09.09.2011 · Die freie Filmbearbeitung von Goethes „Faust“ durch den russischen Regisseur Alexander Sokurov wurde nach der Premiere in Venedig frenetisch beklatscht. Johannes Zeiler spielt die Hauptrolle - ein Anti-Bürger, der das Bürgerliche sucht.
Von Dietmar Dath, VenedigEine einzige verpatzte Dialogsentenz kann einen ganzen Film zunichtemachen. In Cristina Comencinis postkartenpittoresk fotografiertem Melodram „Quando la notte“, das in Venedig im Wettbewerb läuft, fällt der verhängnisvolle Satz erst kurz vor Schluss, macht aber rückwirkend alles Vorangegangene lächerlich.
Eine Touristin mit Kind (Claudia Pandolfi) sucht im Hochgebirge frische Luft und Besinnung, ein Bergführer (Filippo Timi) sucht ebendort neue Aufgaben. Der Hader der Frau mit der Mutterschaft provoziert den steinzeitlichen Frauenhass des Mannes. Ihrem Kind jedoch rettet er das Leben und sie ihm kurz darauf seines. Beide Figuren tragen langfristige Schäden davon: Er hinkt fortan, sie grämt sich. Jahre später begegnen sie einander wieder. Endlich im Bett angekommen, herzt und küsst er sie und spricht die furchtbaren Worte: „Ich konnte dich nicht vergessen“ - Kunstpause, man sieht seinen Körper - „mit diesem Bein.“ Schallendes Gelächter im Vorführraum, ein Italiener krächzt: „Impossibile!“, und eine höfliche alte Dame singt in melodischem Französisch: „Nun denn, es war ja vielleicht eine Komödie.“
Die katholischen Wallfahrer sind voll Geduld
So ein Dialogabsturz kann der ebenfalls im Wettbewerb gezeigten Alltagsverfremdungsorgie „Hahithalfut (The Exchange)“ des israelischen Regisseurs und Drehbuchautors Eran Kolirin nicht passieren - schon weil seine Gestalten wenig sagen und allemal nichts, das erklären würde, was mit ihnen eigentlich los ist. Der junge Physiker (Rotem Keinan), um den sich alles dreht, begreift und lebt sein Leben immer weniger, streichelt lieber sein Wohnhaus, vergisst seine Busroute und wirft Heftklammerspender aus dem Fenster. Die optischen Absencen, durch die er schleicht - wohin gehört eigentlich diese Tür, jene Wand? -, erheischen einen neuen Fachbegriff, vielleicht: „katatonische Kamera“. Auf Musik wurde verzichtet, das Neuhebräische sagt genügend singende Sachen: „Leila tov“ (gute Nacht).
Weil sie die Orientierung im Leben, die Kolirins Held freiwillig abstreift, nicht verlieren wollen, üben sich die katholischen Gläubigen in Romuald Karmakars außerhalb der Preiskonkurrenz gezeigtem Dokumentarfilm „Die Herde des Herrn“ in präzisen Praktiken: Sie sprechen bei Wallfahrten Frage-und-Antwort-Gebete, stehen stundenlang in Rom auf der Straße, um den verstorbenen Papst Johannes Paul II. zu verabschieden, oder backen Süßkram, den sie nach dem neugewählten Papst Benedikt XVI. benennen.
Die Aufzeichnungsgeräte, mit denen Karmakar ihnen eine zeitgenössische Form der politischen Beichte abnimmt - „Die katholische Kirche ist die Nummer eins!“ dröhnt ein Amerikaner, der Protestantismus sei etwas Neumodisches -, tun, was beim Apostel Paulus die Liebe tut: Sie eifern nicht, sie blähen sich nicht auf, sie sind voll Geduld und wundern sich nur ganz leise.
Man spricht Deutsch
Der Einzige, der in Alexander Sokurovs freier Filmbearbeitung des „Faust“-Dramas von Goethe an Gott glaubt, ist der Teufel - er sagt es selbst. Kein anderer Film im Wettbewerb ist nach der Pressevorführung länger und frenetischer beklatscht worden. Das Design der Bauten und die Kostüme machen klar, dass man die Handlung in die Goethezeit verlegt hat. Die Linse, durch die man dabei schauen soll, hat meist einen fahlen Grünstich, manchmal auch leichte Gelbsucht, nur selten bricht roter Dämmer oder warmes Milchweiß durch. Fast immer liegt etwas wie Gaze oder Vaseline auf dem Blick. Die Musik ist bombastisch-romantisch, die erzählte Geschichte ein weitverzweigtes Pilzwurzelgeflecht aus Affen auf dem Mond, Homunculi im Glas, verwachsenen und kielkröpfigen Monstern sowie dem Grundgerüst von Goethes Vorlage.
Deren Text hat der Regisseur, der hiermit die drei Vorläuferprojekte „Moloch“, „Taurus“ und „Die Sonne“ zur Tetralogie erweitert, vielfältig verändert und neu auf die Rollen verteilt. Man spricht Deutsch, und zwar ein gutes, nicht zu flüssiges, oft ruppiges. Johannes Zeilers Faust, das Gegenteil eines Bürgers, schafft aus den Resten des Mittelalters entschlossen eine bürgerliche Welt, weil er weiß, dass die Gewissheiten der vorbürgerlichen nicht mehr zu haben sind.
Sokurovs ehrgeiziges Werk, in vielen Einzelheiten problematisch und anstrengend, sagt, dass große dramatische Kunst heute Film werden muss, weil andernfalls ihre Auflösung in jene blutigen religiösen Riten zu befürchten stünde, aus denen sie einst, in der Antike, hervorging. Das ist möglicherweise nicht wahr. Aber schon der Umstand, dass man es 2011 denken und im Kino propagieren kann, verdient den respektvollen Namen „Tragödie“.