Wenn die Fachzeitschrift „Foreign Policy“ ihre Liste der hundert einflussreichsten Denker veröffentlicht, dann ist das immer auch ein guter Abgleich zu den kurzen Auf- und Abschwüngen der digitalisierten Öffentlichkeit. In diesem Jahr führen ausgerechnet zwei Burmesen die Liste an, einmal Aung San Suu Kyi, dann aber auch ihr Widerpart General Thein Sein. Ihrer beider Kooperation würdigt FP als Beweis dafür, dass vernünftige Individuen an entscheidender Stelle den Lauf der Geschichte wirklich verändern können.
Es sind überhaupt viele Personen aus kapitalarmen und netzfernen Weltgegenden vertreten, auf dem sechsten Platz die Schülerin Malala Yousafzai aus dem pakistanischen Swattal. Ihr Blog über das Leben unter der Talibanherrschaft und andere Protestaktionen machten sie zu einer der ärgsten Widersacher der brutalen Bartträger. Bis sie dann ihren Schulbus stoppten und ihr in den Kopf schossen, nur durch ein Wunder hat sie überlebt. Besser als alle Politiker, die das doch seit einem Jahrzehnt verkrampft versuchen, kann sie erklären, warum es einen Unterschied macht, ob die Taliban entschieden bekämpft werden oder nicht.
Sebastian Thrun statt Fischer und Schmidt
Diese Schülerin liegt in der Liste einen Platz vor Barack Obama. Von den üblichen Verdächtigen, die sich selbst gern den Titel eines Denkers von weltweiter Relevanz zuschreiben, fehlen fast alle: Kein Fareed Zakaria, kein Thomas Friedman, nicht mal der Rundumhistoriker und Instantexperte Niall Ferguson sind aufgeführt. Auch die deutschen Anwärter auf den Titel eines globalen Großstrategen fehlen: Kein Joschka, kein Helmut Schmidt, nicht mal Paul Nolte ist der Liste bekannt. Dafür gleich auf Platz vier der in Solingen geborene Informatiker Sebastian Thrun (siehe F.A.Z. vom 15.August), der mit seinen Konzepten für selbstfahrende Autos und einer Wunderbrille als der kommende Henry Ford gewürdigt wird.
Platz 12 ist unsere Kanzlerin, Platz 88 Jürgen Habermas, von den europäischen Ländern kommt Deutschland am besten weg. Frankreich ist mit Christine Lagarde vertreten, Italien mit Mario Draghi, Ideen werden also eher in transnationalen Organisationen vermutet. Jede Menge Syrer und Tunesier, die Pussy-Riot-Aktivistinnen, auch die Präsidentin von Malawi, viele Blogger, aber keine Internettycoons - diese Liste feiert die Freiheit der Ideen, den Zoff und versöhnt mit einer Gegenwart, die man möglicherweise unterschätzt.