23.10.2002 · Nach Steven Spielberg und Roberto Benigni hat nun auch Roman Polanski einen Holocaust-Film gedreht. Sein „Pianist“ ist ein Meisterwerk.
Von Jörg ThomannTrotz Bildungslücken, Ignoranz und Geschichtsfälschern wissen die meisten Menschen doch ziemlich genau, was im Dritten Reich geschehen ist. Das Grauen in den Konzentrationslagern, das Elend in den Gettos haben sich ins Gedächtnis der Menschheit eingeprägt, auch wenn die Vorstellungskraft des einzelnen nicht ausreichen mag, das Geschehen von damals wirklich begreifen zu können.
Nicht nur sind nach Auschwitz zahllose Gedichte geschrieben worden, sondern auch über Auschwitz - von Romanen und autobiografischen Beschreibungen ganz zu schweigen. Und häufig wurden diese Werke als ergreifend, wichtig und wertvoll gelobt. Wer hingegen über jene Jahre einen Film drehen möchte, der hat es wesentlich schwerer: Er muss versuchen, das Ganze in Bildern begreifbar zu machen.
Dabei kann er im Grunde nur zwischen zwei Wegen wählen, und beide sind gleichermaßen heikel. Legt er den Schwerpunkt auf die Fiktion, dann wird ihm schlimmstenfalls vorgeworfen, sich der Tragödie für eigene Zwecke zu bedienen; bleibt er hingegen so dicht am realen Geschehen wie möglich, rügt man ihn womöglich für inszenatorische Einfallslosigkeit. Letzteres ist Roman Polanski widerfahren, dessen Film „Der Pianist“ in dieser Woche in den deutschen Kinos startet. Die Kritiker jedoch waren in der Minderzahl.
Ein Happy End für Hollywood
Um Polanskis Film angemessen bewerten zu können, empfiehlt sich ein Vergleich mit den letzten beiden Großproduktionen über den Holocaust. Mit „Schindlers Liste“ legte Steven Spielberg 1993 ein monumentales Drama vor, das vor dem Hintergrund der Judenvernichtung eine zwar wahre, doch hundertprozentig Hollywood-kompatible Geschichte erzählte. Es gab mit Oskar Schindler einen starken Helden, der gleichwohl nicht frei von dunklen Schattierungen war, mit seinem Gegenspieler Amon Goeth einen unverkennbar Bösen, der dem Nazi-Terror ein dämonisches Gesicht gab, und eine anrührende Story mit einem Happy-End, das man als dreist empfunden hätte, hätte es nicht auf Fakten beruht.
Die ohnehin beängstigende Atmosphäre verschärfte Spielberg durch dramaturgische Zuspitzung und die Übernahme von Motiven aus dem Thrillergenre; durch die Entscheidung, den deutschen Fabrikanten Schindler zur zentralen Figur zu machen, bot der Regisseur den Zuschauern zugleich eine Gegenwelt zum grausamen Alltag im Lager. Roberto Benigni brachte in seinen Film „Das Leben ist schön“ eine solche Gegenwelt durch seine eigene Person hinein: der heilige Narr, der seinem kleinen Sohn inmitten der KZ-Hölle ein besseres Dasein vorspielt.
Benignis One-Man-Show
Benigni nahm sich die Freiheit, den Holocaust als Kulisse für ein tragikomisches Märchen einzusetzen, welches bewegende, aber - wegen der ungebremsten One-Man-Show des Regisseurs und Hauptdarstellers - auch ärgerliche Momente hatte. Benigni ging es nicht um Authentizität, weshalb ihm die Kritik, er verharmlose die Zustände im KZ, egal sein konnte; sein Film wollte die Leute rühren und unterhalten und die Botschaft verbreiten, dass man selbst in den unmenschlichsten Zeiten seine Menschlichkeit nicht verlieren sollte.
Und nun Roman Polanski und sein „Pianist“. Hat Polanski eine Botschaft? Vor allem wohl wollte er den Nachgeborenen erzählen, wie es wirklich gewesen ist. Seine akribische, geradezu dokumentarische Rekonstruktion des Warschauer Gettos, seine sorgfältige Auswahl von Statisten und Schauspielern hat sich ausgezahlt; in keiner Sekunde ahnt der Zuschauer, dass sich die Protagonisten durch die umgebaute, digital überarbeitete Kulissenstadt des DDR-Klamaukfilms „Sonnenallee“ in Babelsberg bewegen.
Ein wahres Wunder
Polanski erzählt aus der Sicht des jüdischen Musikers Wladyslaw Szpilman, der im von den Deutschen besetzten Warschau um sein Leben kämpft - und es buchstäblich im Spiel gewinnt. Dass Szpilman am Ende auf einen deutschen Wehrmachtsoffizier stößt, der sein Klavierspiel als Signal einer von der Barbarei verdrängten Zivilisation begreift und sich seiner Menschlichkeit besinnt, ist eines jener raren wahren Wunder, wie sie sich mitunter selbst in düstersten Zeiten ereignen.
Diese für Szpilmans Überleben entscheidende Begegnung inszeniert Roman Polanski ohne jegliches Pathos: zwei wortkarge Männer in einem Raum, ein kurzer Moment fast intimer Normalität, während draußen vor der Tür der Wahnsinn tobt. Ein anderer Regisseur hätte dieser Szene weit mehr Raum gegeben, hätte die unausweichlich sentimentalen Bilder einer Männerfreundschaft geliefert; bei Polanski aber bleibt der von Thomas Kretschmann gespielte Offizier ein Fremder, von dem weder der Zuschauer noch Szpilman mehr erfahren als die Tatsache, dass er ein Mensch ist.
Getriebener und Flüchtling
Bis auf diese knapp 15 Minuten kommt „Der Pianist“ ohne Helden aus. Wladyslaw Szpilman, von Adrien Brody gespielt bis zur Selbstaufgabe, erleidet dasselbe Schicksal wie die Mehrzahl seiner Leidensgefährten: Er ist Getriebener und Flüchtling, der keine Zeit darauf verwenden kann, anderen zu helfen, weil er ganz mit sich selbst beschäftigt ist. Über Jahre lebt er im Untergrund, zermartert von Angst und Hunger, bis seine ganze Persönlichkeit aufgelöst scheint; was bleibt, sind allein die Ur-Instinkte, nach etwas zu essen und zu trinken zu suchen.
Polanski schildert den qualvollen Weg seines Protagonisten, ohne dem Zuschauer eine Atempause zu gönnen. Was auch immer Szpilman zustößt: Es kommt unweigerlich noch schlimmer. Einen Ausweg gibt es weder für ihn noch für das Publikum. Die Schlinge um Szpilmans Hals zieht sich immer fester, und dass sie sich am Ende doch noch löst, ist einem aberwitzigen Zufall zu verdanken. Schonungsloser und eindringlicher ist selten im Kino gezeigt worden, was der Überlebenskampf zur Nazi-Zeit bedeutet hat. Man hat Polanskis Film als „kunstlos“ bezeichnet, doch es ist ihm eine künstlerische Leistung gelungen, die im Kino zu den schwierigsten zählt: Wahrhaftigkeit zu erzeugen.
Die wichtigsten Kinofilme in Video-Kritiken der F.A.Z.
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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