19.05.2003 · Wenn die Schreckensherrschaft anfängt, hört das Fernsehen auf: Obgleich die zweiteilige CBS-Miniserie "Hitler: The Rise of Evil" nicht als Großwerk televisionärer Kunst anzusehen ist, überzeugt sie ihre Kritiker.
Von Jordan MejiasDer alkoholisierte Vater haut ihn windelweich. Die Mutter, wenn sie nicht auf Juden und Zigeuner schimpft, verwöhnt ihn unverzeihlich. Die Halbnichte läßt sich auf ein leicht inzestuöses Techtelmechtel mit ihm ein. Die Kunstakademie mag gleich zweimal hintereinander seine Zeichnungen nicht. Die Kameraden im Schützengraben hänseln ihn, weil ihm nicht mal sein Hund gehorcht. Ja, wie hätte aus dem Jungen, dem nur ein paar hastige Filmschnitte zugestanden werden, um zum jungen Mann heranzuwachsen, etwas Anständiges werden sollen?
"Hitler: The Rise of Evil", das auf zwei Abende verteilte "Biopic", mit dem die amerikanische Fernsehgesellschaft CBS das für künftige Werbeeinnahmen entscheidende Quotenrennen im Mai gewinnen will, hat sich viel vorgenommen und dabei im voraus die Kontroversen nur so purzeln lassen. Schon der Entschluß, als nächstes spektakuläres Dokudrama nicht etwa die gesamte Unheilsgeschichte des schauerlichsten aller Tyrannen wiederaufzurollen, sondern bloß seine formativen Jahre bis zur Machtergreifung zu schildern, rief lautstarke Proteste hervor.
Ernsthaft, wohlinformiert und durchaus reißerisch
So prangerte Abraham Foxman von der jüdischen Anti-Defamation League prophylaktisch eine Trivialisierung und unzulässige Humanisierung an, zu der ein Film über "Hitler, den Mann, Hitler, den Liebhaber, Hitler, den Jugendlichen" unweigerlich führen müsse.
Jetzt hat Foxman den, samt Werbung, sich über vier Stunden ausbreitenden Film gesehen und ist voll des Lobes. Er hat nicht völlig unrecht. Denn wenn der neue Fernseh-"Hitler" auch wahrlich nicht als Großwerk televisionärer Kunst anzusehen ist, umreißt er doch ernsthaft, wohlinformiert und - ganz ohne Show geht eben die Chose nicht - durchaus in reißerischen Bildern die Vorgeschichte eines Scheusals, vor dem er auch unterschwellig nicht zu Kreuze kriecht.
Begradigter Handlungsfluß
Um selbst die Gefahr einer sympathischen Regung beim Zuschauer auszuschließen, ist die Kindheit Hitlers auf einige rasche, vom Vorspann überblendete Schnitte reduziert. Richtig los geht es erst im Obdachlosenasyl in Wien, und alle folgenden Stationen, vom Hofbräuhaus über ein Festbankett, das der angehende Diktator in Lederhosen absolviert, bis zum Putsch von 1923 und der Einlieferung in die Landsberger Haft, mit der Teil eins endet, werden gewissenhaft mit Datum und Ortszeile versehen.
Die historische Genauigkeit, die damit beschworen wird, ist jedoch nicht absolut zu verstehen. Viel lieber reden die Produzenten der Sendung von einer "thematischen Wahrheit", die es ihnen, wie sie meinen, auch erlaubt, prägnante Szenen zu erfinden. Hitlers Antisemitismus kommt früh in seiner Militärzeit zum Ausbruch, und des geschmeidigeren Dokudramas wegen wird Friedrich Hollaenders "Tingeltangel" von Berlin nach München verlegt. Der begradigte Handlungsfluß mündet deswegen nicht in ein besseres Verständnis der Hauptfigur. Deren Pathologie wird, wenn überhaupt, aus ihrer Kindheit und Jugend erklärt, und das vermag halt allenfalls pop-psychologisch zu überzeugen.
Die Miniserie bekommt den Hitler im Miniformat
Niemand aber wird wohl auch erwartet haben, daß einem kommerziell ausgerichteten Fernsehzweiteiler gelingt, was Legionen von Historikern nicht fertigbrachten. Das Psychogramm des Ungeheuers, wie es Robert Carlyle, bekannt aus Filmen wie "The Full Monty" und "Trainspotting", mit nervöser Energie, erwartungsgemäß hysterisch, aber dennoch nicht karikierend erstellt, hält sich bei aller darstellerischen Virtuosität an die herkömmlichen Schablonen.
Positiv zu vermerken ist, daß der vage englische Akzent, mit dem der schottische Schauspieler in der amerikanischen Produktion aufwartet, den Lachnummern à la Oberst Klink und Feldwebel Schultz aus der unverwüstlichen Fernsehserie "Hogan's Heroes" keine Chance gibt. Carlyle braucht sich hinter Vorgängern im extremen Diktatorenfach, ob sie nun Alec Guinness oder Anthony Hopkins hießen, nicht zu verstecken, auch wenn "The Fuhrer" bisher nie spindeliger und fisseliger in die Kamera blickte. Die Miniserie bekommt den Hitler im Miniformat.
Viel beeindruckender jedoch als der gar nicht zu erfüllende Anspruch, den Weg vom verachteten Außenseiter zum Massenmörder zu erhellen, ist die zeitgeschichtliche Einbettung. Womit sehr dezent, aber bestimmt darauf hingewiesen sei, daß CBS offensichtlich nicht jedem Zuschauer zutraut, seinen Kershaw, Fest oder Bullock parat zu haben. Das alte Lamento von der Banalisierung sowohl des Bösen als auch der Umstände, unter denen es aufblühte, hat sicher seine Berechtigung. Was aber Ende der siebziger Jahre für die Miniserie "Holocaust" galt, mag sich ein Vierteljahrhundert später abermals bewahrheiten. Für einen Großteil der amerikanischen Fernsehzuschauer wird mit "Hitler" eben keine hinlänglich vertraute Story aufgewärmt.
Nichts als Schande
Ästheten und Historiker mögen lachen oder weinen, wenn Entertainer mit dem Instrumentarium eines emotional zugespitzten biographischen Films Geschichte populär zubereiten. Naturgemäß spielt dabei die Show, hier in Form historisch und atmosphärisch teuer rekonstruierter, oft recht kurzatmig montierter Vignetten, eine entscheidende Rolle. Aber "Hitler" vergißt auch nicht, den Kontext eines Deutschlands zu zeigen, das nach einem verlorenen Krieg darniederlag, verarmt, international verachtet, gedemütigt und deshalb nur allzu bereit, einem Verführer aus dem Elend in eine Zukunft zu folgen, die eine nationale Wiedergeburt in Glanz und Gloria versprach, aber nichts als Schande brachte.
Auch wer in solchen Erklärungen schon die Entschuldigung zu wittern meint, hat wenig Gelegenheit, den aufhaltsamen Aufstieg des neuen Fernseh-Hitlers zu tadeln. Statt einer Historienfarce, wie sie Brecht mit "Arturo Ui" anstrebte, oder einer dem Kommerzfernsehen adäquaten Gangstergeschichte im Nazi-Milieu bietet CBS einen biographischen Geschwindmarsch, gnadenlos durchorchestriert, rasant inszeniert und üppig dekoriert mit Stars wie Matthew Modine, der den aufrichtigen Journalisten Fritz Gerlich gibt, und Peter O'Toole, der am heutigen Dienstag im zweiten Teil des Dokudramas als Reichspräsident Hindenburg seinen Auftritt hat.
Gewiß ließe sich behaupten, die zentrale Katastrophe des vorigen Jahrhunderts werde aufs Unterhaltungsmaß zurechtgestutzt. Die Alternative hieße: Fernsehabstinenz. Nicht jeder aber liest Kershaw oder besucht das Holocaust-Museum in seiner Stadt. "Hitler: The Rise of Evil" könnte darum zumindest als Lückenbüßer seine volkspädagogischen Dienste tun.
Die Sendung als zeitgemäßes Lehrstück
Doch auch der im Mainstream des Entertainment schwimmenden, wie üblich von Werbung unterbrochenen Miniserie fehlt die Sprengkraft nicht. Schuld daran ist weniger die historische Séance der Fernsehinszenierung als der aktuelle Zeitbezug, den ihre Produzenten eher verschämt herstellen. Trotzdem mußte einer von ihnen den Hut nehmen, weil er Analogien zog zwischen der Furcht Amerikas vor dem Terror und der damit verbundenen Bereitschaft, altangestammte Rechte und Freiheiten aufzugeben, und der Furcht der Weimarer Republik, ihre Reste von Souveränität und Sicherheit zu verlieren.
Weitaus geschickter argumentiert jetzt der verbliebene Produzent Peter Sussman. Kryptisch und folglich schwerer anzugreifen will er die Sendung als zeitgemäßes, im eigenen Land gültiges Lehrstück begreifen, das denn auch programmatisch mit einem nicht gerade unbekannten Zitat des Staatsmanns und politischen Philosophen Edmund Burke eingeleitet und abgeschlossen wird: "Die einzige Voraussetzung für den Triumph des Bösen ist, daß gute Menschen nichts tun." Auch das wäre noch dazu geeignet, von unerschütterlichen Patrioten als Beweis für das, was sie Hollywoods notorischen Antiamerikanismus nennen, angeführt zu werden.
Nicht deswegen aber haben sich zwei Fernsehanstalten, ausgerechnet in Texas, geweigert, den Film auszustrahlen. Angeblich wollen sie nur vermeiden, mit der Sendung die nie richtig schlafenden Hunde des amerikanisch getönten Nazismus, ob unter weißen Suprematisten oder Waffennarren, zu wecken. Damit bekräftigen die Texaner freilich nur die Aktualität der Miniserie und die skeptischen Überlegungen der Produzenten, die so weit gingen, nach den Dreharbeiten die Nazi-Uniformen zu verbrennen, damit sie nicht über Ebay in die falschen Hände gelangten. In Corpus Christi und Laredo brauchen die Fernsehzuschauer gleichwohl nicht zu darben. Hitler wird dort mit dem aller antiamerikanischen Umtriebe unverdächtigen Superman ersetzt.