07.03.2002 · In István Szabós Kinofilm „Taking Sides“ muss der Dirigent Furtwängler seine Haltung im Dritten Reich gegen Vorurteil und Vorverurteilung verteidigen.
Von Gunter GöckenjanRonald Harwood hat in seinem Theaterstück „Taking Sides“, das István Szabó nun als opulent ausgestatteten Kinofilm präsentiert, einen amerikanischen Ermittler auf den berühmten deutschen Dirigenten Wilhelm Furtwängler angesetzt, damit die beiden über Schuld und Sühne argumentieren.
Dies ist das Treffen eines Anklägers mit einem potenziell Schuldigen und ein Duell der Wörter und Worte, ein Kampf der Argumente. Major Steve Arnold (Harvey Keitel) führt die Ermittlungen. Ihm zur Seite steht Lieutenant David Wills (Moritz Bleibtreu), der mit seinen Eltern aus Nazideutschland nach Amerika geflohen war, und Emmi (Birgit Minichmayr), deren Vater am Attentat auf Hitler beteiligt war.
Am Anfang war das Urteil
Arnold ist von Furtwänglers Schuld überzeugt. Den Namen des Dirigenten, er wird von Stellan Skarsgård gespielt, hatte Arnold bis dahin nicht gehört, und er ist auch von dessen künstlerischem Rang absolut unbeeindruckt. Anders seine Sekretärin Emmi und der Mitarbeiter David. Sie erkennen in Furtwängler einen Ausnahmekünstler. Emmi liebt seine Musik, und auch David fordert Respekt für die musikalischen Leistungen Furtwänglers. Den Major interessiert nur, dass Furtwängler unter den Nazis gearbeitet hat. Emmie glaubt, die inquisitorischen Befragungen ihres Chefs nicht ertragen zu können. Für sie schwingt darin der gleiche Ton wie in den Gestapo-Verhören.
Major Arnold wirft dem Dirigenten vor, bei Hitlers Geburtstag aufgespielt zu haben. Furtwängler entgegnet, genau das habe er vermieden. Er habe am Vortag den Auftrag ausgeführt, den die Diktatur ihm als Kapellmeister erteilt habe. Furtwängler erklärt, er glaube daran, dass Kunst und Politik nicht vermischt werden sollen und dass die Musik die höheren Werte befördere. Arnold sucht den Künstler zu demütigen und ihm unmoralische Motive - Frauengeschichten - und Karrierismus als Grund für sein Bleiben in Deutschland vorzuwerfen.
Arnolds Fragen und Vorwürfe sind Attacken, Furtwänglers Antworten Ausflüchte und Verteidigungen. Über sein Arrangement mit der Macht und seine Verflechtung mit den Nazis erfährt der Zuschauer leider gar nichts. Ihm wird nahe gelegt, mit dem sensiblen Musiker zu sympathisieren, der hier fertig gemacht wird. Den groben, selbstgerechten Soldaten, der nur entweder oder kennt, kann man nur verachten.
Keitel als Karikatur
Die Darstellung Harvey Keitels, der hier die unpassendste Vorstellung seiner Filmkarriere abliefert, macht den Ermittler zu einer ungebildeten, unsensiblen und polternden Ami-Karikatur. Arnold ist ein Machtmensch, der sein Urteil schon vor seinen Ermittlungen gefällt hat. Er glaubt, alles genau zu wissen, und auf seine Fragen gibt es nur die Antwort, die er hören will. So wird „Taking Sides“ zur Bebilderung eines Satzes, den ein amerikanischer Entnazifizierer einmal über seine Kollegen gesagt hatte: „Americans had no idea, in general. They just waded in and pointed the finger.“ Der Film hätte auch ein leises Konversationsstück über die Unverträglichkeit der beiden Positionen werden können.
Dass Emmie und David zusammen Fahrrad fahren und das Tanzbein schwingen, tut eigentlich nichts zur Sache, zeigt aber, wie gerne sich auch Spezialisten für Moralfragen, wie Szabó und Harwood, dem Massengeschmack beugen. Anders als Romuald Karmakar in seinem großartigen Befragungsdrama „Der Totmacher“ versuchen diese Filmemacher mit „sinnlichen Details“ wie gediegener Ausstattung und lustvoll bewegter Kamera, dem Auge entgegen zukommen. Da gibt es lange Treppenaufgänge, Kantinenunterhaltung und Schwarzmarktszenen, auf dass der Film zum Movie werde. Wird er aber nicht.