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Afrikanische Flüchtlinge : Kaum einer kehrt zurück

  • -Aktualisiert am

Flüchtlingscamp im Sudan Bild: Reuters

In der Diskussion über afrikanische Flüchtlingsströme wird kaum über die Migration innerhalb Afrikas geredet. Dabei ist sie der Schlüssel zum Verständnis des Ansturms auf Europa.

          In der Debatte um den Umgang mit afrikanischen Flüchtlingen, die von Schleusern über das Mittelmeer nach Europa transportiert werden, geht mancher Aspekt unter, der in der Migrationsforschung schon länger diskutiert wird. Zur Erklärung des Einwandererstroms aus Afrika wird meist nur auf wirtschaftliche Not, demographischen Druck und politische Verfolgung verwiesen. Selten wird die innerafrikanische Migrationspolitik als Ursache genannt. Doch genau darin sehen Forscher des angesehenen Oxforder International Migration Institute (IMI) eine Teilerklärung für die verstärkte Orientierung afrikanischer Flüchtlinge nach Europa. Sie kritisieren das Wahrnehmungsdefizit ihrer Kollegen, das sie auf deren „eurozentrische Sicht“ zurückführen (Marie-Laurence Flahaux, Hein de Haas: „African Migration. Exploring the Role of Development and States“, Paper 105, Oxford, November 2014, einzusehen auf der Website des IMI).

          Die Verfasser stellen gleich mehrere Prämissen der Forschung in Frage. So sei, was nicht nur für Afrika gelte, die Migration in arme Länder nicht minder verbreitet als die Armutsauswanderung in reichere Länder. Politische und wirtschaftliche Instabilität erhöhe zwar einerseits den Migrationsdruck. Andererseits halte sie Familienoberhäupter häufig auch von der Auswanderung ab, weil sie glaubten, ihre Angehörigen besser schützen zu können, wenn sie im Land blieben. Auch die Rolle repressiver Regime müsse differenziert betrachtet werden. Diese verursachten nämlich nicht nur Fluchtwellen, sondern trügen durch Restriktionen auch dazu bei, Auswanderungswillige von ihrem Vorhaben abzubringen. Vielen afrikanischen Staaten galten Maßnahmen zur Einschränkung der Auswanderung schon in der Entkolonisierungsphase als probates Mittel zur Demonstration der eigenen Souveränität. Entsprechend verhielten sie sich Immigranten gegenüber nicht selten extrem feindlich. So hätten in den Jahren 1958 bis 1996 sechzehn afrikanische Länder in 23 Fällen zur Radikalmaßnahme der Massenvertreibung von Einwanderern gegriffen.

          Damit ging in Afrika in den letzten Jahrzehnten eine kontinuierliche Verschärfung der Einreiseregelungen einher. Dies führte dazu, dass in den Jahren 1980 bis 2000 die Binnenmigration tendenziell deutlich weniger stieg - nämlich um 31 Prozent auf zehneinhalb Millionen - als die Zahl der Afrikaner, die den Kontinent verließen. Letztere wuchs im gleichen Zeitraum doppelt so stark, um 61 Prozent auf insgesamt 8,7 Millionen. Grund dafür ist nicht immer akute wirtschaftliche Not. Anders als die auf dem schwarzen Kontinent verbleibenden häufig ärmeren Migranten kommen die Auswanderer aus Afrika meist aus wirtschaftlich bessergestellten Ländern mit einem vergleichsweise hohen Niveau von Urbanisierung und Mobilität. Der Anteil afrikanischer Auswanderer, die auf der Flucht vor politischer Verfolgung oder gewalttätigen Konflikten seien, beträgt nach der Studie nur etwa vierzehn Prozent.

          Kaum einer kehrt zurück

          Die Londoner Wissenschaftler beklagen zudem ein grundsätzliches Defizit der Forschung über afrikanische Migrationsprozesse. Es herrsche große Unklarheit hinsichtlich der Rückwanderung von Afrikanern in ihre Heimatländer. Dies wird auch in der New Yorker Internetzeitschrift „Ìrìnkèrindò: Journal of African Migration“ (Bd. 7, 2014) moniert. Nur wenig Konkretes sei über die Remigration nach Afrika bekannt, stellt die aus Nigeria stammende Herausgeberin Mojúbàolú Olufúnké Okome fest („Thinking about Return Migration to Africa: Theories, Praxes, General Tendencies and African Particularities“). Genaue Zahlen lägen kaum vor, weil selbst in den afrikanischen Ländern, die Statistiken über die eigenen Emigranten führten, die Remigranten zahlenmäßig nicht erfasst würden. So bleibe nicht nur ihr soziales Profil im Dunkeln, sondern auch ihre Motivation und die Auswirkungen ihrer Heimkehr auf das Land, das sie einst verließen. Dies sei umso problematischer, gibt Okome zu bedenken, als man vor allem im Westen dazu neige, die Rückwanderung als „Allheilmittel“ für die Entwicklungsprobleme Afrikas zu überschätzen.

          Ernüchternd wirkt in der gleichen Zeitschriftenausgabe der Beitrag des an der Universität von Lagos lehrenden Soziologen Kennedy Emborka („Development Impact of Return Migration in Nigeria: Myth or Reality?“). Emborka schätzt, dass es sich zumindest im nigerianischen Fall bei den meisten Rückkehrern um solche handelt, die entweder aus den Zielländern in die Heimat abgeschoben oder von der Internationalen Organisation für Migration zur Rückreise motiviert und dabei unterstützt werden. Für die Entwicklung des Landes sei von dieser Rückkehrergruppe wenig zu erwarten.

          Wichtig für das Land wären auch die beruflich erfolgreichen freiwilligen Remigranten, die allerdings im nigerianischen Beispiel eine vernachlässigbare Größe darstellten. Doch auch die wenigen Ausnahmen seien für Nigeria bisher kein großer Gewinn gewesen. Wenn sie sich als Unternehmer oder Politiker betätigten, seien sie meist nur auf den eigenen Profit bedacht gewesen. Zur Korruptionsbekämpfung und Demokratieförderung steuerten die freiwilligen Rückkehrer bisher kaum etwas bei.

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