30.09.2008 · Seit der Bankenkrise ist die Kapitalismuskritik wieder ein heißes Thema. Jeder redet vor sich hin und keiner weiß Bescheid. Die Empörung über Dummheit und Gier der Finanz ist aber bestenfalls schlecht gespielte Unschuld.
Von Jürgen KaubeBedürfte es eines Krieges, um ins öffentliche Bewußtsein zu rücken, dass Gewehre schießen können? Liegt der Erkenntnisgewinn einer Revolution in erster Linie darin, dass gar niemand allein regieren kann? Würde uns der Einsturz eines Staudamms vor allem über die Schwerkraft informieren? Oder wussten wir das alles nicht auch schon vorher?
Seitdem die Welt in einer Bankenkrise steckt - wahlweise auch in einer Hypotheken-, einer Bewertungsagenturen-, einer Kreditaufsichts- oder einer Heuschreckenkrise -, scheint es eine heiße Information, dass wir im Kapitalismus leben. Entrüstung allenthalben: In der Wirtschaft geht es waghalsig zu, es gibt Spekulation, Spekulation kann schiefgehen! Wie, Gier regiert die Welt? Und wir dachten Bonhommie! Man regt sich über dieselbe Gewinnsucht auf, von der man, als sie nur „Eigeninteresse“ hieß, soeben noch dachte, am besten werde die ganze Welt und jedenfalls die wirtschaftliche, nämlich zum Nutzen aller, davon regiert.
Schlecht gespieltes Erstaunen
Adam Smith wollte einst nicht einmal vom Wohlwollen seines Bäckers abhängen, sondern lieber von dessen Gefühl für Eigennutz. Wie oft ist das nicht zustimmend zitiert worden und zu Recht. Was soll man dann aber erst über das unterstellbare Wohlwollen von Bankiers sagen? Finanzinvestoren, erfahren wir, sind also gierig, eventuell sogar maßlos gierig. Hilmar Kopper hat das Kompliment zurückgegeben und die Kleinsparer bezichtigt, weil sie maßlos scharf auf hohe Zinsen sind. Sich aber über solche Redensarten zu empören anstatt über die Dummheit der Finanz, weltweit ganz groß in das Geschäft mit Krediten für Holzhäuschen einzusteigen, grenzt selber an, na, sagen wir: bestenfalls schlecht gespielte Unschuld.
Wie schlecht gespielt das Erstaunen ist, zeigt sich auch an der Art und Weise, wie jetzt Sündenböcke gesucht werden. Die sogenannten Baisse-Spekulanten sollen es gewesen sein, die Leerverkäufer, weshalb man ihre Praktiken schnell und womöglich dauerhaft unterbinden möchte. Auf sinkende Kurse zu spekulieren, hält beispielsweise Finanzminister Steinbrück (SPD) für unbedingt verbotswürdig.
Wetten auf Verluste
Doch was hat beispielsweise ein Spekulant wie David Einhorn vom amerikanischen Hedge-Fond „Greenlight Capital“ im Oktober 2007 gemacht, als man in der Lehman Brothers Bank schon wieder „optimistisch“ war? Er hat über deren an Illusionen reiche Quartalszahlen geschimpft, über versteckte Risiken und Ramschpapiere und hat die Rating-Agenturen als Warentester des Finanzmarkts der Unseriosität bezichtigt. Seitdem wettete Einhorn in Form von Leerverkäufen - man leiht sich die beargwöhnte Aktie, wenn sie (zu) gut steht, verkauft sie und kauft sie später zum gefallenen Kurswert, um sie dem Verleiher dann zurückzuerstatten - wettete also darauf, mit seiner Meinung über die Lehman Bank recht zu behalten.
Die Kleinigkeit einmal beiseite gelassen, dass Einhorn recht behielt: Was soll daran unseriöser sein als am Geschäftsgebaren der Leute, von deren Aufgeblasenheit der Baisse-Spekulant überzeugt war? Es wäre merkwürdig, wenn als Lehre aus der Krise gezogen würde, die Phantasmen des Überschwangs seien wirtschaftlich gerechtfertigt, nicht aber der Verdacht gegen Schönrednerei. Der Vorwurf an die Leerverkäufer lautet, sie säten das Misstrauen, das sie danach bewirtschafteten, und streuten falsche Informationen, weil sie nur an denen verdienten.
Alles scheint möglich, nichts sicher
Doch abgesehen davon, dass mit der Börse etwas ganz anderes nicht stimmen würde, wenn ein einziger Misanthrop ganze Banken durch bloßes Meinen zerwetten könnte, führt die Behauptung bestenfalls zu moralischem Gleichstand. Die einen lügen Wachstum und die anderen Zerfall. Warum denn sollte uns das eine lieber sein als das andere? Spekulation ist's beidesmal, und vielleicht wäre ja sogar, wenn es denn schon ein Prinzip sein muss, Vorsicht in Wirtschaftsdingen aufs Ganze gesehen nicht das schlechteste.
Nein, heißt es nun allerorten, Vertrauen sei das Allerwichtigste, denn schließlich sei Krise ja eine Vertrauenskrise. Nach derzeitiger Lage sind Aufforderungen, das eigene Geld in Sicherheit zu bringen, genau so unsachgemäß wie all die Reden, in denen Ökonomen und Politiker jetzt ständig das Wort „möglicherweise“ verwenden. Möglicherweise Weltwirtschaftskrise, möglicherweise Verelendung breiter Schichten, möglicherweise ein Strudel, der alle verschlingt. Tatsächlicherweise aber weiß das niemand, reden alle nur so ein bisschen vor sich hin. Dieselben Ökonomen etwa, die uns jahrzehntelang die Investitionsbank gepredigt haben, loben jetzt die Universalbank. Und möglicherweise wird genau darum so viel moralisiert: weil die Sache selbst, zum Beispiel die Finanzwirtschaft, das Versagen der Rating-Agenturen oder das Imitationsverhalten der Banken, die alle machen, was die anderen auch machen, noch völlig unbegriffen ist.
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Uwe Paulsen (Wohlmeinender)
- 30.09.2008, 20:06 Uhr
Endlich...
Imdat Solak (parodyr)
- 30.09.2008, 20:13 Uhr
Gefährliche Erkenntnisse
Harry LeRoy (Cimon)
- 30.09.2008, 20:13 Uhr
@ Jürgen Kaube
gisbert heimes (gisbert4)
- 30.09.2008, 20:13 Uhr
Zu viel Sägemehl im Brötchen
Thomas Seifert (Thomas_Seifert)
- 30.09.2008, 20:25 Uhr