03.09.2002 · Das Kino und der 11. September: Wer wagt es, das Geschehen zu verfilmen? Und was bedeutet das reale Grauen für das virtuelle des Katastrophenfilms?
Von Andreas KilbWenn das höchste Gebäude der bekanntesten Stadt der Welt von Flugzeugen zerstört wird, wenn mehr als dreitausend Menschen in eineinhalb Stunden auf qualvolle Weise sterben, wenn der Präsident der einzigen verbliebenen Supermacht erklärt, sein Land befinde sich ab sofort im Krieg - dann darf man annehmen, dass das ein Thema für das Kino ist.
Und tatsächlich wurde nach dem 11. September 2001 ausgiebig darüber geredet und geschrieben, in welcher Weise man die Katastrophe von New York filmisch verarbeiten, ob man die schrecklichen Bilder im Fernsehen durch andere, erfundene oder dokumentarische Bilder ergänzen solle, um dem Schock des Gesehenen eine ästhetische Form zu geben. Am Ende war man sich einig, dass die direkten Aufnahmen des Geschehens nicht nachgestellt werden dürften, damit das Andenken der Opfer unbeschädigt bleibe. Einigkeit herrschte aber auch darüber, dass das Weltkino auf jeden Fall eine Antwort auf die Ereignisse vom September geben, ein Zeichen setzen, einen Standpunkt beziehen müsse - dass es, mit anderen Worten, eine moralische Pflicht der Filmindustrie sei, auf den Anschlag auf das World Trade Center zu reagieren.
Man weiß nun, wie Katatstrophen aussehen
„Der Anschlag“ heißt ein Film von Phil Alden Robinson, der derzeit in den Kinos läuft. Er war im September des vergangenen Jahres bereits abgedreht, wurde aber mit Blick auf die New Yorker Tragödie um einige Monate verschoben. Jetzt, ein knappes Jahr nach dem Einsturz der Zwillingstürme, kann man in Robinsons Tom-Clancy-Verfilmung miterleben, wie eine Atombombe die Stadt Baltimore zerstört. Es ist, nach allen Maßstäben ästhetischer wie dokumentarischer Wahrheit, ein erbärmliches Bild - ein Explosions-Tableau wie aus einem billigen B-Film, kein visueller Schock, sondern ein Armutszeugnis im Breitwandformat.
So unglaubwürdig sah das atomare Inferno selbst in Nicholas Meyers „The Day After“, dem Fernseh-Großereignis der frühen achtziger Jahre, nicht aus. Vielleicht würde man über den „Anschlag“ nachsichtiger urteilen, wenn man nicht eben am 11. September 2001 erfahren hätte, wie eine Katastrophe aus nächster Nähe wirklich aussieht. Aber der Strich, den die Flugbahn der beiden entführten Jets an jenem Tag auch unter jahrzehntelang gültige Bildkonventionen gezogen hat, ist nicht mehr rückgängig zu machen.
Die Wucht des Anflugs, die schreckliche Beiläufigkeit des Aufpralls, die lange Viertelsekunde vor der Explosion, die seitwärts quellende Feuerwolke, das alles war so unerträglich anders als jene Computertricks und Benzinspielchen, die wir aus dem amerikanischen Actionkino der letzten Jahre kennen, dass die Behauptung, wir hätten dergleichen längst auf der Leinwand gesehen, nur von schwerer Betriebsblindheit zeugt. Nein, dergleichen sahen wir nie, und so wie das Entsetzliche dieses Tages eine geschichtliche Zäsur markiert, schafft es auch eine Zäsur der filmischen Wahrnehmung. An den Bildern aus New York wird in Zukunft die Wahrhaftigkeit jedes anderen Katastrophenbildes zu messen sein.
Hollywood scheint unter Schock
Die film community hat nun bald ein Jahr Zeit gehabt, sich mit dem Anschlag auf das World Trade Center und das Pentagon zu beschäftigen. Zwölf Monate, das ist im Kino nicht viel - Martin Scorsese etwa braucht gewöhnlich so lange, um einen seiner Filme zu schneiden. Deshalb darf man sich nicht wundern, wenn aus Hollywood kein Projekt zum 11. September angekündigt ist: Die Mühlen der großen Filmstudios mahlen heute halt noch langsamer als zur Zeit von „Casablanca“.
Eher mutet es merkwürdig an, dass auch die amerikanische Independent-Filmszene keinen Beitrag zum Jahrestag in petto hat. Es ist, als hätte der Schock auch den Kritikern jener Industrie, deren Gewaltästhetik durch die Gewalt der Katastrophe desavouiert wurde, die Zunge gelähmt, statt sie zu lösen. So bleibt die Chronistenrolle beim Fernsehen, das die Geschichten der Feuerwehrleute, der Toten und der Überlebenden erzählt, als wäre damit etwas wiedergutzumachen in der zerrissenen Nachseptemberwelt.
Filmen gegen das Vergessen
Ein einziger amerikanischer Regisseur hat tatsächlich einen Film über den Tag des Terrors gedreht - Sean Penn. Penn ist einer der elf international bekannten Regisseure, die der französische Fernsehproduzent Alain Brigand für einen Episodenfilm versammelt hat, dessen Titel „11'09''01“ so schlagend ist wie die Leuchtzeile eines Radioweckers. Die übrigen Episoden wurden von dem Engländer Ken Loach, dem Franzosen Claude Lelouch, dem Ägypter Youssef Chahine, der Iranerin Samira Makhmalbaf, dem Israeli Amos Gitaï, dem Bosnier Danis Tanovic, dem Mexikaner Alejandro González Iñarritu, der Inderin Mira Nair, dem Japaner Shohei Imamura und Idrissa Ouedraogo aus Burkina Faso gedreht. Seine Uraufführung erlebt der Film auf dem Festival von Venedig.
Elf Episoden gegen das Vergessen: Das klingt, als hätte die Unesco das Projekt in Auftrag gegeben. Aber nach allem, was man über „11'09''01“ hört, darf man eine andere, härtere Gangart der Bilder und Töne erwarten. Samira Makhmalbaf hat ihren Beitrag in einem afghanischen Flüchtlingscamp gedreht, unter den Verlierern des Antiterrorkriegs, der nach den Anschlägen begann. Shohei Imamura kündigte an, er werde den Angriff auf Amerika mit Amerikas Angriff auf Hiroshima und Nagasaki im Zweiten Weltkrieg in Verbindung bringen. Danis Tanovic will an das Massaker von Srebrenica erinnern, und Idrissa Ouedraogo hat erklärt, sein Film werde dokumentieren, wie wenig Afrikas Solidarität mit Amerika von diesem erwidert werde. Usama bin Ladin, erzählt Ouedraogo im Gespräch mit „Le Monde“, sei in seiner Heimat überall gegenwärtig, auf T-Shirts wie auf Plakaten am Straßenrand. In Ouedraogos Episode wird der Herr des Terrors sogar selbst auftreten, gespielt von einem schwarzen Schauspieler, eine gespenstische Vorstellung im Herbst des Jahres 2002.
Ein Bilder-Duell steht bevor
Eine Art Bilder-Duell bahnt sich zwischen den Beiträgen von Youssef Chahine und Amos Gitaï an. Der israelische Regisseur malt in einer einzigen langen Plansequenz das Tableau eines Bombenanschlags auf den Straßen von Tel Aviv aus. Chahine, der im selben Atemzug seine Liebe zur amerikanischen Kultur wie seinen Hass auf den Präsidenten Bush gesteht, versammelt die Geister eines in Beirut getöteten Marinesoldaten und eines palästinensischen Selbstmordattentäters zum Gespenstergespräch. Man darf gespannt sein, wie der ästhetische Zweikampf zwischen der israelischen und der arabischen Perspektive diesmal ausgeht. In Cannes jedenfalls, wo im Mai Gitaïs „Kedma“ und Elia Suleimans „Göttlicher Eingriff“ aufeinandertrafen, gewann der Palästinenser den Regiepreis.
So wird die Katastrophe vom 11. September in den Katastrophenteppich der globalisierten Welt eingewoben. Hier ein Vergleich, dort ein Kommentar, ein Aperçu - und schon ist das Inkommensurable gebändigt. Oder wollen wir glauben, dass Sean Penn, über dessen Filmbeitrag noch nichts bekannt wurde, alles ganz anders gemacht hat? Vielleicht gibt es angesichts eines großen geschichtlichen Traumas gar keine andere mögliche Reaktion als das Reden über Eigenes, Gewohntes, Bekanntes, über Gefühle und Gedanken, in denen sich das Unerhörte spiegelt.
Die Hemmschwelle ist niedrig
Insofern hat Shohei Imamura recht, wenn er New York mit Hiroshima vergleicht. Das japanische Kino hat über vierzig Jahre gebraucht, ehe es sich - in Imamuras Meisterwerk „Schwarzer Regen“ (1989) und Akira Kurosawas „Rhapsodie im August“ (1993) - mit dem Abwurf der Atombombe unmittelbar auseinandersetzte. Im amerikanischen Film wird dieser Prozess schneller ablaufen, schon deshalb, weil die Hemmschwelle, die es zu überwinden gilt, niedriger ist. Ist sie aber erst einmal überwunden, dann wird auch keines der Darstellungstabus, die über der Asche des World Trade Centers beschworen wurden, mehr zu halten sein. Dann wird bin Ladins Anschlag endgültig Geschichte sein - Filmgeschichte.
Bis dahin regiert das episodische Erzählen, der Seitenblick, die Betroffenheit aus der Ferne. Schon wird, ausgerechnet in Deutschland, an einem zweiten Episodenfilm zum Thema gearbeitet. „September“, eine Produktion, an der fünf verschiedene Drehbuchautoren mitgeschrieben haben, entsteht seit Mitte Juli unter der Regie von Max Färberböck („Aimée und Jaguar“) in Berlin. Ursprünglich sollte der Film schon in diesem September ins Kino kommen; nun wird er wohl im kommenden Februar auf der Berlinale laufen.
Es sei „ein großer Film, in dem eine Vielzahl von Menschen vorkommt“, hat Färberböck über sein Projekt mitgeteilt, das in den vier Wochen zwischen dem Terroranschlag und dem amerikanischen Angriff auf Afghanistan spielt. Viele Menschen, viele Geschichten - nur nicht die eine, in der alle anderen aufgehoben sind: die wahre Geschichte vom 11. September. Irgendwann wird sie irgend jemand erzählen, so wie Shohei Imamura die Geschichte vom schwarzen Regen erzählt hat, der nach dem Atomblitz vom Himmel fiel und das Glück von Generationen auslöschte. Aber bis dahin regnet noch viel Zelluloid aus den Projektoren direkt ins Vergessen.