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Filmfestspiele Cannes Landwein mit Lili: Filme aus Frankreich und China

22.05.2003 ·  Vor allem konzentriert sich die Festivalaufmerksamkeit auf den Wettbewerb. Doch es sind die Nebenreihen, in denen man diesmal die meisten Augenblicke der Wahrheit erlebt. Zum Beispiel im chinesischen Film „Drifters“ von Wang Xiaoshuai.

Von Andreas Kilb
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Die Festivalzeitschriften haben ihren Favoriten gefunden. Sowohl im englischen "Screen" als auch in "Le Film Francais" steht Lars von Triers "Dogville" an der Spitze der Kritikerliste, und es sieht nicht unbedingt so aus, als würde sich daran bis zum Ende des Wettbewerbs noch etwas ändern. Aber auch Gus Van Sants "Elephant", Ozons "Swimming Pool" und Denys Arcands "Les invasions barbares" haben ihre Anhänger - nur daß die Begeisterung merkwürdig gespalten ist: Während die Franzosen Van Sants Film lieben, schätzen ihn die anderen europäischen Betrachter in der Jury von "Screen" gering. Bei Ozon und Arcand ist es genau umgekehrt: Die anderen Europäer feiern sie, die Franzosen können sie nicht leiden. Es ist, als spiegelte sich die Kluft zwischen dem anglophonen und dem frankophonen Kino im Geschmack der Kritiker: Jeder mag das, was er rein sprachlich nicht allzu gut versteht.

Claude Millers "La petite Lili" dürfte bei den Kritikern seines Landes wieder wenig Punkte machen. Dieser Film ist so französisch, daß man ihn in einen Korb mit Gänseleberpastete und Bordeauxwein packen und an die Barbarenvölker jenseits der Sauerkrautgrenze schicken möchte. In einem Landhaus an der Küste der Bretagne versammeln sich die Schauspielerin Mado (Nicole Garcia), ihr Lebensgefährte, der Filmregisseur Brice (Bernard Giraudeau), ihr Sohn Julien und ein paar andere übliche Gruppenbildverdächtige. Hinzu kommt das Mädchen Lili (Ludivine Sagnier), eine Landschönheit, der der Ehrgeiz aus allen Poren bricht. Es wird gut gegessen, getrunken und geredet: über das Leben, die Liebe, das Kino, die Jugend, die Ideale und so fort. Am Ende zieht Lili mit den Filmregisseur davon, und Julien schneidet sich mit einem Küchenmesser den Arm auf: tant pis.

Ältlich und eitel

Doch das ist noch nicht das Ende. Claude Miller hat der Geschichte einen langen Epilog angehängt, in dem Julien, genesen und erstarkt, seine Ferienerlebnisse zu einem Spielfilm verarbeitet. Und hier beweist Miller, daß er von den Träumen der Jugend wirklich nichts mehr versteht: denn der Film, den der junge Rebell in einem Pariser Studio dreht, sieht genauso konventionell aus wie der Rest von "La petite Lili", nur noch ein wenig ältlicher und eitler. Michel Piccoli tritt auf und erzählt von seinen Dreharbeiten mit Brigitte Bardot, und Ludivine Sagnier bemüht sich wie immer, besonders blond und besonders naiv zu sein.

In "La petite Lili" wird das Nachdenken über Kino und Leben zur Pose, zum bequemen Zeitvertreib. Das wäre eigentlich kein Problem, sähe nicht inzwischen jeder dritte französische Film aus wie ein Aufruf zum Genuß von Landwein und Baguette. Was einmal Aufbruch und Befreiung war im französischen Kino, ist zur Verteidigung der maniere-de-vivre geworden.

Blinder Racheengel

Bertrand Bonellos Wettbewerbsbeitrag "Tiresia" hat den französischen Kritikern dagegen gefallen. Hier tobt sich der cinephile Poststrukturalismus mit blanker Waffe aus. Ein einsamer Künstler, der sich später als Gemeindepfarrer entpuppt, kidnappt eine transsexuelle Prostituierte und sperrt sie in ein Gelaß. Da ihr die tägliche Hormondosis fehlt, verwandelt sich die Gefangene Stück für Stück in einen Mann. Als ihr Wächter die Metamorphose nicht mehr erträgt, sticht er seinem Opfer die Augen aus und wirft es in einen Wald, von wo es als blinder Seher und Racheengel Tiresias zu ihm zurückkehrt.

Zwischendurch wird ein Igel geschlachtet, eine Metapher, mag sein, für die Situation des Filmkünstlers in dieser Zeit, aber gleichwohl ein grauenhafter Anblick. Wer den griechischen Mythos kennt, darf eineinhalb Stunden lang darüber nachgrübeln, wie man von hier aus nach Theben kommt. Wer ihn nicht kennt, kann sich ebensogut eine andere Nachmittagsbeschäftigung suchen. In Cannes wachsen viele Bäume in den Kinohimmel, und nicht jeder hat so vertrocknete Blätter wie "Tiresia".

Versickerndes Leben

Zum Beispiel "Drifters", ein Film von Wang Xiaoshuai, dessen "Bejing Bicycle" vor zwei Jahren den Jurypreis der Berlinale gewann. Wang nimmt den Zuschauer mit in ein Fischerstädtchen an der chinesischen Südküste, in eine Bucht zwischen hohen Felsen, in der das Leben zwischen Garküchen und Parteiversammlungen versickert. Hong, der Held des Films, ist hierher aus Amerika zurückgekehrt, wo er vergeblich versucht hat, als illegaler Immigrant sein Glück zu machen. Doch er hat ein Kind in Amerika gezeugt, einen Sohn, den Hong an die Familie der Mutter abtreten mußte, weil er, der Underdog, ihr nicht standesgemäß erschien. Nun ist der Junge zu Besuch bei seinem chinesischen Großvater, und Hong kämpft darum, ihn zu sehen.

Diese Geschichte ist das Rückgrat des Films, aber nicht sein Zentrum. Das Zentrum ist der Schauplatz selbst, die kleinteilige, ärmliche Landschaft der Meeresküste, mit den Lebensläufen, die sie gebiert, und den Träumen, die sie zerstört. Am Anfang sieht man ein Schiff ins Weite fahren, und man spürt den Sog, der die Menschen von hier wegzieht. Dann erfährt man, daß alle Flüchtlinge an Bord ums Leben gekommen sind. So halten sich Sehnsucht und Schrecken bei Wang die Waage. Die Regisseure des neuen britischen Kinos haben vor zwanzig Jahren solche Filme gedreht, und wie man an "Drifters" sieht, funktioniert das alte Rezept noch immer. Weil es aus der Wirklichkeit stammt, nicht aus dem Laptop.

Wangs Film lief in Cannes in der Seitenreihe "Un Certain regard". Es sind die Nebensektionen, in denen man in diesem Jahr die meisten Augenblicke der Wahrheit erlebt. Die Filme, in denen sie aufscheinen, kommen in den Listen der Festivalblätter nicht vor. Dafür bleiben sie im Kopf.

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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