Dem deutschen Film wird mit schöner Regelmäßigkeit unzulänglicher Regiestil und ausbleibende Erzähllust vorgeworfen. Gerade im vergangenen Jahr, als er in Cannes keinen Widerhall bei den Juroren fand und dort im Wettbewerb ausfiel, hagelte es Schmäh.
Es folgten Verteidigungsversuche, bei denen sich die Pro-Deutscher-Film-Redner bisweilen selber aushebelten, als sie zugleich das französische Kino über den grünen Klee lobten und seine Vorbildfunktion behaupteten.
Mais voilà, einen solchen Blick über die Grenzen hinaus, braucht es vielleicht gar nicht, wenn so etwas wie ein neuer deutscher Stil entdeckt werden soll. Mit „Heaven“ hat Tykwer seine Handschrift intensiviert, doch der Regiestil ist so exklusiv, dass er nur schwerlich stilbildend wirken wird. Dominik Grafs ästhetisch gelungenes Experiment „Der Felsen“, das auf eine Art Skizze hinausläuft, ist ein Solitär - so kann nur einmal gedreht werden, ohne abzuklatschen. Nun aber hat der ostdeutsche Regisseur Andreas Dresen („Nachtgestalten“, Die Polizistin“) mit seinem digitalen Werk „Halbe Treppe“ etwas vorgemacht, worauf seine Berufskollegen mehr als einen flüchtigen Blick werfen sollten.
Er brutzelt Würstchen, sie verkauft Parfum
„Halbe Treppe“ war die Entdeckung der letzten Berlinale: ein kleiner, großer Film. Der Film erzählt die Geschichte zweier befreundeter Paare in Frankfurt an der Oder, die sich auf der Hälfte ihres recht bescheidenen Lebens dummerweise und überkreuz, leider nicht jeder mit jedem, ineinander verlieben.
Er brutzelt Würstchen in seiner Imbissbude namens „Halbe Treppe“, sie verkauft Parfum in einer Drogerie; er moderiert das Horoskop beim Radiosender „Radio 24“, sie arbeitet beim Zoll. Die Nachgespräche beider Paare nach einem gemeinsamen Dia-Abend beweisen, wie langweilig und schäbig sie sich voreinander fühlen und verhalten. Aber auch das nehmen sie sich nicht sonderlich krumm: ein Leben in der Sackgasse. Dann machen er und sie überkreuz einen Ausflug in die Liebe, die hier stellvertretend genommen wird für die Chance, in der ungefähren Mitte des Lebens noch mal von vorne zu beginnen. Am Schluss zieht einer aus - und alle haben etwas von sich selbst verstanden.
Im herrlichsten, schnodderigen Ost-Jargon schlagen sich Steffi Kühnert, Gabriela Maria Schmeide, Thorsten Merten und Axel Prahl den Alltag um die Ohren. Hier ist keine gigantische Maschinerie am Set, hier haben die Schauspieler das Drehbuch täglich neu mitgeschrieben, indem sie die Szenen nach ihrem eigenen Empfinden improvisierten. Die digitale Videokamera von Michael Hammon begleitet sie intuitiv, spürt den Verletzlichkeiten nach, die sich in einem winzigen Zucken des Mundes, einem leicht abdrehenden Blick, andeuten. Es ist das große Glück dieses Films, dass überhaupt kein Kunstton in ihm steckt, ein Aufbruchszeichen für ein neues deutsches Kino.
Deutscher Film mit Humor
Der Film hat Laune und bei all seiner subtilen Wehmut über dieses Leben einen Humor, den man doch im deutschen Film auf den Hund gekommen glaubte. Wenn der flotte Radiomann im Laufe seiner Liaison immer unentschlossener und trübsinniger wird, dann werden auch seine Sterne ungnädiger. Vor der Hütte des emsigen und nervenstarken Fritteurs steht ein Dudelsackmann und dudelt selbst für einen wie ihn höchst nervtötend - im Laufe der Geschichte wird aus dem einen Dudler eine ganze Combo, deren Gefiedle und Gedröhne aus allen Löchern quillt, selbst aus dem Megaloch der Toilette.
Die „17 Hippies“, die sich einen Namen als „Orchester der Weltfolklore“ gemacht haben, verknüpfen für „Halbe Treppe“ Traditionelles mit Improvisation und Eigenkomposition und tragen, obgleich sie keinen Jazz spielen, aber immer an anderen Orten stehen und wie aus dem Stehgreif musizieren, zum Jam-Charakter des Werkes bei. Der Film ist eine Session, und er ist so gut, so nah und warm am Menschen erzählt, dass er uns noch lange nachgehen wird.