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Filter für Wikipedia : Welches Weltbild soll es denn sein?

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So viele Sprache, so viele Sichtweisen: Braucht Wikipedia, aus dem Geist westlicher Aufklärung hervorgegangen, einen moralischen Filter? Bild: dpa

Bei der Online-Enzyklopädie Wikipedia wird darüber nachgedacht, einen Bildfilter einzubauen - um religiösen Geboten Rechnung zu tragen.

          Gibt es eine „gereinigte“ Bibel, die ohne Gewalt und blutrünstige Geschichten auskommt? Kaum vorstellbar. Ist doch vor allem das Alte Testament gespickt mit Geschichten, die zumindest Kinder erschrecken. Aber kein seriöser Pädagoge käme auf die Idee, für den Religionsunterricht eine „saubere“ Bibel zu fordern. Bei dem Online-Lexikon Wikipedia passiert aber genau das.

          Die Wikimedia Foundation aus San Francisco, sozusagen die Mutter aller Wikipedia-Versionen, stellt die organisatorische und technische Infrastruktur bereit, damit Hunderttausende Nutzer gemeinsam die Millionen Artikel in 270 Sprachen erstellen können. Und ausgerechnet im Zentrum der digitalen Aufklärung will man nun einen Bilderfilter einführen. Jeder Nutzer kann dann sein Wikipedia personalisieren. Gedacht ist dies für Kulturen, in denen die Darstellung von nackten Körpern oder Gewaltszenen unerwünscht oder gar verboten ist. Die Gemeinschaft der Wikipedia-Autoren diskutiert diesen Filter vor allem in Deutschland sehr kontrovers und fühlt die Ideale der Aufklärung verraten. Einige Nutzer fassen sogar eine Abspaltung vom amerikanischen Mutterschiff ins Auge - eine Idee, der Dirk Franke, prominentester Wikipedianer in Deutschland, etwas Positives abgewinnen kann, da so das Wissensmonopol der Wikipedia eingeschränkt würde.

          Einfallstor der Zensur?

          Andere Nutzer sehen das Problem grundsätzlicher. Auf der WikiCon in Nürnberg, einem großen „Klassentreffen“ der Wikipedia-Autoren, erhitzten sich unlängst die Gemüter. Es sei nicht hinnehmbar, dass man den verschiedensten Gruppen so weit entgegenkomme. Außerdem werde mit der Filtersoftware eine Infrastruktur geschaffen, die den neutralen Standpunkt, eines der ehernen Gesetze der Wikipedia, verletze. Man könne dies als Basis für Zensur betrachten.

          Aus praktischer Sicht ist das Ansinnen der Stiftungsvorstände aus den Vereinigten Staaten nachvollziehbar: Sie möchten, dass das Wissen der Wikipedia vor allem in den Ländern und Sprachen verbreitet wird, denen gewissermaßen der größte Nachholbedarf an Aufklärung unterstellt wird. Hier erscheint eine Rücksichtnahme auf Moralvorstellungen in der Tat nicht als abwegig.

          Berlusconi würde es passen

          Jedoch müssten dazu alle Fotos mit bestimmten Stichwörtern beschrieben werden, die das Funktionieren des Bilderfilters überhaupt erst ermöglichen. Wer also zum Beispiel ein Foto aus einem Pornofilm nehmen wollte, um ein Thema zu visualisieren, müsste als Eigenschaften nur harmlose Begriffe angeben, und schon wäre die Filtersoftware blind für den brisanten Inhalt. Dieser gleichsam vorsintflutliche Entwicklungsstand ist symptomatisch für das gesamte Problem der automatisierten Wissensordnung - Software ist nur so klug wie ihre Erschaffer.

          Aber man muss gar nicht in den hintersten Winkel der Welt gehen, um die Feinde der Aufklärung am Werk zu sehen. In Italien wurde ein Gesetz beraten, das unter anderem vorsieht, dass Betreiber von Websites binnen 48 Stunden Aussagen über Personen kommentarlos ändern müssen, falls der Betroffene dies mit Hinblick auf seine persönliche Reputation fordert. Eine solche Lex Bunga-Bunga, die dem vor dem Rücktritt stehenden Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi gut gepasst hätte, hatte die italienischen Betreiber von Wikipedia dazu veranlasst, die Seite kurzzeitig zu bestreiken. Der Gesetzesvorschlag wurde entschärft.

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