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„Fleckenteufel“ Der Teufel kam bis Scharbeutz

05.02.2009 ·  Das Leben ist eine einzige Peinlichkeit, das riecht man doch: Der eigene Furz riecht gut, das eigene Erbrochene nicht. Heinz Strunk, Experte für Schamhaftes, liest in Potsdam erstmals aus seinem neuen Buch.

Von Marcus Jauer
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Heinz Strunk weist bereits am Anfang der Lesung darauf hin, dass er die Fürze, die es in seinem neuen Buch reichlich gibt, nicht mitsprechen wird, weshalb die Leute, die in Erwartung eines sauberen Abends ins Potsdamer Waschhaus gekommen sind, sich jetzt vorstellen müssen, wie es ungefähr klingt, was sich, ganz korrekt zitiert, „Pffffffkkkkkkrrrrräää“ liest oder „Fffffffüüürrrrrkkk“. Das, man kann es an der Stelle schon einmal sagen, hat der Lesung aber insgesamt gutgetan.

Heinz Strunk, der als Mathias Halfpape in Hamburg-Harburg geboren wurde, als Entertainer Heinz Strunk inzwischen aber über ein „grotesk aufgeblähtes Portfolio“ verfügt, blickt nach fünf Jahren als Schriftsteller bereits zu einem dreiteiligen Werk auf. In seinem ersten Buch, „Fleisch ist mein Gemüse“, porträtierte er einen ambitionierten Hobbymusiker, der in einer drittklassigen Tanzkapelle auf Schützenfesten auftritt. Im zweiten Buch, „Die Zunge Europas“, beschreibt er einen Comedyautor, der über seinem Beruf traurig wird. Im dritten, „Fleckenteufel“, geht es um einen sechzehnjährigen Jungen, der eigentlich noch mitten in der Pubertät ist und im Sommer 1977 auf eine christliche Jugendfreizeit muss. Immer sind es Geschichten von Unzulänglichkeit, sei es mit der Gruppe, der Aufgabe, dem eigenen Körper. Die Idee, „mit der Tinte die Ängste wegzuspülen“, sei für ihn aber nicht aufgegangen, sagt Strunk. Am Ende habe er sich durch keines seiner Bücher verändert gefühlt: „Vorher Scheiße, nachher Scheiße.“ Die Leute lachen.

Der eigene Furz riecht gut, das eigene Erbrochene nicht

Potsdam ist die erste Station der Lesereise. Heinz Strunk hat noch keine genaue Vorstellung davon, wie sein Text wirkt. In Hamburg, wo er im vorigen Jahr als Spitzenkandidat für die Satirepartei „Die Partei“ bei der Bürgerschaftswahl antrat, ist er so bekannt, dass man sein Gesicht auch vollkommen unironisch auf Plakate drucken konnte. In Potsdam könnte es dagegen gut sein, dass die Lesung auch als solche ernst genommen wird. Da die Leute nach dem Einstieg – es sind die ersten Fürze gefallen und das wegen der auftretenden Rötung notwendig gewordene Eincremen beschrieben – immer noch lachen, stellt Heinz Strunk beruhigt fest, jetzt wisse er, wohin die Reise gehe.

Die Reise des Helden wenigstens führt an die Ostsee, nach Scharbeutz, wo er im Zeltlager jenen Sommer verbringt, der mit dem Tode Elvis Presleys enden wird. Da es sich um eine christliche Jugendausfahrt handelt, muss regelmäßig gebetet, gesungen und angedacht werden. Dazwischen versucht der jugendliche Held die Kontrolle über Regungen seines Körpers zu erlangen, denen er sich immer wieder ausgesetzt fühlt. Was die Hormone und Enzyme bei ihm anrichten können, beschreibt er in den feinsten Details und der gröbsten Wirkung, bis hin zu der Frage, warum der Mensch den eigenen Furz ganz gern riecht, nicht hingegen das eigene Erbrochene.

Ein zartes Buch

Heinz Strunk hat sein Buch „Fleckenteufel“ als männliche Antwort auf Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ angekündigt. Die Handlung kreist auch tatsächlich um alle möglichen Körperöffnungen. Was dabei herauskommt, aber erfüllt den Helden weniger mit Staunen als mit Scham – Pein und Scham für einen Körper, den er nicht als unverhofft verliehene Ausstattung sieht, dessen Möglichkeiten er entdeckt, sondern als Bürde, die ihm auf das Selbstbewusstsein drückt. „Ich schäme mich zu Tode, seit ich denken kann, und ich weiß nicht wofür“, sagt der Held, und er fragt sich, wodurch diese Scham lebendig bleibt, dass sie sich immer wieder erneuert. Spätestens da klingt es, als wäre im „Fleckenteufel“ mehr Teufel als Fleck. Dabei ist Heinz Strunk noch nicht einmal dort angekommen, wo das Buch sein Thema findet – in den Szenen zwischen den Jungen, bei denen sein Held auf seiner „mühsam vorbereiteten Schlagwertigkeit“ sitzenbleibt, bei den Mädchen, die ihn nicht zum Tanzen auffordern, alles Christen, aber kein Mitleid; in den Momenten, derentwegen die Pubertät so unerträglich ist und die Scham so grenzenlos. In diesen Momenten ist „Fleckenteufel“ ein zartes Buch.

Am Ende: Applaus. Die Leute: aus dem Häuschen. Möglich, dass einige nie in der christlichen Jugendfreizeit waren, nur in einem volkseigenen Ferienlager. Aber das wird im Sommer 1977 so egal gewesen sein wie an diesem Abend. Wenn wir uns erzählen, wie wir gewachsen sind, wächst vielleicht zusammen, was zusammengehört. Pubertäre aller Länder, vereinigt euch!

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