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Filmwirtschaft Das deutsche Kino frißt sich selbst

23.03.2006 ·  Sechzehn deutsche Filme sind in den acht Wochen nach der Berlinale in die Kinos gekommen. Das Gedrängel hat Gründe - und seinen Preis: Viele hochgelobte Produktionen finden ihr Publikum nicht. FAZ.NET-Spezial.

Von Michael Althen
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Der Berliner Kinobetreiber Georg Klosters hatte schon vor der Berlinale gewarnt und einen offenen Brief an die Produzenten, Verleiher und Förderer deutscher Filme geschrieben. Sechzehn deutsche Filme kämen in den acht Wochen nach der Berlinale in die Kinos - und dann keiner mehr bis August: „Wie oft schafft der normale Filmbegeisterte den Weg ins Kino? Jetzt rechnet aus, was für Euren Film übrigbleibt, wenn sich zwei, drei oder unwahrscheinlicherweise vier Filme als Hits durchsetzen.“ Und die Antwort gab er gleich selbst: „Der deutsche Film kannibalisiert sich selbst und alle klatschen.“

Und genauso kam es auch: Hans-Christian Schmids auf der Berlinale sehr gelobter Exorzismusfilm „Requiem“ hat es bislang auf nur 60.000 Zuschauer gebracht, Detlev Bucks mit viel Vorschußlorbeeren gestarteter „Knallhart“ hat auch nicht mehr geschafft. Und „Der rote Kakadu“, Dominik Grafs Geschichte einer DDR-Jugend vor dem Mauerbau, ist mit 150.000 auch hinter seinen Möglichkeiten zurückgeblieben. Vanessa Jopps „Komm näher“ oder der Leoparden-Gewinner „3 Grad kälter“ haben in der Startwoche nur ein paar tausend Zuschauer erreicht, „Die Wolke“ ist allerdings besser gestartet, und nur Roehlers „Elementarteilchen“ hat sich mit knapp 650.000 Zuschauern durchsetzen können - aber da spielt auch wirklich alles mit, was im deutschen Film Rang und Namen hat.

Und wenn dann die Filmförderer ihre Quartalszahlen veröffentlichen, wird wieder alles schöngerechnet, weil alles in einen Topf geworfen wird und erfolgreiche Kinderfilme wie „Die wilden Kerle 3“, „Der kleine Eisbär 2“, „Felix 2“ und „Die wilden Hühner“ die Zahlen so verbessern werden, daß das Niveau der Vorjahre mehr oder weniger gehalten werden kann.

Das Gedrängel hat seine Gründe

Für das Gedrängel auf den Kinoleinwänden gibt es gleich mehrere Gründe. Zum einen fürchten alle die Fußball-WM, wegen der auch der Deutsche Filmpreis vorverlegt wurde, für den alle Hoffnungsträger bis Ende Februar mit fünf Kopien gestartet oder auf der Berlinale gelaufen sein müssen, wenn sie fürs laufende Jahr berücksichtigt werden wollen. Das führte dazu, daß „Das Leben der anderen“ - wie es sonst in Los Angeles am Jahresende Gepflogenheit ist - in fünf Städten Ende Februar vorgezogene Premiere feierte, um sich qualifizieren zu können.

Ansonsten hoffen alle auf Dieter Kosslick, der aber erst im Lauf des Januar entscheidet, und buchen sicherheitshalber Starts nach der Berlinale, auch weil sie im Fall eines Falles von der Aufmerksamkeit, die auf dem Festival erzeugt wird, profitieren wollen. Es sieht aber eher so aus, als sei das Interesse am deutschen Film nach dem Festivalrummel weitgehend erschöpft - und selbst der Presse gelingt es kaum, in so kurzer Zeit zweimal mit demselben Enthusiasmus auf einem Film zu reagieren.

Die Berlinale ist zwar das große Schaufenster für den deutschen Film, vor dem alle Ah und Oh machen, aber den Laden betritt hinterher kaum jemand. Und jetzt hoffen alle auf „Das Leben der anderen“, auf daß sich wenigstens Klosters' Prophezeiuung von den zwei, drei Hits noch erfülle.

Quelle: F.A.Z., 23.03.2006, Nr. 70 / Seite 43
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