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Filmfestival von Antalya : Alte Geister neu erweckt

Der Militärputsch von 1980 ist in der Türkei noch immer ein kaum erschlossenes Thema. Das Internationale Filmfestival von Antalya wagt jetzt einen ersten Versuch, die Erinnerungen von damals wieder aufzufrischen.

          Bis vor kurzem war es in der Türkei noch ein absolutes Tabu, sich kritisch mit dem Militärputsch von 1980 auseinanderzusetzen. In Schulbüchern kommt er meistens nur als Fußnote vor, eine wissenschaftliche Aufarbeitung fehlt. Nur in Form von Romanen wurden zaghafte Versuche unternommen, das damalige Geschehen, das die türkische Gesellschaft in den folgenden Jahrzehnten einschneidend prägen sollte, aufzuarbeiten.

          Tausende wurden damals umgebracht, die meisten Intellektuellen ins Gefängnis gesteckt oder mit Berufsverbot belegt, Lebenswege zerstört, die politische Opposition brutal zerschlagen. Seitdem sich die Regierung gewillt zeigt, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, atmet die türkische Gesellschaft auf. Das Schweigen, so scheint es, hat ein Ende. Die Menschen wollen endlich Antworten und frei darüber reden, was damals geschah.

          Die Goldene Orange wird dreimal vergeben

          Zu dem Aufarbeitungsprozess möchte nun auch das Internationale Filmfestival von Antalya einen Beitrag leisten. Das wichtigste und politischste Filmfest der Türkei hat sich dafür eine ganz besondere Reise in die Vergangenheit ausgedacht: Es wird die Wettbewerbe in der Kategorie nationaler Film, die in den Jahren 1979 und 1980 wegen der damaligen politischen Verhältnisse nicht stattfinden konnten, wiederholen – und zwar mit allem, was dazugehört. Im Jahr 1979 hatte das staatliche Zensur-Komitee drei Festivalbeiträge verhindert, woraufhin sämtliche Regisseure ihre Beteiligung am Wettbewerb abgesagt hatten und die Jury geschlossen zurücktrat.

          Bei der diesjährigen, 48. Ausgabe des Festivals, die vom 8. bis zum 14. Oktober über die Bühne geht, werden nun nicht nur die damals für den Wettbewerb vorgesehenen Filme gezeigt – auch die Jury von damals ist wieder mit von der Partie. Schon jetzt werden die in die Jahre gekommenen Mitglieder mit anrührenden Erinnerungen in der türkischen Presse zitiert. Genauso verfährt man mit dem Wettbewerb, der 1980 hätte stattfinden sollen. Das Datum des Filmfests fiel in jenem Jahr ausgerechnet auf den 12. September – den Tag, an dem die Türkei in einem Militärputsch erwachte. Die Goldene Orange, die höchste Auszeichnung des Festivals, wird in diesem Jahr also dreimal vergeben: für das beste Werk 2011, 1979 und 1980. Der Blick von heute auf die Filme von damals ist freilich ein anderer. Dass man ihnen jetzt nochmals die Ehre erweist, ist dennoch eine kleine Wiedergutmachung.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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