27.11.2002 · „Stirb an einem anderen Tag“: Der neue Bond zeigt wieder Weltpolitik aus dem Blickwinkel eines Draufgängers und Lebemanns.
Von Holger ChristmannWer dieser Tage frühe Bond-Filme wie „Dr. No“ und „Goldfinger“ sieht, dem fällt auf, wie ruhig sie geschnitten sind, wie gemächlich die Geschichte vor unseren Augen abläuft. Das höchste an Action war eine Auto-Verfolgungsjagd durch die Innenstadt oder, wie in „Goldfinger“, eine Rallye mit Wüstenfahrzeugen, die durch die Dünen purzelten.
In den seit der Premiere von „Dr. No“ vergangenen 40 Jahren wurden die Filme immer rasanter und die Verfolgungsjagden immer wichtiger. Das jüngste Bond-Abenteuer, „Die Another Day“, das jetzt in London seine Weltpremiere feierte und am 28. November in Deutschland anläuft, scheint nun vollends um die Action und um die Explosionen herumgebaut.
Der Film, bei dem diesmal Lee Tamahori Regie geführt hat, beginnt schon mit einer spektakulären Action-Szene. Zwischen turmhohen Wellen, sogenannten Jaws, surfen zwei Wellenreiter in der Dunkelheit vor der Küste Nordkoreas und erreichen schließlich das Ufer. Woher sie kommen, wissen wir nicht, doch als die beiden an Land ihre Surfanzüge ausziehen, erkennen wir Pierce Brosnan.
Action steht im Mittelpunkt
Der gibt sich als Waffenhändler aus, der von nordkoreanischen Milizen Kampffahrzeuge kaufen möchte. Bezahlen will er mit Diamanten. Doch als der Deal gemacht scheint, wird Bond enttarnt. Und schon rollt die nächste Action-Szene ab: eine wilde Verfolgungsjagd mit Luftkissenbooten durch vermintes Gelände, wobei Brosnan die Landminen in voller Fahrt mit seiner Pistole in die Luft jagt. Es wird noch viele solcher Action-Szenen geben: eine Verfolgungsjagd zwischen Bond im Aston Martin und Gegner Zao im giftgrünen Jaguar auf einem zugefrorenen See in Island, Bonds Flucht in einem dragsterartigen Eisflitzer, ein altmodisches Fecht-Duell mit dem Bösewicht Gustav Graves (mit Popstar Madonna als zuschauender Fechtlehrerin), schließlich ein freier Fall im Hubschrauber aus einem abstürzenden Jumbo-Jet. Zwischendurch ist Bonds Wagen in Aktion, den der Agent diesmal auf Knopfdruck unsichtbar machen kann.
„Stirb an einem anderen Tag“ folgt mehr als jeder andere Bond zuvor dem Prinzip der Überwältigung des Zuschauers: Für die sorgen neben den Gefahren, in denen sich der smarte Agent bewährt, wieder die coolen Einsätze an exotischen Orten und der Sex-Appeal der Bond-Girls. Diesmal heißt Bonds Partnerin Jinx (Halle Berry) und ist hinter demselben Schurken her wie er. Jinx ist gescheit und selbstbewußt, aber dabei kein männerfressendes Monster wie weiland Grace Jones. Sie ist Gefährtin und Komplizin - auf der Jagd wie im Bett. Es stimmt, dass noch kein Bond-Girl so gleichberechtigt neben 007 agierte wie die Oscar-Preisträgerin, und es wäre durchaus denkbar, dass sie demnächst ihren eigenen Film bekommt - vielleicht mit Brosnan in einer Gastrolle.
Weltpolitik als Teil einer schillernden Oberfläche
Doch Sex, Exotik und Action würden nicht reichen, um einen Bond zu drehen. Dazu gehören immer auch ein paar Anspielungen auf die politische Großwetterlage. Die wird allerdings nicht tiefgründig ausgelotet, sondern nur stichwortartig erwähnt - gerade so, dass der Film ein unbestimmtes Aroma politischer Aktualität bekommt. Der Schauplatz heißt diesmal Nordkorea. Es war schon ein kluger Schachzug der Produzenten, ausgerechnet diesen Staat als Hauptschauplatz des Films auszuwählen. Er entspricht nicht dem Bild des klassischen Schurkenstaats, der entweder arabisch oder post-kommunistisch ist und der keinen Neuigkeitswert mehr hat. Nordkorea ist marketingstrategisch „unverbraucht“, und seine Bedrohlichkeit ist faszinierend ominös.
„Stirb an einem anderen Tag“ enthält sich diplomatisch geschickt jeder politischen Stellungnahme. Der jugendliche Bösewicht Gustav Graves (Toby Stephens) und sein Homunculus Zao (Rick Yune) kommen zwar aus Nordkorea, repräsentieren das Land jedoch nicht. Diese Rolle hat Graves' Vater inne, ein alter General, der ein Realpolitiker ist und die Weltherrschaftsgelüste seines Sohnes aus tiefster Seele ablehnt.
Zu den politischen Anspielungen gehört auch jene auf die Methoden des amerikanischen Geheimdienstes, für den Jinx tätig ist. Während der amerikanische Geheimdienst-Boss auf plumpes Machtgehabe setzt, vertraut Bonds Chefin „M“ auf die subtileren Methoden ihres Star-Agenten. Als der Amerikaner mit seinem Latein am Ende ist, rettet der Brite auch seinen Kopf. Ein augenzwinkernder Seitenhieb auf die Unterlegenheit des vermeintlich amerikanischen Revolverheldentums gegenüber europäischer Diskretion.
Bond am Scheideweg
Faszinierend ominös ist auch die Rolle der „African conflict diamonds“. Hier bewegt sich der Film ganz nah am Puls der Zeit. Die Diskussion über ein Handelsverbot für Rohdiamanten, mit denen Kriege finanziert wurden, fand in den letzten zwei Jahren parallel zu den Dreharbeiten statt. Doch so brisant auch die Stichworte sein mögen, sie sind nur Teil der schillernden Oberfläche. Symptomatisch dafür ist der Tag, an dem 007 aus nordkoreanischer Gefangenschaft befreit wird. Nach Monaten unter Folter sieht er nicht schlimmer aus als ein Urlauber, der sich eine Zeitlang nicht rasiert hat.
Bond-Fans wird das nicht weiter stören. Und wer würde schon bei James-Bond-Filmen vor allem auf die realistische Darstellung der Agentenwirklichkeit achten? „Stirb an einem anderen Tag“ gelingt es, die bewährten Zutaten Weltpolitik, Luxus, Exotik und Erotik so neu aufzubereiten, dass sie den Zuschauer fesseln - mit 134 Minuten sogar ungewöhnlich lange. Das Ganze ist diesmal noch mehr als zuvor mit einem Schuss Selbstironie versehen. Jinx steigt wie einst Ursula Andress, nur noch aufreizender,aus den Fluten. Bond besichtigt bei „Q“ Requisiten aus alten Bond-Filmen. Und Popstar Madonna gibt augenzwinkernd und mit dem ihr eigenen kindlichen Lispeln die Lehrerin im Fechtkurs.
In puncto Action haben die Produzenten von 007 mit „Stirb an einem anderen Tag“ die Lufthoheit gegenüber Konkurrenten wie „Triple X“ zurückgewonnen, und das war wohl auch die Absicht der Macher. Andererseits: So übertrieben wie diesmal waren die Action-Sequenzen und Special-Effects noch nie. Wenn Bond mitsamt einer gewaltigen Klippe ins Eismeer stürzt und dort auf dem Dach seines Eisflitzers gemütlich weitersurft, ist die Grenze zum Comic-Strip erreicht. Wenn der Agent nicht vollends zum Superman, ja zur Witzfigur werden soll, dann muss an dieser Stelle Schluss sein.