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Forschung „Ötzis“ achtes Opfer

08.11.2005 ·  Übt die Gletschermumie aus den Alpen Rache für die mutwillige Störung ihrer Totenruhe? Binnen vierzehn Jahren starben acht Menschen aus dem Dunstkreis von „Ötzi“. Parawissenschaftliche Deuter sind alarmiert.

Von Joachim Müller-Jung
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Ein dreiundsechzigjähriger Kalifornier stirbt in Australien. Kein gewöhnlicher Kalifornier und auch kein gewöhnlicher Tod. Tom Loy, so der Name des Toten, arbeitete bis vor kurzem an der University of Queensland. Er leitete ein molekularbiologisches Institut, verbrachte Tage und Nächte im Labor und verdiente sich damit einigen Ruhm und internationale Meriten.

Vor etwa zwei Wochen allerdings wurde er tot aufgefunden. Nicht im Labor, sondern in seinem Haus in Brisbane. Eine Autopsie brachte keinen Aufschluß über die Todesursache. Das gab jedenfalls der Bruder des Toten nach der Beerdigung den Lokalreportern zu Protokoll, was aber so oder so an dem Fortgang der informellen Einordnung des Todesfalls nichts geändert hätte. Denn für jeden, der nur halbwegs mit den Forschungsarbeiten des Tom Loy vertraut war, mußte klar sein, daß mit dessen physischem Ableben die parawissenschaftlichen Deuter ihr Recht verlangten. Der „Fluch des Ötzi“ hatte, so triumphieren sie, sein achtes Opfer gefordert.

War dies sein Todesurteil?

Es ist die Stunde der Dornröschen-Chronisten. Loy war einer jener Forscher, die sich schon früh an der legendären, 1991 in den Alpen gefundenen Gletschermumie zu schaffen machten. Er fand auf dem eiskonservierten Korpus Blutspuren und damit Genmaterial von vier Menschen. Loy also war es, der der These vom Gewalttod Ötzis wissenschaftliches Gewicht verlieh. War das womöglich auch sein Todesurteil? War sein Untergang, um die parawissenschaftlichen Gedankenspiele der letzten Jahre zusammenzufassen, Ötzis späte Rache für die mutwillige Störung seiner Totenruhe? So, wie dereinst Lord Carnarvon beim Betreten der versiegelten Grabstätte Tutanchamuns im März 1923 einen - wie sich später herausstellte - tödlichen Moskitostich zuzog.

Immerhin: Bei der Bergung in den Ötztaler Alpen vor vierzehn Jahren war man alles andere als zimperlich mit der Mumie umgegangen, Skistöcke und Eispickel kamen zum Einsatz. Schon im nächsten Jahr starb der an der Begutachtung beteiligte Gerichtsmediziner, Rainer Henn. Mit vierundsechzig Jahren fuhr ihm auf einem kurvenreichen Abschnitt in Kärnten ein anderer Fahrer frontal ins Auto. Genickbruch. Ein Jahr später stürzte Bergführer Kurt Fritz, der Reinhold Messner zum Fundort des Ötzi begleitete, in eine Gletscherspalte. Der dritte Tote war Reporter Rainer Hölzl, der die Bergung gefilmt hatte. Ein Hirntumor hatte den Einundvierzigjährigen 2004 zugrunde gerichtet.

Schlag auf Schlag

Seitdem geht es Schlag auf Schlag: Der Ötzi-Entdecker Helmut Simon rutschte als Siebenundsechzigjähriger bei einer Bergtour im Salzburger Land eine Geröllrinne hinunter und blieb tagelang unentdeckt tot in einem Bachbett liegen. Bergretter Dieter Warnecke starb wenig später mit siebenundsechzig Jahren an einem Herzinfarkt, der Mikrobiologe Friedrich Tiefenbrunner wachte nach einer Herzklappen-Operation nicht wieder auf, und Konrad Spindler, der erste Archäologe, der Ötzi zu Gesicht bekommen hatte, erlag vor wenigen Monaten mit sechsundsechzig Jahren einer bösartigen Muskellähmung. Und nun Loy. Acht Tote in vierzehn Jahren.

Gleichwohl: Die szientistischen Frevler räubern unverzagt weiter. Und das nur, weil ihresgleichen auf die makabre Idee kam, die Todesstatistik im Dunstkreis der Hauslabjoch-Mumie näher zu beleuchten: Im Schnitt liegt das Sterbealter sogar etwas höher als das der unbeteiligten Bevölkerungsmehrheit. Die Sterbewahrscheinlichkeit der vielen hundert noch aktiven Ötziforscher wird mit hundert Prozent angegeben.

Quelle: F.A.Z., 08.11.2005, Nr. 260 / Seite 42
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Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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