabten, die sich das Auftreten eines Kindes reicher Eltern geben, um nicht zu den Strebern zu gehören...); und somit wird auch das Dilemma deutlich: Es wird keine Elite erzogen, sondern den Kindern wohlhabender Familien die Abschlüsse gegen die hohen Gebühren verliehen und das angebliche Weltniveau durch die Konzentration von Hochbegabten erreicht; und nicht zu vergessen: Durch die herzallerliebste Weltfinanz- und Wirtschaftskrise könnte sich das Stiftungsvermögen mancher Lehranstalt in den sprichwörtliche Rauch (Lehmanzertifikate) aufgelöst haben; derartiges im Lande Humboldts nachzuäffen wäre also reichlich daneben und man hätte mit dem hundertsten Teil der unnötigen Bankensanierungen viele Gebrechen der heimischen Hochschulen abstellen gekonnt... und: Wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, dann ist es zu spät und vor dem Jungegesellen- und Jungfrauenstudium wurde ja schon länger gewarnt, die Politik war aber taub. Wozu also jetzt der Eifer
Dass "publish or perish" hanebüchener Unsinn ist, habe ich immer schon gewusst. Ein Ergebnis sind die zahllosen Artikel "die Wissenschaft hat festgestellt..." Wirklich bedeutsame Entdeckungen sind selten und zeitigen oft erst nach Jahren weiterer intensiver Anwendungsforschung marktfähige Produkte bzw. Grunderkenntnisse. Ein Beispiel welcher Unfug mit dem Nobelpreis belohnt wird, ist der Preis für Wirtschaftswissenschaft. Alle Politiker, die nach diesen Theorien gehandelt haben, sind grandios gescheitert und haben meist verbrannte Erde hinterlassen, siehe z.B. Reagan und Thatcher.
Bahnbrechende Entdeckungen, auf die die Menschheit nicht mehr verzichten kann, sind oft Einzelleistungen gewesen, siehe die Röntgenstrahlen oder das Haber-Bosch-Verfahren. Letzteres vom Labor in die Großtechnik umzusetzen hat Jahre gedauert und zu insgesamt drei Nobelpreisen für die damit beschäftigten Chemiker und Ingenieure geführt.
Alles völlig zutreffend beschrieben.
Und jetzt? Sind wir ketzt klüger? Oder wird sich was ändern?
Genau das ist das deprimierend fatale, es wird sich nichts ändern, weil es eine Systemeigenschaft ist. Soziale Systeme aber, lassen sich nur mit viel Macht, manchmal sogar nur mit Gewalt verändern.
...spricht mir aus der Seele. Mir scheint der Grundsatz zu gelten: Das, was man nicht oder nur verhältnismäßig schwer beurteilen kann, wird einfach weitestgehend quantifiziert; dadurch wird es dann selbstverständlich vollständig greifbar und kann beurteilt werden - von den Verständigen und den anderen (oder nur von letzteren?).