04.11.2008 · In Spanien kam vor der Finanzkrise die Immobilienkrise: Fast jeder Spanier wohnt in den eigenen vier Wänden, doch sie sind bedroht wie noch nie. Zigtausende können ihre Wohnungskredite nicht mehr bedienen.
Von Paul Ingendaay, MadridDie Nachkriegszeit dauerte in Spanien mehr als zwanzig Jahre. Man zählt sie nicht von 1945, sondern von 1939 an. Ein grausamer Bürgerkrieg hatte gewütet, und die Franco-Diktatur schickte das Land in die bleiernen Jahre der Depression. Als Hitlers Reich längst untergegangen war, die Deutschen mit der D-Mark einkauften und zwischen Hamburg und Garmisch schon wieder Wohlstandsträume erblühten, lebten die spanischen Bauern immer noch wie im neunzehnten Jahrhundert.
„Hungerjahre“ nennt man die späten vierziger Jahre in Spanien. Die Industrie lag am Boden. Hunde und Katzen verschwanden von den Straßen, weil es sonst nichts zu essen gab. Erst 1954 erreichte das Durchschnittseinkommen wieder das Niveau von 1936, das auch nicht berauschend gewesen war. Der Bürgerkrieg hatte ein Land getroffen, das gerade erst begonnen hatte, in die Moderne einzutreten.
Boomjahre eines Spätentwicklers
In den späten fünfziger Jahren bewegte sich die Inflation im zweistelligen Bereich, aus dem übrigen Westeuropa drangen Nachrichten fabelhaften Wohlstands über die Pyrenäen, und spanische Arbeiter wurden unruhig. Da begriff Franco, dass sein Staat dem Bankrott nahe war. Es begann die Ära der Technokraten des Opus Dei, die das Finanz- und Verkehrsministerium übernahmen. Der „Stabilisierungsplan“ von 1959, der die Inflation bekämpfen und die öffentlichen Ausgaben senken sollte, war eine Rosskur.
Löhne wurden eingefroren, der Tourismus angekurbelt, Hunderttausende Spanier gingen fort und fanden Arbeit in Frankreich, Deutschland und der Schweiz. „Entwicklungsjahre“ nennt man die Zeit zwischen 1961 und 1973, und die Zähne knirschen dabei hörbar. Doch das Land kam auf die Füße. Keine andere europäische Nation der nichtkommunistischen Welt konnte ein Wirtschaftswachstum von sieben Prozent vorweisen. Am Anfang des Booms besaß nur jeder hundertste Spanier ein Auto; am Ende war es jeder zehnte.
Volkssport Immobilienspekulation
Das spanische Wirtschaftswunder brachte auch das Phänomen hervor, das den Leuten jetzt den Atem abschnürt: den Immobilienboom. Es geht nicht nur darum, dass ein mächtiger Industriezweig buchstäblich Wohl und Wehe eines Staates in Händen hält, sondern um eine regelrechte Verschiebung der Mentalität. In den frühen sechziger Jahren mussten Millionen Landflüchtige aus Baracken am Stadtrand in vernünftige Wohnungen gebracht werden. Aber die Wohnungen gab es nicht. Also wurden sie zu Millionen aus dem Boden gestampft. Das Regime förderte Hausbesitz mit großzügigen Krediten.
„Subventioniertes“ Bauen war allerdings nicht ganz dasselbe wie im übrigen Europa. Von billigen Krediten und Steuervorteilen profitierte die Mittelklasse mehr als die Armen, denn jetzt begann ein neuer Volkssport, die Immobilienspekulation, an der sich die Privatindustrie nicht weniger bereicherte als die Politik. Die Moral ging ja nicht erst mit dem Immobilienskandal von Marbella vor die Hunde, der uns mit der erstaunlichen Tatsache konfrontiert, dass sich die letzten drei Bürgermeister(innen) der Stadt schmieren ließen.
Schon lange vorher hatten ein absurdes Mietrecht, eine löcherige Steuergesetzgebung und dringender Bedarf nach Geldwäsche die Spanier in eine Nation von Hausbesitzern verwandelt. Vor 1960 lebte die Hälfte der Bevölkerung zur Miete. Dreißig Jahre später waren es nur noch zwölf Prozent, die niedrigste Quote, die sich in Westeuropa finden lässt. Wer in den Boomjahren Geld anlegen wollte, kaufte sich eine Zweit-, dann eine Drittwohnung. Die Wertentwicklung war phantastisch. Im Übrigen lebte man auf Pump.
Unbeschwert in die Hypothekenlast
Mit der Wirtschaftspolitik der Aznar-Regierung ging das Geldverdienen im Bausektor weiter. Soziale Randgruppen konnten sich die Preise zwar längst nicht mehr leisten, und Jugendliche von sechsundzwanzig Jahren wohnen lieber noch bei Mama, weil es anders nicht läuft. Inzwischen wurden aber auch Einwanderer, die den rasanten spanischen Aufschwung der letzten zehn Jahre wesentlich mitbewirkt haben, mit schnellen Krediten angelockt. Menschen mit einem Bruttolohn von unter 2000 Euro banden sich fröhlich Hypotheken von dreißig Jahren Laufzeit ans Bein. Jetzt stehen die Fälle als Sozialreportage in der Zeitung. Nach neuesten Statistiken können 180.000 Familien in Spanien ihre Wohnungskredite nicht mehr bedienen.
Die Ahnungslosigkeit des politischen Milieus ist atemberaubend. Vor vier Jahren schimpfte die damalige Wohnungsbauministerin María Antonia Trujillo, wer von einer „Immobilienblase“ spreche, handele verantwortungslos „Die Preise steigen“, sagte sie vollmundig, „weil alle Wohnungen, die gebaut werden, auch weggehen.“ Noch im Sommer weigerte sich Regierungschef Zapatero hartnäckig, das Wort „Krise“ in den Mund zu nehmen. Und zu einer Kontrollsitzung des Parlaments vor einigen Tagen, bei der es um Krisenmaßnahmen ging, geruhten so wenige Abgeordnete zu erscheinen, dass die Zeitung „El Mundo“ die Parlamentarier als „Faulpelze“ brandmarkte.
Düstere Aussichten
Dass sich das Karussell nicht ewig drehen würde, zeigte sich schon seit dem vergangenen Jahr, durch Preisverfall, leerstehende Wohnungen und paralysierte Bauprojekte. Im Juli 2008 brach das börsennotierte Unternehmen Martinsa-Fadesa zusammen. Die spanische Wirtschaft erlebe den schlimmsten Augenblick seit dem Stabilisierungsplan von 1959, schrieb jetzt der Wirtschaftsprofessor Manuel Sanchís i Marco in „El País“. Spanien befinde sich „im Sinkflug ohne Motor“. Eine schmerzhafte „innere Entwertung“ müsse her: niedrigere Löhne, niedrigere Wohnkosten, höhere Produktivität. Die neuesten Zahlen sind dramatisch. Zum erstenmal seit sechzehn Jahren ist das Volumen der Hypothekenkredite gesunken. Und die Zahl der Arbeitslosen ist in den letzten zwölf Jahren um gut 800.000 auf 2,6 Millionen gestiegen, die höchste Zahl seit dem Jahr 2000.
Um das seelische Rüstzeug der Spanier muss man sich wahrscheinlich weniger Sorgen machen als um das der Deutschen. Die Leute sind viel gewohnt und neigen nicht zum Jammern. Doch die Aussichten sind düster. Noch weiß niemand, wie das 150-Milliarden-Hilfspaket der Regierung angenommen wird, da ist schon klar, dass die Initiative zur „freiwilligen Rückkehr“ der Immigranten in ihre Heimat zu scheitern droht. Wer von ihnen bereit ist, seine Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung wieder abzugeben und in den nächsten drei Jahren nicht nach Spanien zurückzukehren, bekommt vom Staat ein Flugticket in die Hand gedrückt und kann in zwei Raten die Arbeitslosenunterstützung mitnehmen. Manche würden ja gern gehen. Doch kaum jemand will es ohne seine Papiere tun. Sie sind das Ticket zu einer Welt, die einmal die bessere war und es wieder werden soll. Irgendwann.
Paul Ingendaay Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.
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