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Filmgeschichte : Schultz!!!

  • Aktualisiert am

Darf man Silvio Berlusconi verteidigen, und wenn ja, mit welchen Gründen? Vielleicht mit filmhistorischen. Ein echter Cineast nämlich darf mit dem Namen „Schulz“ durchaus bestimmte Rollenmuster assoziieren.

          Vorsichtig ausgedrückt: Es sind nicht die Tage Silvio Berlusconis. Nicht der Mittwoch, an dem der neue Präsident des Europäischen Rates den SPD-Parlamentarier Martin Schulz für die Filmrolle eines KZ-Aufsehers empfahl, und nicht dieser Donnerstag, an dem die Medien ihm dafür ein Zeugnis ausstellen. Es ist, quer durch die politischen Lager und die Länder Europas, verheerend.

          Für Italien, schreibt der „Corriere della Sera“, „hätte das europäische Semester nicht schlimmer beginnen können“. Und „La Repubblica“ meint: „Es ist selten, daß ein politischer Führer eine derart wertvolle Gelegenheit so rasch vergeudet. Ein Rekord.“ Die deutschen Medien sind sich in ihrer Verurteilung Berlusconis so einig wie nur selten. Sogar der „Bild“-Kommentator Franz Josef Wagner, der wohl exzentrischste Kolumnist hierzulande, schließt sich dem Mainstream an: „Spaghetti Berlusconi schmecken einfach nicht.“

          „Ich habe Schulz doch nur eine Filmrolle angeboten“, verteidigt sich Berlusconi. Als erfolgreicher Medienunternehmer, der Italiens Fernsehen beherrscht, ist Berlusconi im Filmgeschäft durchaus bewandert. Und wer weiß: Vielleicht ließ sich bei ihm ja die merkwürdige Assoziation nicht vermeiden. Unbestritten ist, daß Nazis in Film und Fernsehen häufig „Schultz“ heißen. Der „Käfig voller Helden“, das 1965 für die amerikanische Serie „Hogan's Heroes“ aufgebaute Gefangenenlager, wurde überwacht vom dicken, begriffsstutzigen Feldwebel Schultz. In Lubitschs Klassiker „Sein oder Nichtsein“ gibt es eine Nazi-Größe, die bei jeder Kleinigkeit ihren Schergen anschnauzt: „Schultz!!!“ Schultz heißt auch der Kampfflieger, der in Chaplins „Großem Diktator“ zunächst ein treuer Anhänger des Diktators Hynkel ist, dann aber die Seiten wechselt. Und der von Jürgen Holtz gespielte Alt-Nazi, der im Mittelpunkt des 2001 gedrehten Films „Made in Israel“ steht, nannte sich Egon Schultz.

          Inakzeptabel

          Berlusconis Besetzungsvorschlag ist gleichwohl inakzeptabel. Zum einen übersieht der Italiener, daß sich all diese Film-Nazis „Schultz“ schrieben, der unbescholtene SPD-Politiker aber „Schulz“. Zudem ist Martin Schulz ein auf Fotos stets freundlich lächelnder älterer Herr mit schütterem Haar, Vollbart und Brille, wäre als dämonischer Deutscher also absolut unglaubwürdig. Eine Filmkarriere dürfte ihm unmöglich bleiben.

          Filmhistorische Gründe aber sind es nicht, die man gegen Berlusconi anführt, sondern ausschließlich moralische. Deshalb entgegnete Martin Schulz auch nicht, daß Berlusconi selbst keine schlechte Besetzung für Benzino Napaloni wäre, den Gegenspieler Hynkels im „Großen Diktator“. Damit wären die beiden wenigstens quitt gewesen. Wenn es denn etwas Erfreuliches gibt an der Affäre, dann ist es ja die Tatsache, daß in diesem Parlament eines Europa, das sich einig und harmonisch gibt, einmal all jene unterdrückten Vorurteile zu Tage treten, die im gemeinen Volk durchaus nicht verschwiegen werden. Es wäre immerhin ein Beitrag zur Ehrlichkeit mit anschließend möglicher Katharsis, würden Konflikte offen ausgetragen und sich die Politiker sagen, was sie wirklich voneinander halten: Froschfresser! Mafioso! Autodieb!

          Klischees verschwinden schließlich nicht durch hartnäckiges Schweigen, sondern allein durch offene An- und Aussprache. Insofern ist es begrüßenswert, daß Berlusconi am Nachmittag mit Bundeskanzler Schröder telefonieren möchte. Es ist zu hoffen, daß die Konversation nicht im diplomatischen Geplänkel versandet, sondern offen und ehrlich verläuft, zugleich aber, daß Berlusconi nicht denselben Fehler noch einmal begeht. Nazis namens Schroeder allerdings sind in der Filmgeschichte die Ausnahme.

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