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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Filmfest San Sebastian Phantasie an die Macht

 ·  Trotz Generalstreik: Große Filme im Baskenland.Die Goldene Muschel und den Preis für das beste Drehbuch erhielt der Film „Dans la mainson“ von Francois Ozon.

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SAN SEBASTIÁN, 30. September

Nach einem der besten Wettbewerbe seit langem trug die Jury des Internationalen Filmfestivals von San Sebastián mit nachvollziehbaren Entscheidungen zum hohen Niveau der Veranstaltung bei. Die Siegerehrung wurde zu einer weitgehend spanischen Angelegenheit, denn der mit der Goldenen Muschel geehrte Film „Dans la mainson“ von François Ozon erhielt auch den Preis für das beste Drehbuch, das auf einem Stück des Madrider Theaterautors Juan Mayorga beruht. Ozon seziert eine Lehrer-Schüler-Beziehung, in der der Ältere von der Dynamik der Geschichte fortgerissen wird: eine Hommage an das Erzählen, die Fiktion und die Macht der Phantasie, selbst wenn sie zerstörerisch ist; ein kühles Kammerstück, in dem Fabrice Luchini und Kristin Scott Thomas die von leiser Langeweile umwehte sophistication eines Intellektuellenpaares spielen.

Der Preissegen verteilte sich ziemlich gleichmäßig auf die am höchsten gehandelten Wettbewerbsbeiträge. Der Spezialpreis der Jury ging an „Blancanieves“, den Schneewittchen-Stummfilm im Stierkampfmilieu der zwanziger Jahre von Pablo Berger. Dessen fabelhafte Hauptdarstellerin Macarena García nahm die silberne Muschel für die beste Schauspielerin mit, zusammen mit Katie Coseni aus Laurent Cantets eher vorhersehbarem Film „Foxfire“ über eine Mädchengang im Amerika der fünfziger Jahre. Ein weiterer Spanier, Fernando Trueba, gewann den Regiepreis für „Der Künstler und das Modell“. Abermals ein Spanier, José Sacristán, erhielt den Preis für den besten Darsteller. So kam das skurrile und melancholische Roadmovie „El muerto y ser feliz“ (Der Tote und das Glücklichsein) von Javier Rebollo doch noch zu verdienten Ehren. Wenn nicht bei so einem Festival, wo dann?

Kamerapreis für „Rhino Season“

Der sechste Wettbewerbstag von San Sebastián wurde vom Generalstreik im Baskenland durcheinandergeschüttelt. Bis auf eine Handvoll Filme im Kursaal lief nichts, denn die übrigen Kinos der Stadt hatten genauso dichtgemacht wie Läden, Kneipen und Restaurants. Es war der ungünstigste Tag, um pedantisch zu sein, doch genau dazu entschloss sich der kurdisch-iranische Regisseur Bahman Ghodabi, als er aus Istanbul kurzfristig eine neue Kopie seines Films „Fasle Kargadan“ (Rhino Season) anforderte, weil die Tonspur der vorhandenen nicht die letzten Veränderungen des Regisseurs berücksichtige. Wie das möglich ist, bleibt ein Rätsel; ebenso, warum Ghobadi uns davon drei Minuten vor Beginn des Screenings erzählte.

Ob die Mittagsversion sich substantiell von der Abendversion unterschied, werden wir wohl nie erfahren. Doch vielleicht musste der Film die Exzentrik des Regisseurs büßen, denn „Rhino Season“, ein expressives Bildgedicht, das auch des Hauptpreises würdig gewesen wäre, erhielt nur eine Auszeichnung für die phantastische Arbeit des Kameramanns Touraj Aslani. Die Geschichte des Dichters Sahel, der in den Jahren der iranischen Revolution mit seiner Frau Mina ins Gefängnis geworfen wird und erst nach dreißig Jahren wieder freikommt (Mina wird nach zehn Jahren entlassen, hält ihren Mann für tot und zieht mit den Töchtern nach Istanbul), soll einem Freund des Regisseurs widerfahren sein. In mächtigen Bildmetaphern, in einem Rhythmus von Innehalten und Weiterstürzen erzählt Ghodabi von der Suche des Dichters (Behrouz Vossoughi) nach seiner Frau (Monica Bellucci), aber nichts an diesem Weg eines stumm Dahinwandernden, den die Erinnerungsbilder überfluten, wirkt wie Menschenrechtskino. Ghobadi ist selbst ein Dichter und „Rhino Season“ ein mitreißendes Drama, das dieses Festival überdauern wird.

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.

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