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Filmfestspiele Venedig Heiß und kalt

 ·  „Romance & Cigarettes“: John Turturros dritte Regiearbeit, ein über weite Strecken hinreißendes Musical, beschert dem Filmfestival Venedig so viel gute Laune wie alle anderen Filme zusammen nicht.

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Manchmal birgt ein Film im Kern einen ganz anderen Film, dessen Saat womöglich erst Jahre später aufgeht. Wer sich zum Beispiel gefragt hat, woran der Drehbuchautor Barton Fink im gleichnamigen Film der Coen-Brüder vor dem weißen Papier laborierte, bekommt nun Jahre später eine ziemlich beglückende Antwort.

Denn John Turturro, der für die Titelrolle in „Barton Fink“ einst in Cannes ausgezeichnet wurde, hatte damals nicht nur irgend etwas in die Schreibmaschine getippt, während die Kamera auf ihn gerichtet war, sondern versucht, einen richtigen Text zu schreiben. Daraus wurden der Titel, die erste Szene und ein erster Entwurf zu „Romance & Cigarettes“, der jetzt in Venedig Premiere hatte und dem Sonderling Barton Fink alle Ehre macht.

Mit Spaß bei der Sache

Turturros dritte Regiearbeit ist ein über weite Strecken hinreißendes Musical, in dem der Held (James Gandolfini) allen Ernstes eine Beschneidung über sich ergehen lassen muß und am Ende an Lungenkrebs stirbt. Letzteres funktioniert nicht ganz so gut, wie sich das Turturro gedacht haben mag, als er die Heiterkeit des Anfangs in einen tränenreichen Schluß umschlagen lassen wollte; aber ehe es so weit kommt, ist er mit einem Spaß bei der Sache, der die Zuschauer zu Szenenapplaus hinriß.

Es geht um einen Seitensprung und den folgenden Ehekrach, aber schon wenn Gandolfini vor die Tür gesetzt wird, Engelbert Humperdink sein „Man Without Love“ anstimmt und dazu die Polizisten und Müllmänner zu tanzen anfangen, weiß man, daß daraus kein Ehedrama der üblichen Art wird. Susan Sarandon spielt die Ehefrau, Kate Winslet eine irische Schlampe, Christopher Walken den sentimentalen Rock 'n' Roller, und alle paar Minuten singen sie einen Song, der mehr sagt als tausend Worte und die ganze Nachbarschaft beschwingt. So bringt Turturro mit seinem unanständigen Musical nicht nur sein heimisches Stadtviertel Queens zum Tanzen, sondern beschert auch dem Festival so viel gute Laune wie alle anderen Filme zusammen nicht. Nirgends begegnet man dieser Kunst mit solcher Dankbarkeit wie im Ernst eines Wettbewerbs.

Spürbare Körperlichkeit

Überhaupt ist man dankbar für jeden Regisseur, der sich und seinem Stoff etwas abverlangt und nicht nur jene Wege betritt, die er oder andere vor ihm auch schon gegangen sind. Auch Patrice Chereau ist das mit „Gabrielle“ wieder gelungen. Obwohl er seine Herkunft von der Bühne nie ganz verleugnen kann, schafft er es nach „Intimacy“ und „Son frere“ erneut, dem Kino neue Perspektiven abzuringen. Es wirkt fast so, als suche er mit jeder Kinoarbeit nach einem filmischen Äquivalent für das, was im Theater die Bühnenpräsenz der Schauspieler ist. Dadurch entsteht eine Körperlichkeit, die selbst dann spürbar wird, wenn er von ihrer Abwesenheit erzählt. „Gabrielle“ verdankt sich der Kurzgeschichte „Die Rückkehr“ von Joseph Conrad, aber bei Chereau wird daraus eben keine jener Verfilmungen, die sich in der Bebilderung der Vorlage gefallen.

Eine Frau schreibt ihrem Mann, sie verlasse ihn für immer - und während er noch um Fassung ringt, steht sie abends wieder vor der Tür. Man erfährt nicht, was sie von ihrem Entschluß abbrachte, aber im weiteren Verlauf kommt alles auf den Tisch: die Selbstgefälligkeit des Mannes (Pascal Gregory), die Unnahbarkeit der Frau (Isabelle Huppert) und die Lieblosigkeit dieser Ehe, die sich mit Macht in der Gewohnheit eingerichtet hat. Das Ganze ergibt auch ein Sittenbild der Belle Epoque, die eine Kunst daraus gemacht hat, mit Konversation und Konvention die Gefühle in ein Korsett zu schnüren.

Chereau spielt mit Farbe und Schwarzweiß, setzt manchmal Schrift wie Texttafeln ein und läßt Kamera und Musik fast wie weitere Hauptfiguren agieren. Und auch wenn das nicht immer zwingend wirkt, sind doch immer ein Zug in seiner Inszenierung und ein Ringen um den Stoff spürbar, die der Kälte der Beziehung überraschende Aspekte abringen. Was die gefühlte Temperatur angeht, ist der Franzose der Gegenpol zu Turturros überkochender Lebensfreude, aber genau in dieser Spannung liegt der Reiz von Festivals. Das Problem sind nur all die Filme, die dazwischen liegen.

Quelle: F.A.Z., 07.09.2005, Nr. 208 / Seite 35
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