12.01.2012 · Schriftsteller, Künstler und Verfassungsrichter: Nur anerkannter Staatsfeind wollte er nie sein. Florian Havemann entzieht sich vielerlei Maßstäben - gerade das macht ihn zu einem so interessanten Denker.
Von Lorenz JägerKrach, bumm, Gewitter - und dann ist es plötzlich wieder ganz ruhig, für Jahre. 2007 erschien das Monstrum von einem Buch, Titel „Havemann“, rund elfhundert Seiten stark; es verursachte einen Skandal, es war indiskret, es kam zu Rechtsstreitigkeiten mit Personen, die sich falsch oder unvorteilhaft dargestellt sahen; sodann folgte eine neue Auflage mit Schwärzungen, das Buch stand eine Weile lang im Netz, inzwischen ist es dort wieder verschwunden.
Mit dem Suhrkamp Verlag hat der Autor sich längst überworfen. Wikipedia weiß von einer Zeitschrift, die er herausgab, „Zeitschrift für unfertige Gedanken“ hieß sie, man findet aber keine Spur mehr von ihr. Seine persönliche Website, von der damaligen PDS eingerichtet, wurde seit 2002 nicht mehr aktualisiert. Florian Havemann scheint andere Zeitmaße zu haben.
Um zu verstehen, was dieser Mann geleistet hat und wer er ist, muss man ein bisschen an den ästhetischen Kategorien feilen. Echtheit, Substanz und Authentizität sind ja außer Kurs geraten. Aber das ganze dicke Havemann-Buch ist, neben einer schmerzhaften Prüfung der persönlichen Echtheit und der Masken, die sie nur vorspiegeln, eine Probe auf die Echtheit des künstlerischen Handelns der Menschen, mit denen er näher zu tun hatte; darunter Nina Hagen, Thomas Brasch und Erich Fried.
Wie Havemann den Kitsch in der Wahrheit erkennt, dann aber dennoch die Wahrheit im Kitsch nicht übersieht - durchgespielt an einer Zeile von Nina Hagen, in der nicht vom Geliebten, sondern schnodderig von einem „Bekannten“ die Rede ist -, das gehört zu den wirklich aufregenden Ästhetik-Diskussionen der jüngeren Zeit. Ebenso geht die Analyse des Musikgeschmacks von Thomas Brasch (Cat Stevens stand bei dem Dramatiker hoch im Kurs) wieder auf das Verhältnis des Pop-Kitsches zum dem ganz anders gestimmten Theaterwerk. Auch liest man nicht ohne Bewegung die Ehrenrettung des Menschen Erich Fried, dessen Lyrik derzeit vor keinem Kunstrichter bestehen kann.
Dazu gehören Mut, Unabhängigkeit, Unbestechlichkeit. Florian Havemann ist der Sohn von Robert Havemann, dem berühmten Physiker, der in dem Buch „Dialektik ohne Dogma?“ (1964) erst mit der Philosophie der SED, später mit deren ganzem Herrschaftssystem abrechnete und zum Inbegriff eines Dissidenten wurde. Sein Onkel war der große, charismatische Architekt Hermann Henselmann. 1968 gehörte Florian Havemann zu einer jugendlichen Gruppe von Protestierenden, die sich gegen die Niederschlagung des „Prager Frühlings“ wandten, er erhielt eine Haftstrafe.
Der Weg in eine auf Dauer gestellte, zum Habitus verfestigte Regimekritik war ihm also bereitet, und es gehört zu seinen großen Leistungen, von dieser vorhersagbaren Karriere abgewichen zu sein. Er wurde ein Dissident des Dissidententums, was ihm vor allem Wolf Biermann sehr übelnahm. 1971 floh Havemann in die Bundesrepublik. Er hat künstlerische Werke geschaffen und komponiert, er war Verfassungsrichter in Brandenburg, zeitweise auch Gebäudereiniger. Heute wirkt er als Assistent von Gregor Gysi - der einst der Anwalt seines Vaters war. Am 12. Januar wird Florian Havemann sechzig.
... Glückwunsch ...
Klaus Mueller (Jeeves3)
- 12.01.2012, 11:37 Uhr