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Filmfestspiele Nanni Morettis bewegender Film verdient Lorbeer

 ·  Eine ganz normale Familie lebt glücklich vor sich hin. Er ist Psychoanalytiker. Sie verlegt Bücher. Zwei Kinder freuen sich des Lebens, bis...

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Vorsicht vor Psychoanalytikern in Kinogeschichten! Wenn man einmal von Woody Allens Umgang mit den Seelenspezialisten absieht, dann deuten sie in der Regel auf uninteressantes Gerede über das uninteressante Innenleben von uninteressanten Figuren, über die auf uninteressante Weise eine Geschichte erzählt wird.

Schlimmstes war deshalb nach den ersten Einstellung von "La Stanza del Figlio", Nanni Morettis Beitrag zum Wettbewerb in Cannes, zu befürchten: Moretti, der hier wieder Regie führt und die Hauptrolle spielt, stellt diesmal einen Berufszuhörer für Seelenangelegenheiten dar.

Vorher nur Glück

In "La Stanza del Figlio" bedeutet dem Hauptdarsteller als Psychoanalytiker seine Arbeit fast soviel wie sein Leben. Über sie definiert er seine Stellung in der Welt und seinen Umgang mit Problemen. Der andere Teil seines Lebens ist seine Familie - eine glückliche Familie! Seine attraktive Frau (Laura Morante) verlegt Bücher, Tochter und Sohn gehen in die Schule. Wenn sie Sport treiben, schauen die Eltern zu oder machen mit. Hier verträgt sich jeder mit jedem. Liebe bestimmt die Beziehung unter einander. Natürlich gibt es auch kleinere Probleme. Die löst man eben.

Moretti federt die schöne Normalität nicht durch Ironie ab, wie man das von dem italienischen Autor (Drehbuch: Moretti und Heidrun Schleef ) nach Filmen wie „Caro Diario" und „Aprile" erwartet hätte. Er überhöht ihren Alltag auch nicht zu süßlichem Poster-Glück. Diese Familie wirkt vollkommen glaubwürdig. Wie schön, dass es so etwas gibt, denken wir. Dabei sollten wir als Kinder von „Scary Movie" und Pepsi Cola zynisch abwehren und grinsen: „Was wollen diese Leute auf der Kinoleinwand? Uns zu Tode langweilen vielleicht?“

Selbstverständlich kommt es dazu gar nicht, denn Nanni Moretti beweist in dem, was man früher „Kino in Augenhöhe" genannt hätte, perfektes Timing. Wenn das Leben dieser Familie aus dem Lot gerät, dann hält der gemächliche Bilderfluss gewissermaßen den Atem an. Diesen „Eissturm", der den Richtungswechsel markiert, filmt Moretti verblüffenderweise nicht als angehaltene, erfrorene Zeit. Diese Sequenz rast für Sekunden in beschleunigtem Tempo über die Leinwand. Moretti lässt diese Montage, in der die Familienmitglieder an verschiedenen Orten zu sehen sind, vorbeisausen und erzielt so die erschreckende Wirkung einer unheilvollen Ahnung.

Danach ist alles anders

Der Sohn der Familie ist bei einem Tauchunfall ums Leben gekommen. Diese Leute, die im Glück in Harmonie miteinander gelebt haben, ziehen sich in ihrer Verzweiflung von einander zurück. In seiner Trauer ist jeder allein. Und hier entfaltet Morettis einfache Art, Alltägliches in Szene zu setzen, eine ungeheure Wucht: Wir sehen, wie diese Menschen trauern, und wir empfinden ihren Schmerz mit.

Der Vater spielt alle denkbaren Änderungen im Terminplan der Vergangenheit durch, um zu ergründen, ob der Schicksalsschlag durch eine kleine Abweichung hätte verhindert werden können. Der Mann, der so souverän mit Seelenleid umgehen konnte, versinkt verzweifelt in der eigenen Trauer. Er ist unfähig seinen Beruf auszuüben, da sich seine Gedanken nur noch um das eigene Problem drehen. Dass der Mann Psychoanalytiker ist, findet hier seinen schmerzhaften Sinn.

"La Stanza del Figlio" ist ein wunderbar bewegender Film, der den Hauptpreis des Festivals verdient hätte!

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