17.12.2006 · Dani Levy, dessen Komödie „Mein Führer“ im Januar ins Kino kommt, im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Er spricht über Helge Schneider, Humor, Tabus und Hitler als Würstchen und erbärmliche Kreatur.
Dani Levy, dessen Komödie „Mein Führer“ im Januar ins Kino kommt, im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Er spricht über Helge Schneider, Humor und Tabus und Hitler als Würstchen und erbärmliche Kreatur.
Im Januar kommt Ihr neuer Film in die Kinos, eine Komödie über den Nationalsozialismus. Helge Schneider spielt darin Adolf Hitler. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ihn zu besetzen?
Das kam mir beim Schreiben. Als ich die erste Drehbuchfassung geschrieben habe, hab' ich immer wieder an Helge Schneider gedacht. Als Adolf Hitler. Ich dachte, was ist denn jetzt los, hast du zuviel gekifft, oder bist du schon etwas eigenartig altersverschroben, warum denn Helge Schneider? Zumal ich ihn auch nicht kannte, als Mensch nicht und auch sein Programm eigentlich nicht. Ganz eigenartig. Das war wie so ein Traum, den man nicht loswird. Also hab' ich gedacht, okay, dann muß ich den Mann wohl mal anrufen und ihm erzählen, daß ich ihn als Adolf Hitler sehe.
Und wie hat er reagiert?
Freundlich, belustigt. Er meinte, ja, das ist 'ne Rolle, die man schon mal spielen könnte, ich solle ihm mal das Buch schicken und überhaupt. Und bei den Probeaufnahmen habe ich dann meine Instinkte so was von klar bewiesen gesehen. Ich wußte sofort, der ist der richtige Adolf Hitler. Weil er verschiedene Komponenten mitbringt, die für mein Projekt richtig sind. Er ist lässig genug. Er arbeitet sich nicht ab an dieser Figur, sondern spielt das wie ein Jazzmusiker. Er ist naiv - das finde ich für eine Komödie ganz wichtig. Daß man die Interpretation nicht gleich mitspielt, sondern daß man es eins zu eins macht. Gleichzeitig ist er musikalisch. Das heißt, er konnte Tonaufnahmen und Filmdokumente von Adolf Hitler supergut reproduzieren. Und er ist kooperativ, weil er weiß, wie sich das anfühlt, wenn man einen Film macht.
Zu dem Projekt soll Sie Eichingers „Untergang“ inspiriert haben. Sie wollten dem einen humoristischen Antifilm entgegensetzen.
Als ich von dem Projekt erfahren habe, also noch bevor es den Film gab, hat es mich schon in den Fingern gejuckt, einen Gegenfilm dazu zu machen, eine Art subversive Antwort darauf. Alleine die Konstellation Eichinger, Fest, Hirschbiegel - daß die mit viel Geld ein deutsches Monument herstellen wollten, das hat mich gereizt, dem etwas Kleines, Schnelles, Freches, politisch Inkorrektes entgegenzusetzen.
Ihre Filmhandlung ist fiktional. Im Mittelpunkt steht eine letzte große Hitler-Rede, die es in Wahrheit nie gegeben hat.
Ich muß dazu sagen, daß sich in mir über Jahrzehnte eine Lust aufgestaut hat, die sogenannte Aufarbeitung der Deutschen im filmischen Bereich aufzumischen. Mindestens seitdem ich angefangen habe, mich hier in Deutschland auch künstlerisch bewußt als Jude zu fühlen. Ich wollte dieser autoritären Geschichtsschreibung schon lange etwas Antiautoritäres entgegensetzen. Etwas, das auch die dogmatische Instanz Film hinterfragt. Das begann schon, als die Diskussion um „Schindlers Liste“ entbrannte. Dem Film stand ich kritisch gegenüber, nicht weil der Film nicht gut war, ich fand den sogar sehr gut. Sondern weil es mich geärgert hat, daß Hollywood nun selbst beim Thema Holocaust behauptet, uns die Wahrheit erzählen zu können. Mich hat geärgert, daß da das Abbild eines Phänomens geschaffen wird, von dem ich glaube, daß es nicht abbildbar ist. Auch moralisch nicht abbildbar sein darf. Damals hab' ich gedacht, daß man das skurriler, eigensinniger, letztendlich auch freidenkerischer aufziehen muß.
Also eher „Das Leben ist schön“ als „Schindlers Liste“?
Ja. Benigni hat eigentlich genau das gemacht, was ich richtig fand. Als ich den Film zum ersten Mal gesehen habe, war ich verunsichert, sogar verärgert. Ich hatte das Gefühl, daß das nicht geht.
Daß man mit dem Holocaust nicht poetisch umgehen darf?
Ja. Und ich dachte, daß der Film das KZ verharmlost. Ich hab' mich erst mal schwergetan. Aber das ging nicht lange, vielleicht 24 Stunden. Und dann hab' ich gemerkt, wie der Film in mir auf eine ganz tolle, befreiende Art gearbeitet hat. Es hat ein bißchen gedauert, aber nach einer Weile habe ich kapiert, was für ein extrem couragierter, gewagter Schritt in ein Tabuland das war.
Dann müssen Sie den „Untergang“ gehaßt haben.
Nein, der Film ist handwerklich und künstlerisch wirklich gut gemacht. Aber diese angestrengte Ernsthaftigkeit, bloß authentisch sein zu wollen, das hat mich provoziert. Ich muß gestehen, daß ich sogar gelacht habe. Ich fand den Film in gewisser Weise auch sehr doktrinär. Das Abbildtum dieser Zeit. Was Bruno Ganz gemacht hat, fand ich ziemlich interessant. Weil es mich gefordert hat. Auch die menschliche Seite von Adolf Hitler zu zeigen, das fand ich einen richtigen Schritt. Ich wollte aber in diesem Kontext mit Adolf Hitler kein Mitleid haben, also, das hat mich verwirrt.
Ihrem Film wird man vorwerfen, daß Sie es sich zu leicht machen. Sie erklären die Verbrechen des Nazireichs mit der schweren Kindheit Adolf Hitlers.
Ein Film ist nur ein Puzzleteil, keine monokausale These. Ich behaupte nicht, die Erklärung für Hitler und den Nationalsozialismus neu erfunden zu haben.
Sie stützen Ihre These auf Alice Millers Buch „Am Anfang war Erziehung“.
Ich muß gestehen, daß ich schon sehr fasziniert war, als ich dieses Buch gelesen habe, das ja auf Recherchen von Joachim Fest und anderen Historikern beruht.
Millers These: Jeder Diktator, jeder Massenmörder war einmal ein mißhandeltes Kind. Das kann ja sein. Aber müssen wir uns Hitler deswegen unbedingt als armes Kind vorstellen?
Wenn Sie Millers These schon zusammenfassen, dann richtig. Sie beschreibt den in der Psychoanalyse erwiesenen Zusammenhang zwischen der in frühester Kindheit erfahrenen Willkür, Gewalt und Mitleidslosigkeit und der unbewußten systemischen Rache als Erwachsener. Für mich ist Adolf Hitler keine Einzelbiographie. Das Phänomen Adolf Hitler ist zugleich das Phänomen seiner Zeit. Die „Schwarze Pädagogik“ war psychologisch gesehen eine wichtige Voraussetzung für die willkürliche, unempathische Vernichtungspolitik des Nationalsozialismus, Hitler eine Projektionsfläche für die Deutschen. Politisch formuliert: Jedes Volk verdient seinen Diktator. Adolf Hitler hatte deshalb diese große Gefolgschaft, weil er etwas vertreten hat, was unten im Volk wiedererkannt wurde. Rede ich über Adolf Hitler, rede ich also auch über eine Zeit. Über eine Moral, über Eckdaten, über Parameter einer Volksbefindlichkeit. Übrigens hat für mich Erkenntnis oder Beschreibung eines Zustands nicht mit Entschuldigung zu tun.
Sie sehen keine Gefahr, Hitler mit Ihrem Porträt zu verniedlichen?
Verniedlichen kann man ihn nicht: Jeder weiß, was er getan hat. Ich betreibe ja auch keine neue Geschichtsschreibung, indem ich behaupten würde, Adolf Hitler habe von Vergasung oder Eliminierung der Juden nichts gewußt. Der Film spricht eine drastische Sprache. Die Nationalsozialisten reden von Endlösung, von Vergasen - da gibt's kein Vertun, da ist kein Irrtum eingeschlossen. Klar zeige ich Adolf Hitler als Würstchen, klar ist er in meinem Film eine erbärmliche Kreatur, und natürlich war er wahrscheinlich viel weniger bemitleidenswert, als ich ihn darstelle. Aber im Sinne einer Komödie, im Sinne einer bestimmten Erkenntnis, kann man das, finde ich, als Annahme machen, ohne dadurch Harmlosigkeit vorzugaukeln.
Sie glauben also nicht, daß Ihr Film mißverstanden werden kann?
Nein. Um noch mal die Gegenseite zu sehen: Filme wie „Der Untergang“ haben den Blick auf die Geschichte immer sehr distanziert gezeigt. Als Zuschauer muß ich mich da moralisch nie bewegen. Ich sitze in meinem Sessel, und es ist vollkommen klar, wer die Bösen sind. Und die Täter werden dann meistens noch dämonisiert und mit dramatischer Musik oder Guido-Knopp-Erzählerstimme begleitet, da bin ich moralisch ganz gesichert. Das Schöne an einer Komödie ist, daß sie moralische Fragen aufwerfen darf. Daß sie provozieren darf. Und deswegen war mir diese unerwartete Nähe zu Adolf Hitler, die mein Film herstellt, wichtig. Die hat auch mit Empathie zu tun, mit Mitgefühl oder nennen wir es ruhig Mitleid. Ich finde, das ist ein Prozeß, durch den der Zuschauer ruhig auch mal gehen muß. So. Daß das provozierend ist und verunsichernd, ist ja vielleicht ein sehr dialektischer, interessanter Vorgang. Das kann ja zu etwas Nachhaltigem führen. Es wird den Blick auf die Geschichte garantiert nicht verändern, aber es bringt eine Öffnung für dieses Thema.
Ursprünglich war „Mein Führer“ aus Sicht Hitlers erzählt, dann haben Sie den Film umgeschnitten, jetzt steht ein Jude im Mittelpunkt. Wäre die erste Form nicht viel radikaler gewesen?
Ich mochte die ursprüngliche Form sehr, muß ich wirklich sagen. Die Idee war die, daß Hitler heute, 2006, noch lebt. Als 117jähriger Mann, unsterblich, unauslöschbar. In einer ersten Fassung sollte er in einem Wellness-Hotel in Berchtesgaden leben und darauf warten, daß er als Reichskanzler wieder gebraucht wird. Er führte den Film stimmlich ein, ein uralter Mann erzählt von sich und von früher, und es endete dann auch wieder mit ihm, Hitler hatte das Schlußwort. Ich habe den Film so gemacht, ich habe das auch so vertreten - bis wir ihn das erste Mal einem Testpublikum vorgeführt haben. Die Leute, es waren fast 400, waren entsetzt. Die hatten das Gefühl, Hitler sei die Stimme des Films. Der erzählt den Film, und niemand rückt das gerade. Das ist zwar als philosophisches Modell interessant, aber die Zuschauer hatten das Gefühl, der Film bleibt in einem zynischen Rahmen. Das Publikum will wohl doch eine moralische Sicherheit spüren.
Würden Sie zustimmen, daß ein Nichtjude heute in Deutschland einen Film wie „Mein Führer“ nicht machen könnte?
Würde ich nicht zustimmen.
Nein?
Das würde ja heißen, wir Juden wären hier so eine Art Hofnarren. Vielleicht sind wir das. Ich mag Hofnarren. Es kommt nur darauf an, an wessen Hof? Also, bei „Alles auf Zucker“ würde ich Ihrer Annahme eher zustimmen, da plaudere ich aus dem Nähkästchen der jüdischen Familie. Aber mit diesem Film jetzt gehe ich ja sozusagen ins Feindesland über und erzähle aus dem Hoheitsgebiet der Deutschen, und das tue ich als Schweizer und als Jude. Ich wüßte aber nicht, warum ich das darf, und ein deutscher Regisseur wie Helmut Dietl oder so jemand dürfte das nicht.
Niemand wüßte, ob er lachen darf oder ob er damit auf der falschen Seite steht.
Das muß doch der Film selber klären. Aber Sie sind nicht die erste, die das sagt. Sie empfinden nicht alleine so. Ich sträube mich dagegen, so zu denken, aber es kann schon sein, was Sie sagen, daß ich da einen größeren Freiraum habe. Ich möchte halt nicht diese Exklusivität für mich in Anspruch nehmen, ich denke dann: Hört denn das nie auf, daß wir immer so eine Spezialrolle spielen? Ich habe durchaus ein Bewußtsein dafür, daß ich eine bestimmte Form von Humor habe, von subversiver Dialektik, und daß ich als Jude gerne ein Umdrehen von Wertigkeiten und Moral betreibe. Das ist, glaube ich, kulturelles Erbe. Trotzdem hoffe ich natürlich, daß der Humor auch von nichtjüdischen Zuschauern und auch von nichtjüdischen Kollegen verstanden wird und daß vielleicht danach jemand wie Dietl oder Buck zu mir kommt und sagt, Levy, den Film hätte ich auch machen können.
Man sieht es an „Borat“. Wenn er selbst kein Jude wäre, könnte er sich seine antisemitischen Witze nicht erlauben.
Das stimmt. Borat ist für mich ein Musterbeispiel von Jüdischsein. Auch mit der Härte und mit dem Austesten von Geschmacklosigkeit. Ich saß in dem Film und hab' so was von befreit aufgelacht. Ein wichtiges Element für mein Lachen war der Schock im Zuschauerraum. Ich liebe Grenzerweiterungen. Ich finde es wichtig, daß man sich aufmacht für das Unerlaubte, für das, was moralisch als tabu gilt. Nur dadurch kann es doch zu einer wirklichen Auseinandersetzung kommen.