28.11.2004 · Oliver Stone hat mit deutschem Geld, mehr als 1.400 Statisten und kriegerischer Energie einen Film über Alexander den Großen gedreht. Kritikern zufolge scheint der Film die Schlacht an den Kinokassen zu verlieren.
Von Peter KörteDer Eroberer ist müde. Er hat viele tausend Kilometer zurückgelegt und tiefe Falten im Gesicht. Der Jetlag setzt ihm zu, und gegen die heraufziehende Erkältung trinkt er Tee mit Zitrone.
Draußen auf dem Flur schwirrt ein Troß wie im provisorischen Hauptquartier eines Feldherrn. Wie die Gesandten unterworfener Völker zu Alexander dem Großen, so kommen die Journalisten; doch statt Geschenken haben sie nur Fragen mitgebracht. Oliver Stone hat viele Schlachten geschlagen, doch die entscheidende steht ihm noch bevor, wenn sein Film ins Kino kommt, und bei dieser Schlacht ist er nur Zuschauer.
Erste Niederlage
Die gefährliche Maschine, die Öffentlichkeit heißt, hat sich langsam in Bewegung gesetzt. Die amerikanischen Zeitungen haben gefragt, ob das heimische Publikum wohl einen bisexuellen Helden erträgt und dazu die vielen Männer mit Eyeliner. Sie haben spekuliert, ob schwule Bettszenen herausgeschnitten wurden und nur ein paar vielsagende Blicke und keusche Umarmungen übriggeblieben sind. Nein, sagt der Regisseur. Bei den amerikanischen Kritikern hat "Alexander" seine erste Niederlage erlitten. Die Website "Rotten Tomatoes" hat 120 Rezensionen ausgewertet, die bis gestern zum amerikanischen Kinostart erschienen sind. Nur 17 davon waren positiv. Da lauert ein Desaster.
Einige Kritiker haben geschrieben, der Film verrate mehr darüber, wie es im Kopf von Oliver Stone aussehe, als über den historischen Feldherrn. Und ein paar griechische Anwälte, die auch mal in der Weltpresse auftauchen wollen, haben sich zu einer kuriosen Phalanx formiert. Sie verlangen von Stone und dem Verleih Warner Brothers, im Vorspann des Filmes darauf hinzuweisen, daß es sich bei "Alexander" um ein Werk der Fiktion handle und nicht um eine korrekte historische Darstellung, weil sie keinen schwulen Nationalhelden wollen.
Bigger than life
Doch hinter dem üblichen Betriebsgeräusch murmelt es leise: Warum bloß? Warum werden in letzter Zeit Hunderte von Millionen investiert, um König Arthur kämpfen, Jesus sterben, Troja untergehen oder Alexander siegen zu lassen? "Weil es Geld bringt", sagt Stone. Aber das ist nicht alles. Weil es bigger than life ist, weil der 58jährige schon als Kind von Alexander begeistert war. In den neunziger Jahren hat er versucht, den Film erst mit Val Kilmer und dann mit Tom Cruise zu machen. Der deutsche Produzent Thomas Schühly hatte ihm die Idee in den Kopf gesetzt. Schühly investierte Anfang der Neunziger ein paar hunderttausend Mark in das Projekt und durfte sich deshalb kürzlich von der "New York Times" mit Toga und antiker Büste fotografieren lassen.
"Thomas war enorm wichtig", sagt Moritz Borman. Der Produzent sitzt im Hauptquartier wie Stones wichtigster General, und er wirkt sehr entspannt. Bei der Frage, ob er nicht einer der bösen Männer sei, die deutsche Fondsgelder nach Hollywood pumpen, lacht der 49jährige. Er lebt seit 25 Jahren in Los Angeles, er kennt Stone seit Jahren, und seine Firma Intermedia, eine Tochter der in Frankfurt börsennotierten IM Internationalmedia AG, ist eine der größten unabhängigen Produktionsfirmen. Ein Fonds, sagt Borman, "ist wie eine Bankfinanzierung, die einem keine Bank geben würde. Und bei ,Terminator 3' gab es das Geld schneller zurück als bei jedem anderen."
Der schwierigste Film
Borman redet um so lieber über die gewaltigen Hindernisse des Alexanderfilms, als er sie überwunden hat. "Das war der schwierigste Film, den ich je gemacht habe und machen werde. Als ich Olivers Drehbuch gelesen hatte, ging mir der Arsch auf Grundeis, weil ich auf Seite 40 merkte: So, jetzt bin ich pleite." Und mehr als aus dem Film selbst erfährt man über die Mühen des Alexanderzuges, wenn Borman von den Dreharbeiten erzählt. Wie sie in Marokko waren, mit 600 Mann Crew, 1400 Komparsen und gerade genug Geld, um eine Woche zu drehen; wie sie Dino DeLaurentiis ausstechen mußten, der ebenfalls an einem Alexanderprojekt arbeitete, das sich jetzt wohl erledigt hat; wie kompliziert es war, 1400 Männer in antike Soldaten zu verwandeln, die um neun Uhr morgens bereit zur Schlacht waren; wie riskant es war, Colin Farrell für die Titelrolle zu verpflichten, der zum Zeitpunkt des Castings alles andere als ein Star war; wie schwer es war, Elefanten und Pferde für die indische Schlachtszene gegen König Porus zusammenzubringen.
Borman hat ein Budget von rund 160 Millionen Dollar zusammenbekommen, die Kosten der Vermarktung noch gar nicht gerechnet. Irgendwie ist das wohl angemessen für einen Mann, der das Heldenrollenmodell von der Antike bis zu Napoleon war. Der mit seinen Truppen 35000 Kilometer zurücklegte, der nie eine Schlacht verlor, um 323 v. Chr. im Alter von 32 Jahren in Babylon zu sterben. Der, gemessen an den Vorstellungen der griechischen Polis, ein Tyrann war. Über den wir nicht allzuviel aus erster Hand wissen, trotz Statuen, Inschriften oder Münzen. Da sind nur Quellen, die sich selektiv aus verschollenen Quellen bedient haben, aus dem Bericht des Ptolemaios zum Beispiel, den Stone zum Erzähler gemacht hat. Alexanders einstiger General, der später als Pharao Ägypten regierte, steht in Gestalt von Anthony Hopkins vor einem digitalen Alexandria-Prospekt und diktiert dienstfertigen jungen Männern seine Erinnerungen, vierzig Jahre nach Alexanders Tod. Eigentlich, sagt Stone, wollte er eine Szene drehen, in der die berühmte Bibliothek in Flammen aufgeht und mit ihr die ganzen Alexanderquellen. "Doch das fand der Produzent zu deprimierend."
„Alexander der Globalisierer“
"Alexander" ist auch so voller seltsamer historischer Echos, die manchmal an heftige Rückkoppelungen bei einem Popkonzert erinnern. Wenn der Mazedone in Babylon einmarschiert, sich ein Stück weit auf der heutigen Achse des Bösen nach Osten bewegt, das Perserreich unterwirft, über den Hindukusch zieht, nach Afghanistan und Usbekistan zum Indus und zurück durch die pakistanische Wüste, dann muß man schon ein wenig an die Geopolitiker im Weißen Haus denken.
"Ein König, ein Reich, das war Alexanders Formel", sagt Stone und nennt ihn "einen frühen Globalisierer". Das ist auch nicht viel unhistorischer als die Begriffe, mit denen sich die Althistoriker lange Jahrzehnte über ihn hermachten. Alexander, sagt Stone, habe von einer Assimilation geträumt, von einer Vermischung von Orient und Okzident - mit einer hellenischen Leitkultur natürlich, nach blutiger Unterwerfung notfalls.
Wird Europa in fünfzig Jahren islamisch sein?
Stone hat viel gelesen, er hat auch viele Ideen, er springt in ein paar Worten von den Römern zu Arabern, Kreuzzügen, zum Kolonialismus, zum Islam und nach China, um die Pendelbewegung zwischen Ost und West zu demonstrieren, die mit dem Hellenismus begonnen hat, und landet nach diesem welthistorischen Fast Forward bei dem Satz: "Vielleicht ist Europa ja in fünfzig Jahren islamisch."
Oliver Stone fühlt sich wohl auf diesen welthistorischen Heldenplätzen. Das erzählen einem schon die Titel seiner Filme: "JFK", "Nixon", "The Doors" oder "Comandante", die Dokumentation über Fidel Castro. Stone inszeniert am liebsten Krieger oder Alpha-Tiere. Männer, die Geschichte machen, und das, was die Geschichte mit ihnen macht. Oder das Schicksal.
Hatte Alexander der Große den Ödipus-Komplex?
Bei Alexander ist das Schicksal ein Triebschicksal. Ein Passepartout von Freud. Wenn man boshaft sein wollte, könnte man behaupten, Alexander sei bis ans Ende der bekannten Welt gezogen, um seiner Mutter zu entkommen. Der Film hämmert einem das mit derselben Unerbittlichkeit ein, wie sich die pompöse Musik von Vangelis über jede Szene legt. Vom Vater bekam Alexander nicht genug Anerkennung, die Mutter flüsterte ihm die göttliche Herkunft ein. Die baktrische Prinzessin Roxane (Rosario Dawson), die Alexander heiratet, ähnelt Mutter Olympias (Angelina Jolie) bis hin zum Schlangenschmuck, und in der Hochzeitsnacht versucht der Eroberer, sie zu vergewaltigen, wie er es als Kind bei Vater Philipp gesehen hat. "Alexander", ein Psychodrama.
Natürlich gibt es auch das gewaltige Schlachtengemälde von Gaugamela, wo Alexander 331 den Großkönig Dareios III. entscheidend besiegte. Dagegen ist "Troja" nur ein digitaler Ameisenhaufen. Es gibt die üppigen Sets von Babylon, ein digitales Wunderland, in das Brueghels berühmter "Turmbau zu Babel" wie das Detail einer Stadtansicht hineinkopiert wurde, es gibt die Schlacht am Hydaspes mit Elefanten, bei der sich wie auf einem psychedelischen Trip die Blätter der Bäume blutrot färben. Leider gibt es aber auch die Sprünge auf der Zeitachse. Der Film beginnt am Sterbebett. In Zeitlupe fällt der Ring vom Bett, als wäre Alexander "Citizen Kane", jener Ring, den sein Lover Hephaistion (Jared Leto) ihm schenkte. Daß Olympias womöglich an der Ermordung Philipps beteiligt war, erfährt man irgendwann, wie überhaupt die reflektierende Distanz, welche dieser Erzählrahmen schaffen soll, den Film eher fahrig wirken läßt, als daß er für ein schärferes Bild des Helden sorgte.
Stone ist mehr Alexander als Farrell es sein konnte
Wenn Stone vom Schlachtgetümmel zum Kammerspiel wechselt, kommt er meist im Reich des Camp heraus. Colin Farrell, blondiert und farblos, erreicht nie die Ausstrahlung eines Russell Crowe in "Gladiator", und wenn er neben Angelina Jolie agiert, die mit ihren Schlangen spricht, die gurrt, raunt und inzestuös flüstert, wirkt das wie eine Travestie der alten Sandalenfilme. Und obwohl es keine schlechte Idee war, Alexander als den Mann zu porträtieren, der den Mythos leben wollte, so ist doch die Szene, in der ein einäugiger Val Kilmer als Philipp dem jungen Alexander Höhlenmalereien mythologischer Szenen zeigt, ein Kinderbucheinfall. Dazu hagelt es Dialoge, die man in Amerika "howler", Heuler, nennt, weil man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll.
"Alexander" ist ein merkwürdiges historisches Phantasma, und keiner weiß, welchem Kompaß es folgt. Es entsteht kein historischer Resonanzraum wie bei "JFK" oder "Nixon", keine Reibung zwischen Gegenwart und Vergangenheit, und der Furor von "Natural Born Killers" ist sehr, sehr fern. Da ist ein Regisseur, der sich einen Kindheitstraum erfüllt hat und dabei bisweilen ein bißchen kindisch wirkt, weil er im Gegensatz zu "Troja" viele Ambitionen hat, die für Antikenfilme noch nie ein besonders geeigneter Ort waren. "Oliver ist mehr Alexander als ich es je sein konnte", hat Colin Farrell gesagt. Womöglich liegt genau darin das Problem, womöglich verliert deshalb dieser "Alexander" die entscheidende Schlacht.
Peter Körte Jahrgang 1958, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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