15.12.2003 · In Zukunft wird es bei der Konstruktion neuer Flugmaschinen - vor allem unbemannter - heißen: Von Insekten lernen heißt fliegen lernen.
Von Christian SchwägerlEs ist sehr umstritten, ob die Gebrüder Orville und Wilbur Wright wirklich die ersten waren, die ein motorisiertes Flugzeug zum Fliegen brachten. Gewiß waren sie die ersten, die einem breiteren Kreis von Medien davon Mitteilung machten, weswegen nun in aller Welt an ihren persönlichen Erstflug am 17. Dezember 1903 in Kitty Hawk, North Carolina, erinnert wird.
Doch ausgerechnet um den hübschen Jahrestag herum wird deutlich, daß sich das Fliegen grundlegend verändert. Der Mensch, dessen ehrgeizigstes Ziel das Fliegen so lange war, wird aus der neuesten Generation von Fluggeräten entfernt. Die technologisch heißesten Entwicklungsarbeiten fallen nicht mehr wie in den vergangenen Jahrzehnten immer größer und schneller aus, sondern immer kleiner und langsamer. Nicht die Ingenieure neuartiger Megajumbos, sondern akademisch motivierte Modellbaufreaks könnten zu zukünftigen Helden der Disziplin avancieren.
Drohnen, Sonden und Insektoide
Eine echte evolutionäre Blüte der Flugtechnologie, also die Veränderung und Diversifizierung von Formen und Funktionen, ist nämlich hauptsächlich bei den unbemannten Drohnen, Sonden und Insektoiden zu beobachten. Sie sind bisher nur punktuell im Einsatz, könnten aber bald in riesiger Zahl den Himmel füllen. Ihre Flugbewegungen unterscheiden sich von den heute üblichen grundsätzlich. Wird bisher hauptsächlich von A nach B geflogen, kreisen die Drohnen und beobachten - für Stunden, Tage oder solargetrieben sogar für Jahre. Haben die klassischen Flugzeuge den Himmelsraum durchschossen wie kurzfristige Eindringlinge, werden die Drohnen ihn bevölkern wie Rabenschwärme die winterlichen Städte und die Atmosphäre endgültig zum Teil der Technosphäre machen.
Das Zeitalter der Drohnen dämmert schon eine Weile, doch Anfang November 2002 wurde schlagartig klar, wie weit die Technik bereits gediehen ist und wie sehr sie zum Krieg des 21.Jahrhunderts - gegen verborgene Netzwerke - paßt. Ein unbemanntes amerikanisches Flugobjekt vom Typ "Predator" feuerte über dem Staatsgebiet des Jemen eine Hellfire-Rakete ab und tötete damit fünf der Zugehörigkeit zu Al-Quaida verdächtigte Menschen, die in einem Autor durch die Wüste fuhren. Gesteuert wurde diese Drohne aus der Ferne. Das Pentagon und sein Forschungsarm "Darpa" investieren Milliardenbeträge in Drohnensysteme, das Militär ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt die wichtigste Triebfeder für unbemannte Flugobjekte. Krisengebiete im Kosovo, Afghanistan und dem Irak werden als Testgebiete für die Weiterentwicklung benutzt, das Spektrum reicht von der risikofreien Aufklärung bis zum ferngesteuerten Kampfeinsatz.
„Vollständige deutsche Drohnenfamilie“
In Deutschland arbeitet die Rüstungsfirma Rheinmetall DeTec laut Eigenwerbung an einer "vollständigen deutschen Drohnenfamilie". Der Ausbruch aus der rein militärischen Genealogie in die zivile Massennutzung deutet sich aber bereits an. Sagem, der französische Multitechnologie-Konzern für Mobiltelephone, Biometrie und Flugzeugbau, hat ein unbemanntes Flugsystem an die Gendarmerie von Paris und an den französischen Zoll verkauft. Sicherheitsstrategen denken darüber nach, Überwachungskameras, deren Zahl in Städten wie New York und London explodiert (in Manhattan derzeit 150 pro Quadratkilometer) demnächst durch Flugpatrouillen sekundieren zu lassen. Deren Software wäre auf die Erkennung ungewöhnlicher Bewegungsmuster spezialisiert.
An manchen Landesgrenzen werden bereits einzelne Drohnen zur Raumpatrouille losgeschickt. Jene Grenzschützer, die Europa gen Afrika und Osteuropa abschirmen müssen, träumen von einer ganzenFlotte kleiner Flugobjekte, die mit Wärmesensoren auf großen Arealen illegale Flüchtlinge und Schmuggler aufspüren kann. Zum Einsatz werden die Drohnen später aber hauptsächlich für allseits akzeptierte Zwecke kommen: Bei der Schafstoffmessung, bei der Überwachung von Verkehrsströmen, Großveranstaltungen oder Nationalparks, bei der Erkundung von Katastrophengebieten und der Bergung von Unfallopfern.
Miniaturisierung der Flugkunst
Um die heute noch recht großen Fluggeräte fit für solche Einsätze fit zu machen, ist ihre Miniaturisierung in vollem Gang. An der Universität von Ulm arbeitet ein kleines Forscherteam an einer völlig neuen Flugmethode. Vorbild sind nicht, wie bei allen Flugpionieren seit Leonardo da Vinci, die Vögel, sondern Insekten, die das Fliegen ja Millionen Jahre vor den Vögeln erfunden haben. Den Drohnenbauern gefällt, daß Insekten auf engstem Raum und unter schwierigsten Bedingungen manövrieren können. Fritz-Olaf Lehmann, einer der Gewinner des BioFuture-Wettbewerbs des Bundesforschungsministeriums, baut gerade an der zweiten Generation einer "RoboFly", einem aus Metallgelenken und kleinen Motoren zusammengesetzten Insektenmodell. Mit dessen Hilfe kann er die Kräfte studieren, die beim Insektenflug wirken, und erproben, ob ein flugfähiges Insektoid technisch überhaupt machbar ist.
Einen solchen Flugroboter will Lehmann später einmal an Unfallorte und zur Kontrolle von Abwässerkanälen losschicken. Einladungen der "Darpa" hat er abgelehnt, zu einem biomimetischen Kampfinsekt will er nicht beitragen. Insektenflug, berichtet Lehmann, begeistere seit kurzem die Luftfahrtingenieure, da er ganz anders funktioniere als der Vogelflug und die Technik noch viel davon lernen könne. Nicht Adler und Kraniche, sondern Schwebfliegen und Libellen könnten die Logos der Flugindustrie von morgen schmücken.