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Film : Ein Klassenzimmer fliegt in die Gegenwart

Auch in der Neuverfilmung des „fliegenden Klassenzimmers” werden noch Papierkörbe gehisst Bild: Constantin

Soll man Kinderbuch-Klassiker in ihrer Zeit belassen, wenn man sie verfilmt? Tomy Wiegand hat sich beim "Fliegenden Klassenzimmer" für die Gegenwart entschieden.

          Endlich, beim vierten Anlauf, sieht es so aus, als könnte Ulis Wahnsinnsidee klappen. Nachdem der schmächtige Internatsschüler beim Versuch, seinen Kameraden zu imponieren, zunächst in Erich Kästners Kinderbuch und dann in zwei Verfilmungen des Stoffes sang- und klanglos in die Tiefe stürzt, gelingt ihm jetzt, im dritten Film, ein mittleres Wunder: Zwei gasgefüllte Luftballons lassen ihn ein paar Sekunden lang tatsächlich schweben, zur Überraschung seiner Mitschüler und des Kinopublikums. Dann aber löst sich einer der Ballons, und Uli stürzt auch beim vierten Mal auf den harten Schulhofboden.

          Wer heute "Das fliegende Klassenzimmer" verfilmt (und damit die beeindruckende Reihe der Kästner-Adaptionen der letzten Jahre fortsetzt), muß sich entscheiden, ob er den historisch gewordenen Stoff in seiner Zeit beläßt oder ihn aktualisiert, ob er also beispielsweise die Institution des Internats als selbstverständlich voraussetzt oder als erklärungsbedürftigen Sonderfall behandelt. Tomy Wigands Film gelingt das Kunststück, den Stoff entschlossen in die Gegenwart zu versetzen und doch den Geist des Buches nicht zu verfehlen. Ulis Sprung vom Schuldach ist nur ein Beispiel dafür: Es ist kaum glaubwürdig, daß ein auch nur mäßig intelligenter Zwölfjähriger heute noch ein Bettlaken als Fallschirmersatz in Erwägung zieht; aber zwei Ballons?

          Und indem Wigand kurzerhand das traditionsreiche, aber nicht nur betuchten Schülern vorbehaltene Internat der Thomaner in Leipzig zum Schauplatz wählt, hat er alle Freiheit, seine Geschichte zu erzählen, ohne die etablierten Figuren zu verbiegen. Gleichzeitig sorgt diese Entscheidung für einige besonders hübsche Pointen, wenn etwa einige Schüler während einer Aufführung des Weihnachtsoratoriums verschwinden, sich später heimlich wieder in die Chorreihen schleichen und dabei von ihrem Kantor bemerkt werden, der sie verwirrt ansieht und den nächsten Choral dirigiert: "Wie soll ich dich empfangen."

          Die Handlung folgt im wesentlichen dem Roman: Da sind die Freunde Jonathan, Martin, der ängstliche Uli und der starke Matz, die sich als Internatsbewohner mit ihren zu Hause wohnenden Mitschülern eine ausgedehnte Fehde liefern. Da ist der gütige Lehrer "Justus" und sein jahrelang verschollener Freund, der "Nichtraucher"; und der Film stellt sich auch hier der Gegenwart und dem besonderen Schauplatz, indem er daraus mit leichter Hand eine Ost-West-Geschichte macht. Im Eisenbahnwaggon des Nichtrauchers finden die Thomaner ein vergilbtes Heft mit dem handgeschriebenen Schauspiel "Das fliegende Klassenzimmer" - zu DDR-Zeiten ein anspielungsreiches und subversives Werk, aus heutiger Perspektive das, was es auch zu Kästners Zeiten war: ein braves, farbiges Stück über eine Bildungsreise durch Zeit und Raum.

          In den Händen der Thomaner verwandelt es sich bald in eine munter gerappte Revue (offenbar kommt gegenwärtig kein Kinderfilm mehr ohne Rap aus, und nicht immer funktioniert das so gut wie bei "Bibi Blocksberg"), die am Ende tatsächlich aufgeführt wird. Und weil sich da auch die Internatsschüler mit den verfeindeten Externen wieder vertragen, weil der zwölfjährige Jonathan gemeinsam mit der gleichaltrigen Mona am Weihnachtsabend den Mond über Leipzig anstaunt, weil sogar der verschrobene Schulleiter, gespielt von Piet Klocke, versöhnlich wird, rappen die Schüler das Lied "Wer ist schon gern allein".

          Die offensichtlich sentimentalen Töne, die der Film anschlägt und auskostet, hebt er im nächsten Schritt regelmäßig wieder auf. Wenn etwa die zärtliche Jungensfreundschaft zwischen Matz und Uli den starken Vielfraß beim vorweihnachtlichen Abschied zu dem kläglichen Ausruf bewegt: "Mensch, Uli, was mach' ich nur all die Zeit ohne dich?", dann antwortet sein Freund grinsend: "Essen, Matz!" Und wenn sich Justus und der Nichtraucher zum erstenmal seit fünfundzwanzig Jahren wiedersehen, spielen Ulrich Noethen und Sebastian Koch diesen Augenblick (in der letzten "Klassenzimmer"-Verfilmung durch Joachim Fuchsbergers und Heinz Reinckes Chargentum ein wahrer Schrecken!) so nüchtern und gleichzeitig warmherzig, daß von ihm eine Würde ausgeht, die das vertrauensvolle Verhältnis zwischen Jugendlichen und Erwachsenen überhaupt erst glaubhaft macht. Und wovon spricht Kästners Roman, was klagt er ein, wenn nicht dieses Vertrauen?

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.01.2003, Nr. 13 / Seite 37

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