17.05.2004 · Arabische Politiker fordern, daß Amerika ihnen keine Lektionen in Fragen der Menschenrechte erteilt. Dabei vergessen sie, daß es in der arabischen Welt die Folter seit Jahrhunderten gibt.
Von Hussain Al-MozanyDie Mißhandlung von politischen Gegnern in der islamisch-arabischen Welt ist so weit gediehen, daß man von einem Foltersystem mit Geschichte sprechen kann. Der irakische Gelehrte Abud Alshalghy (1911 bis 1996) stellte eine siebenbändige Enzyklopädie zusammen, in der er fast alle Foltermethoden in der arabischen Geschichte auflistete, angefangen von verbalen Beleidigungen bis hin zu Enthauptung, Schändung und Verbrennung der Leichen.
Der berühmte Großstaatsmann und Begründer der Umayyaden-Dynastie, Mu'awiya Ibn Abi Sufyan, der von 661 bis 680 regierte, ließ Geiseln lebendig begraben. Sein Sohn Yazid schreckte nicht davor zurück, Säuglinge umzubringen und mit dem Kopf des Prophetenenkels Hussain zu spielen.
Wo hast du den Kopf verloren
Die arabischen Herrscher setzten sich seit jeher wohlwissend über die islamischen Richtlinien hinweg, die vom Propheten festgelegt wurden. Der Überlieferung nach hat Mohammed den muslimischen Soldaten strikt untersagt, Greueltaten und Schändungen zu verüben, Kinder und Frauen umzubringen. Sein Nachfolger als Führer der islamischen Gemeinde, Abu Bakr (573 bis 634), soll erbost gewesen sein, als man ihm das Haupt eines getöteten Gegners brachte: "Das sind die Taten der Barbaren."
Das erfuhr auch Karl Marx. In einem Brief an Engels vom 18. April 1882 berichtet er von der Enthauptung eines algerischen Räubers: "Er ward trotz Abrede guillotiniert. Aber das nicht alles. Seine Verwandten, wie die Franzosen es bisher erlaubt, erwarten, den Körper und den Kopf ihnen zu liefern, so daß sie letzten an erstern zusammennähen und ,das Ganze' dann bestatten. Quod non! Heulen und Fluchen und Toben; die französische Autorität schlug's ab, rund ab, und zum erstenmal! Kommt der Rumpf nun ins Paradies, so fragt Mohammed: Wo hast du den Kopf verloren? Oder: Wie brachte sich der Kopf um den Rumpf? Du bist nicht würdig fürs Paradies! Mach dich scheren zum Christenhunden! Und so jammern die Verwandten."
Romane über Grausamkeit
Auch in den modernen arabischen Staaten blieb die Grausamkeit ein Hauptwesenszug des Umgangs mit den Untertanen. In nahezu jedem arabischen Land sind die Folterknechte auf bestimmte Foltermethoden spezialisiert. Zeitgenössische Autoren haben das Thema in Romanen aufgegriffen, etwa der Syrer Nabil Suliman in "Die Haftanstalt", der Iraker Fadhil al-Azzawi in "Die fünfte Burg" und der Marokkaner Tahar Ben Jalloun in "Das Schweigen des Lichts", das die Mißstände im Straflager Tazmamart schildert.
Der Erfolg seines Romans "Östlich des Mittelmeers" veranlaßte den saudiarabischen Schriftsteller Abdalrahman Munif, das Thema erneut zu bearbeiten. Auch in die Literaturwissenschaft hat die systematische Grausamkeit Eingang gefunden; der Palästinenser Nizih Abu Nidal beschrieb "Die Haftanstalt im arabischen Roman", während "Die nackten Füße" des Ägypters Tahir Abdulhakim die Folterungen der Nasser-Zeit schildert.
"Streunende Hunde"
Makaber nehmen sich die Stellungnahmen mancher arabischer Politiker hinsichtlich der Bekanntgabe der Folterbilder im Abu-Ghraib-Gefängnis aus. Der libysche Außenminister Abdulrahman Schalqam warf am Rande der Außenministerkonferenz in Kairo der amerikanischen Politik Verlogenheit und Doppelmoral vor: Die Vereinigten Staaten forderten die arabischen Länder auf, die Menschenrechte zu achten, während sie "tagtäglich Tausende Iraker umbringen oder sie in den Gefängnissen öffentlich foltern". Amerika müsse, so Schalqam, keine Lektionen in Fragen der Menschenrechte erteilen, im Gegenteil. Die Araber seien reif geworden und unternähmen die notwendigen Reformschritte.
Das ist wohl eine nicht zu verhüllende Anspielung auf das Entgegenkommen der libyschen Behörden, dem internationalen Terror abzuschwören. Der Ölreichtum Gaddafis ermöglicht Libyen, seine Isolation zu überwinden und eine gewisse Rehabilitierung zu erfahren, wobei das Register seiner Menschenrechtsverletzungen das aller anderen nordafrikanischen Staaten weit übersteigt. Selbst in Saddams Reich verwendet man für die Todesopfer Bezeichnungen wie "Verbrecher" oder "Verräter", im libyschen Sprachgebrauch werden sie "streunende Hunde" genannt. Enthusiastisch meldete ein Geheimdienstchef die Schändung und Hinrichtung eines "verirrten Hundes". Erst vorletzte Woche verurteilten Gaddafis Richter fünf bulgarische Krankenschwestern zum Tod, weil diese angeblich "absichtlich" Aids im Land verbreiteten.
Besorgniserregende Berichte
Der jüngste Fall von Mißhandlung in Saudi-Arabien, der großes Aufsehen unter den arabischen Intellektuellen hervorrief, ist der des saudischen Dichters Ali al-Domaini. Domaini wurde am 15. März dieses Jahres verhaftet, weil er die saudischen Machthaber kritisiert und ein Kommuniqué unterzeichnet hatte, das Reformen im Königreich forderte. Es heißt, Domaini habe vor laufenden Kameras auf den Koran schwören sollen, derartige "subversive Aktivitäten" nicht zu wiederholen. Sonst drohen ihm beim kleinsten Vergehen hohe Strafen, würde er sich der Gotteslästerung und Koran-Verunglimpfung schuldig machen.
Aus Syrien kommen ständig besorgniserregende Berichte. Nicht allein die Festnahme Riad Saifs, Abgeordneter in der syrischen "Volkskammer", wirft lange Schatten auf die Methoden der syrischen Sicherheitsorgane mit der hinfälligen Behauptung, er sei an "gewaltsamen Umsturzplänen" gegen das Regime beteiligt, sondern auch die Verhaftungswelle unter kurdischen Aufständischen unmittelbar nach den ethnischen Unruhen im März. Saifs Verhängnis war seine lakonische Bemerkung in der Volkskammer, die syrische Regierung sei die glücklichste der Welt, "weil es weder oppositionelle Parteien noch Arbeiterstreiks, noch eine unabhängige Justiz oder freie Presse gibt, die sie stört".
Kritik unglaubwürdig
Selbst der Schirmherr der Gremien zur Verteidigung der demokratischen und Menschenrechte in Syrien, der Rechtsanwalt Aktham Nuyassa, wurde jüngst wegen "Anfeindung der Ziele der Revolution" verhaftet. Der wahre Grund: Er hatte den Staat aufgefordert, die Folter von Gefangenen einzustellen. Aus eigener Erfahrung - er war von 1991 bis 1998 inhaftiert - weiß er, wie der syrische Geheimdienst mit "Dissidenten" umgeht. Erst vor zwei Wochen starben drei kurdische junge Männer an Folgen der Folter. Vor diesem Hintergrund steht auch die brutale Hinrichtung des Amerikaners Nick Berg, deshalb wirkt die Kritik der arabischen Politiker an die Adresse der Amerikaner unglaubwürdig.
Die arabischen Potentaten haben niemals die Stimme gegen die Schandtaten erhoben, die unter Saddam jahrzehntelang im Irak verübt wurden. Öffentliche Hinrichtungen, Massenexekutionen, Fleischwölfe, in denen Oppositionelle zu Hackfleisch gemacht wurden, Frauen, die von den Straßen entführt wurden, damit Saddams Sohn Uday seine Perversionen an ihnen ausleben konnte, Verstümmelung von Nasen, Ohren und Gliedmaßen vor laufenden Kameras - all dieses und noch viel mehr wurde weder von der Arabischen Liga noch von anderen arabischen Staaten auch nur mit einem einzigen Wort angeprangert.
Kampagne der Selbstgefälligkeit
Nicht einmal die Zurschaustellung der verbrannten Leichen von amerikanischer Zivilisten in Falludscha wurde von den arabischen Machthabern verurteilt. In diese Kampagne der Selbstgefälligkeit passen auch die Äußerungen von al-Sadrs Vertreter in Basra, der umgerechnet 170 Dollar Belohnung an jeden zahlt, der eine amerikanische Soldatin entführt. Man soll sie in al-Sadrs Büro abliefern, wo sie dann nach "islamischer Rechtsprechung" als gariya, als Lustsklavin, behandelt werde.
Es gibt an den Untaten amerikanischer Soldaten im Irak nichts zu beschönigen. Dennoch sitzen die jenseits jeder Achtung der Menschenwürde agierenden arabischen Politiker nicht einmal mehr in Glashäusern oder in luftigen Zelten. Vielmehr hocken sie obdachlos und vollkommen entblößt auf nacktem Boden.