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Veröffentlicht: 14.01.2015, 15:17 Uhr

Finnland ohne Schreibschrift Schreibst du noch, oder tippst du schon?

Finnland schafft die Schreibschrift ab, und auch in anderen Ländern geht immer weniger ohne Tastatur. Doch handschriftliches Schreiben ist weit mehr als eine bloße Kulturtechnik.

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© dpa Gehört dieses Bild in Schulen bald der Vergangenheit an? In Finnland wird bald nur noch getippt.

Für viele führt sie längst nur noch ein Nischendasein auf Einkaufszetteln, Glückwunschkarten, in Trauerbriefen und überall dort, wo sie Individualität und einen Sinn für guten Geschmack bezeugen soll, auf Speisekarten etwa. Seit der digitale Mensch wischt, tippt, klickt und mit Google redet, führt die Handschrift Rückzugsgefechte. Dass die Fähigkeit, mit der Hand zu schreiben, eine überkommene Kulturtechnik ist, die eigentlich niemand mehr braucht, glauben offenbar immer mehr Menschen. In Finnland jedenfalls hat die Schreibschrift keine Zukunft mehr. Im Musterland der Pisa-Studien verschwindet sie von Herbst 2016 an von den Lehrplänen der Grundschulen.

Ursula Scheer Folgen:

Eine Schreibschrift mit verbundenen Buchstaben lernen Kinder dann nur noch, wenn der Lehrer sie als persönliches Steckenpferd betrachtet, handgeschriebene Druckbuchstaben sollen Schüler nur noch für Notizen nutzen, das eigentliche Schreiben wird maschinell. „Flüssig tippen zu können ist eine wichtige nationale Kompetenz“, sagte Minna Harmann, die im finnischen Bildungsministerium die neuen Richtlinien erarbeitet hat, gegenüber der „Helsinki Times“. Schneller SMS verschicken und Texte auf dem Tabletcomputer bearbeiten zu können, das gehört jetzt zu den neuen Bildungszielen. Einzelne Buchstaben auf Papier mit der Hand zu verbinden, sagte Minna Harmann, sei für viele Kinder derart mühsam, dass es zu Schreibblockaden führe. Der Computer löse das Problem und erlaube es den Schülern, sich stärker auf den Inhalt des Geschriebenen zu konzentrieren.

Beenden Tastatur und Display den „writers block“? Das ist eine gewagte Theorie. Doch das finnische Beispiel zeigt, in welche Richtung sich das schulische Schreibenlernen vielerorts bewegt: Erst wird die verbundene Schreibschrift zur unzumutbar komplizierten oder schlicht entbehrlichen Technik erklärt, dann entweder vereinfacht oder durch handgeschriebene Druckbuchstaben nach dem Vorbild der Tastatur ersetzt. Von dort ist es nur noch ein kleiner Schritt ganz fort von Hand, Papier und Stift und hin zum digitalen Schreiben allein.

Verschränkung von Schreibvorgang und Gedankenfindung

In den Niederlanden gibt es inzwischen mehr als zwanzig sogenannte Steve-Jobs-Schulen, in denen iPads Lehrbücher und Hefte ersetzen - von der ersten Klasse an. Auch in vielen amerikanischen Bundesstaaten steht die Handschrift vor dem Aus. Dort wechseln Schüler häufig nach einem Jahr mit der Handschrift an die Tastatur und die Tablets. Die Schreibschrift mit verbundenen Buchstaben, von der sich auch Kanadas Schulen verabschiedet haben, wird vielerorts gar nicht mehr gelehrt, und auch in der Schweiz fragt man sich, ob es die dort sogenannte Schnürlischrift noch braucht.

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Das bundesdeutsche Bildungssystem hält auf diese Frage - wie immer - nicht nur eine, sondern viele Antworten parat. Vier Schriftarten werden an Grundschulen zurzeit gelehrt, je nach Land oder Schule eine andere. Zur Wahl stehen die lateinische Ausgangsschrift, wie sie in den fünfziger Jahren in Westdeutschland verbindlich wurde, die aus der DDR geerbte Schulausgangsschrift, die bundesdeutsche vereinfachte Ausgangsschrift, die in den achtziger Jahren entwickelt wurde, und seit 2011 eine Grundschrift, die nur noch aus Druckbuchstaben besteht. Hamburg war das erste Bundesland, das sie eingeführt hat - mit Argumenten, die denen Minna Harmanns ähnelten: dass man es Schülern nicht unnötig schwermachen müsse.

Nun sind Kulturtechniken kein Selbstzweck. Schrift wurde erfunden, um Sprache vom Sprecher unabhängig durch Zeit und Raum zu transportieren, nicht damit Kinder ihre Feinmotorik schulen. Worte in Stein meißeln heute nur noch Steinmetze, und keiner beklagt es. Dass Udo Beckmann, der Bundesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung, sagt: „Ich halte nichts davon, das Schreiben mit der Hand abzuschaffen“, und sich in diesem Fall mit dem Grundschulverband einig ist, der sich sonst vor allem als Verfechter der Grundschrift hervortut, hat andere Gründe: Studien aus den Vereinigten Staaten und Frankreich zeigen, dass das Schreiben mit der Hand mehr ist als ein nostalgisches Relikt für Füllfederhalterliebhaber. Denn wer Buchstaben auf dem Papier erschafft, statt sie auf einer Tastatur auszuwählen, wer sie mit einer Handbewegung zu Worten verbindet, der aktiviert mehr Hirnregionen und vergisst das Notierte weniger leicht. Die relative Langsamkeit des Vorgangs unterstützt die Gedankenfindung und fordert Konzentration, nicht nur bei Kindern. Statt Achtsamkeit in Zen-Seminaren zu üben, könnte es also auch das Befolgen eines alten Bundespost-Slogans tun: Schreib mal wieder.

© afp Auch China kämpft um seine traditionelle Schriftzeichen

Quelle: F.A.Z.

 

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