Ist das echt? Die Frage scheint Peter Jakab oft zu hören, aber er beantwortet sie immer noch mit sichtlichem Vergnügen: „Aber klar.“ Das kleine Flugzeug mit dem Schriftzug „Spirit of St. Louis“ sei tatsächlich genau das, mit dem Charles Lindbergh am 20. Mai 1927 den Atlantik überquerte. Genauso wie der mannshohe Konus mit der verkohlten Unterseite die Raumkapsel ist, in der Armstrong, Aldrin und Collins 1969 zum Mond und wieder zurück flogen. Auch der Lilienthal-Gleiter, das Flugzeug aus der Werkstatt der Gebrüder Wright, die sowjetische SS-20-Rakete. „Bis auf den Sputnik sind alle unsere Objekte Originale.“
Das gilt selbst für die Landesonde „Viking“, vor die der Vizedirektor des Smithsonian National Air and Space Museums den Besucher nun führt. Gut, es ist nicht dasselbe Gerät, das 1977 die ersten Bilder von der Marsoberfläche machte. Das steht natürlich immer noch auf dem Roten Planeten. „Die Raumsonden hier sind alles Test- oder Ingenieursmodelle aus den jeweiligen Programmen“, sagt Jakab. „Aber die beiden Viking-Lander auf dem Mars gehören uns auch. Wir dürften sie uns jederzeit holen. Die Nasa hat sie uns übertragen.“
Die erste Adresse für altes Nasa-Gerät
Mit der amerikanischen Weltraumbehörde hat Jakabs Haus, das mit 8,5 Millionen Besuchern im Jahr inzwischen dem Louvre den Rang des meistbesuchten Museums der Welt abgelaufen hat, eine besondere Beziehung. Es ist allerdings nicht die einzige. Die Luftfahrtindustrie und die U.S. Air Force sind ebenfalls Partner, schließlich wurde das Haus 1946 als „National Air Museum“ gegründet und trägt das „Space“ erst seit 1967 im Namen. Damals entwuchs die Raumfahrt gerade ihrer Frühphase, und das allgemeine Interesse an ihrer Technik stieg ebenso wie die Zahl der Artefakte, die nun historisch wurden.
Wann immer die Nasa seither etwas außer Dienst stellt, wird es zuerst der Smithsonian Institution angeboten. Die halbstaatliche Stiftung betreibt insgesamt 19 Museen, neun davon stehen in der amerikanischen Hauptstadt entlang der National Mall, des Grünstreifens zwischen Capitol und Washington Monument. Das Air and Space Museum bekam hier 1976 einen großzügigen Neubau, nicht zuletzt, um die Hinterlassenschaften des „Apollo“-Programms aufzunehmen.
Im Jahr 2011 ist mit der Außerdienststellung der Space Shuttle für die Nasa abermals eine Epoche zu Ende gegangen, deren materielle Zeugen öffentlich zugänglich gemacht werden sollen. „Das geht jetzt aber etwas geordneter zu als nach dem Ende von Apollo“, sagt Jakab. „Damals fuhr die Nasa einfach mit ein paar Lastwagen vor, nach dem Motto ,Da habt ihr den Krempel’.“ 2003 eröffnete das Museum eine Zweigstelle am Dulles Airport westlich der Stadt, das Udvar-Hazy-Center, benannt nach einem Unternehmer, welcher der Smithsonian die größte Einzelspende ihrer Geschichte hatte zukommen lassen. Dort soll im Frühjahr 2012 die „Discovery“ ihren letzten Dienst antreten. Der jetzt dort ausgestellte Shuttle-Prototyp „Enterprise“ muss in ein New Yorker Museum umziehen. „Damit haben wir dann das dienstälteste verbliebene Shuttle, das 39 Mal im Weltraum war“, freut sich die Kuratorin Valery Neal. „Wir können dann die Geschichte natürlich ganz anders erzählen als mit der Enterprise.“
Neuer Lack für die militärische V2-Rakete
Nun können Geschichten allerdings auch anhand ein- und derselben Objekte verschieden erzählt werden. Und wie man sie erzählt, ist abhängig von sich wandelnden kulturellen Kontexten und damit selbst ein Stück Geschichte. So beherbergt das Museum inzwischen auch Objekte, die neben ihrer historischen noch eine zweite, in diesem Sinne metahistorische Bedeutung bekommen haben. Eines ist die schwarzweiß gestrichene Rakete in der Haupthalle an der National Mall. Deutschen Besuchern ist sie sofort als V2 erkennbar, die erste funktionierende Großrakete. Wernher von Braun, der nach dem Krieg jene Raketen baute, welche die Amerikaner bis zum Mond brachten, hatte die V2 als Waffe für die Deutsche Wehrmacht entwickelt. Gegen Ende des Krieges war sie gegen Städte wie London und Antwerpen eingesetzt worden, doch die Zahl der dabei getöteten Menschen war nichts gegen die Zahl der Arbeitssklaven im KZ Mittelbau-Dora, die bei der Produktion dieser Raketen ums Leben kamen.
Auch diese V2 ist ein Original - bis auf ihre Farbe. Bevor sie 1976 hier aufgestellt wurde, hatte die Rakete noch ihren ursprünglichen gesprenkelten Tarnanstrich. Die schwarzweiße Testbemalung trugen nicht die ans Militär ausgelieferten Raketen, sondern nur diejenigen, die experimentell gestartet wurden, darunter beim ersten erfolgreichen Versuch vom 3. Oktober 1942. An diesem Tag erreichte zum ersten Mal ein menschengemachtes Objekt den Weltraum - und allein deswegen wollte man die V2 hier ins Museum stellen, nicht wegen London, Antwerpen oder gar Mittelbau-Dora. Also wurde die Rakete neu angestrichen. „Die militärische Geschichte eines Objekts wurde damit ausgelöscht, um es als Weltraum-Ding zu präsentieren“, sagt Michael Neufeld, ein renommierter Raketenhistoriker und ebenfalls Kurator am National Air and Space Museum.
Eine Affäre um „Enola Gay“
Erst als 1983 bei Arthur Rudolph, einem Mitarbeiter von Brauns und ehemaligen Projektchef der Mondrakete Saturn V, Details über dessen Nazi-Vergangenheit und Verstrickungen in die Verbrechen von Mittelbau-Dora publik wurden, begann der schwarzweiße Lack zu blättern. Eine volle Aufarbeitung der Historie begann erst nach dem Ende des Kalten Krieges. Dass der Rakete 1990 eine Ausstellung mit Bildern aus Mittelbau-Dora und von durch V2-Angriffe angerichteten Verwüstungen zur Seite gestellt werden konnte, hatte allerdings auch mit Martin Harwit zu tun, einem bekannten Astrophysiker, der 1987 Direktor des Museums wurde. „Harwit war als Erster bereit, offen über diese Dinge zu sprechen“, sagt Neufeld. „Allerdings ging es mit ihm auch nicht gut aus, 1995 wurde er rausgeworfen, wegen der Enola Gay.“
An diese Sache erinnert sich auch Neufeld nur ungern. „Enola Gay“ ist der Name jenes B-29-Langstreckenbombers, von dem aus am 6. August 1945 die Atombombe über Hiroshima abgeworfen wurde. Das Flugzeug befindet sich in der Sammlung des Museums, und Teile davon sollten Mittelpunkt einer Sonderausstellung zum fünfzigsten Jahrestags des Kriegsendes werden. Bereits im Vorfeld wurde das Museum von Veteranenverbänden bezichtigt, den historischen Kontext der Atombombeneinsätze einseitig darstellen zu wollen. Die Affäre landete schließlich vor dem Congress, und Harwit musste gehen. Heute steht die „Enola Gay“ in voller Größe, aber mit äußerst sparsamer Beschriftung im Udvar-Hazy-Center.
Mit patriotischem Tonfall
Beim Thema Militär wird es für die Kuratoren des National Air and Space Museums immer heikel - und das nicht erst seit dem Amtsantritt des aktuellen Direktors, eines pensionierten Vier-Sterne-Generals der Marineinfanterie. Einerseits sind Jakab, Neal, Neufeld und ihre Kollegen akademisch ausgebildete Historiker, also Wissenschaftler, für die das begründete Argument und die sachliche Kontroverse im Vordergrund stehen. Andererseits dient ihr Haus den Vereinigten Staaten aber auch als Militärmuseum, und das ist in einer Nation, die ständig irgendwo Krieg führt, immer auch ein emotionaler Ort, einer der Erinnerung und des Gedenkens.
Eine rein sachlich kontextualisierte Präsentation beispielsweise des legendären Hubschraubers „Huey“ würde bei vielen Vietnam-Veteranen und ihren Familien kaum funktionieren, weswegen das Fluggerät im Udvar-Hazy-Center auch von einem Videofilm mit, gelinde gesagt, patriotischem Tonfall begleitet wird. Und an der National Mall kann der Besucher eine sehr unverkrampfte Präsentation einer Drohne vom Typ Predator bewundern.
Vom Ende der Shuttle-Ära
Solche Exponate haben aber nicht nur mit der inoffiziellen Nebenfunktion des Museums als Kriegerdenkmal zu tun. „Das Motiv des ,Schaut her, was für tolle Technik’ ist in diesem Haus immer noch sehr stark“, gibt Neufeld unumwunden zu. Wobei das kein Washingtoner Sonderphänomen ist. Auch für andere Technikmuseen, auch solche in Deutschland, ist es eine mit ihrem akademischen Selbstverständnis nicht immer leicht zu versöhnende Realität, dass sie ihre Exponate aus Quellen wie der Luftfahrtindustrie bekommen, die sich davon zumindest einen Imagegewinn für ihre Branche, vielleicht sogar für ihre Marke versprechen. „Für Ausstellungen und Objekte bekommen wir keine staatlichen Mittel“, sagt Neufeld. „Da sind wir abhängig von Boeing, Lockheed, Northrop Grumman und so weiter.“
Und die Nasa? Hat die nicht auch bestimmte Erwartungshaltungen, etwa wenn es nun darum geht, nach dem Ende des Shuttle-Programms die Öffentlichkeit für neue Aktivitäten im Raumfahrtbereich zu interessieren? Neufeld winkt ab. „Wir sind ein technikhistorisches Museum und nicht die PR-Abteilung der Nasa. Aber diese Spannung, ja, die gibt es.“ Tatsächlich eröffnete 2009 die erste Stufe einer neuen Dauerausstellung über die amerikanische Raumfahrt in der Epoche des Spaceshuttle und der Internationalen Weltraumstation.
Raumfahrt in der Krise
Demnächst soll dort auch die Zukunft thematisiert werden. Doch wenn die Zukunft für ein Museum immer ein schwieriges Thema ist, so in diesem Fall ganz besonders. Denn die Zukunft der Raumfahrt ändert sich dauernd. „Als wir mit den Planungen begannen, war die Zukunft das Constellation Program mit der Aries-Rakete und dem Raumschiff Orion“, erinnert sich Valery Neal. „Kaum hatten wir angefangen, war das Programm gestrichen. Nun lautet die Devise, den privaten Sektor zur Raumfahrt zu animieren und die Nasa auf Erkundungsmissionen zu schicken. Doch die Erkundungspläne der Nasa sind im Moment alles andere als klar.“
Da fragt es sich, ob die gegenwärtige Krise der amerikanischen Raumfahrt nicht am Ende auch dem Museum schaden könnte, dessen Besucherrekorde sich kaum allein der „Spirit of St. Louis“ und ihren an die irdische Lufthülle gebundenen Artgenossen verdanken. „Die Raumfahrtbegeisterung ist nach wie vor ungebrochen“, sagt Valery Neal. „So sind etwa unsere Imax-Filme zum Thema Weltraum die beliebtesten überhaupt.“
Andererseits: In Zeiten, in denen Hollywood jede noch so phantastische Welt dreidimensional erschaffen kann, braucht auf die Dauer niemand, der mit bloßen Träumen zufrieden ist, ein solches Museum. James Camerons Science-Fiction-Epos „Avatar“ war zwar der erfolgreichste Film aller Zeiten. Doch noch mehr Menschen als die, die ihn gesehen haben, drückten sich schon die Nase an jener Scheibe platt, hinter der Buzz Aldrins mondstaubverschmierter Raumanzug zu sehen ist. Weil er echt ist.
Predator
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