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Flughafenbahnhof Berliner Luft

 ·  Flugzeuge landen auf dem neuen Flughafen immer noch nicht. Dafür fahren jetzt menschenleere Züge durch seinen Bahnhof. Was in Berlin passiert, kann man nur noch Kindern erklären.

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Es heißt, dass die Berliner Kinder ihre Eltern inzwischen vor dem Schlafengehen anbetteln, sie sollen ihnen bitte, bitte, bitte noch eine Geschichte von dem wunderlichen Bummelflughafen erzählen, der am Rand der Stadt erbaut wird. Und jedes Mal sagen die Eltern zu den Kindern: Na gut, aber wirklich nur noch eine. Die letzte Geschichte zum Beispiel handelt von dem niegelnagelneuen S-Bahnhof, der gerade unter dem Flughafen fertig geworden ist. Er hat sechshundert Millionen Euro gekostet, was ziemlich viel Geld ist für etwas, das versteckt unter der Erde liegt, und er wurde für all die Menschen gebaut, die an dem Flughafen einmal ankommen oder abfliegen sollen, wenn er denn irgendwann fertig ist.

Wie die Berliner Kinder schon aus früheren Geschichten wissen, sieht es danach aber erst mal nicht aus, weshalb auch erst mal niemand den niegelnagelneuen S-Bahnhof benutzen darf. Selbst, wenn er nicht vom Flughafen abfliegen will, weil das ja gar nicht geht, sondern bloß dort aussteigen und ein bisschen den Bauarbeiten zusehen, darf er das nicht, weil ja auch die Feuerlöschanlage gar nicht geht, was unter fünfundzwanzigtausend Gründen nur einer ist, weswegen der ganze Flughafen noch nicht fertig ist.

Einen Flughafen zu bauen ist wie eine Sandburg bauen

Und was passiert jetzt?, fragen an dieser Stelle die Berliner Kinder, inzwischen schon ein wenig müde, aber immer noch gespannt. Und die Eltern sagen: Nun, jetzt schickt die Bahn jeden Tag ein paar Züge durch den niegelnagelneuen S-Bahnhof. Aber nicht etwa, damit er sich nicht so leer und nutzlos vorkommt - obwohl, das vielleicht auch -, sondern damit die Luft auf den Bahnsteigen und Gleisen schön durcheinandergewirbelt wird und sich im Bauwerk kein Schimmel bildet. Denn das kennen die Berliner Kinder, dass die Eltern ins Zimmer kommen und sagen, hier steht aber die Luft, und dann reißen sie ein Fenster auf. Genauso passiert es nun dem Bahnhof, nur dass das Fenster ein Zug ist, in dem aber gar niemand sitzt, weil ja niemand den neuen Bahnhof benutzen darf, bis der Flughafen irgendwann fertig wird, weshalb es sein könnte, dass dort bald auch erst mal leere Flugzeuge landen und Leute, die nirgendwohin fliegen wollen, durch die Schalterhalle laufen, einfach damit die Luft nicht steht. Denn einen Flughafen zu bauen ist wie eine Sandburg bauen; man wird nie damit fertig, weshalb es für die Berliner Kinder auch morgen wieder eine Geschichte über jenen wunderlichen Ort am Rand der Stadt geben wird. Aber eben leider nur für sie.

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Jahrgang 1974, Redakteur für das Feuilleton in Berlin.

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