30.10.2003 · Der Kameramann Michael Ballhaus im Interview über Spezialeffekte, die Verdrängung des klassischen Kameramanns durch den Produzenten visueller Effekte und das Projekt Deutsche Filmakademie.
Herr Ballhaus, Sie haben beim European Festival for Production and Visual Effects einen Ehrenpreis entgegengenommen - zu Ihrer nicht geringen Verblüffung, wie Sie in Ihrer Dankesrede sagten. Visuelle Effekte sind ja nicht unbedingt das, was bei Ihrer Arbeit als erstes ins Auge springt. Mit Ihnen wurde Dennis Muren von "Industrial Light and Magic" ausgezeichnet, der für die visuelle Gestaltung etwa von "Star Wars" oder "Jurassic Park" und "Hulk" verantwortlich war.
Werden sich Bild und Selbstverständnis des Kameramanns durch die technische Entwicklung, vor allem bei der digitalen Bilderzeugung, grundlegend verändern?
Ja, das glaube ich schon. Heute ist es so, daß durch den immer weiter greifenden Einsatz von Spezialeffekten ein Teil der Bilder eines Films der Kontrolle des Kameramanns entzogen ist und in die Verantwortung von Leuten wie Dennis Muren übergeht. Es ist phantastisch, was in den Spezialeffekt-Studios geleistet wird, aber der Kameramann hat darauf wenig Einfluß. Ich glaube, es führt kein Weg daran vorbei, daß sich die digitale Technik in einigen Jahren auch beim Drehen durchsetzen wird. Je kundiger sich der Kameramann in dieser neuen Technik macht, desto eher wird er vielleicht eines Tages in der Lage sein, auch die Spezialeffekte selbst zu gestalten.
Entweder Sie oder Dennis Muren werden also in Zukunft ihren Job verlieren?
Ja, so kann man das sehen. Eine Möglichkeit für ein neues Berufsbild des Kameramanns liegt darin, daß er sich so intensiv mit der digitalen Technik beschäftigt, daß er weiterhin derjenige sein kann, der die Bilder bestimmt. Wenn der Kameramann der Zukunft mit seiner Maschine schon das Bild bei der Herstellung enorm manipulieren kann - was beim Drehen auf Film nicht möglich ist -, warum dann nicht einen Schritt weitergehen und auch bestimmen, was später im Computer geschieht? Ich glaube sogar, daß Filmschulen wie etwa in Ludwigsburg, die auf die Ausbildung von solchen Fachleuten großen Wert legen und auch die teuren Geräte dafür haben, schon anfangen, in diese Richtung zu denken.
Haben Sie angesichts eines Großteils der Filme von heute nicht die Befürchtung, daß auch der Rest filmischen Erzählens noch in die Abteilung für Special Effects wandert?
Das deutet sich tatsächlich an. Bei den "Spidermännern" ist der künstlerische Anteil des Kameramanns in der Tat sehr gering. Wenn überhaupt noch gedreht wird, dann vor dem Bluescreen. Der Kameramann sieht das Endprodukt überhaupt nicht mehr, von Einfluß zu schweigen.
Hat das Mißtrauen gegenüber Bildern, das unseren Blick aufs Dokumentarische bereits verändert hat, auch Auswirkungen auf unsere Wahrnehmung des Fiktionalen? Filmgeschichten, auch wenn sie erfunden sind, müssen glaubwürdig sein. Spielt es da eine Rolle, ob Szenen, die wir sehen, sich tatsächlich einmal vor der Kamera ereignet haben oder ob sie aus dem Computer kommen?
Ich weiß es nicht. Deshalb hänge ich so an der alten Technik, die Bilder erzeugt, wie sie in der Kamera auf Film entstehen. Da kann man nicht viel manipulieren. Nun gibt es ein großes Problem: Ich bin überzeugt, daß wir die Uhr nicht mehr zurückstellen können und daß wir in einigen Jahren keine Filme mehr auf Film drehen, sondern nur noch digital erzeugen werden. Dann sind sie unbegrenzt manipulierbar, und dann fängt der Zuschauer an zu zweifeln, wieviel Realität sie überhaupt noch abbilden. Ich glaube nicht, daß das auf Dauer interessant ist.
Ich bin aber ein Optimist und überzeugt, daß das Pendel irgendwann einmal zurückschlagen wird und die Leute erkennen werden, daß die eigentlichen Bilder, also solche, die auf Film von einer Kamera aufgenommen wurden und damit ein Stück Wirklichkeit abbilden, einen Wahrheitsgehalt haben, der den anderen fehlt. Und daß es dieser Rest von Wirklichkeit ist, um den es beim Erzählen geht.
Sie sind schon seit einigen Wochen in Deutschland. Nach einer unerfreulichen Dreherfahrung mit dem Film "Something's Gotta Give" haben Sie bisher noch keine neuen Projekte angenommen.
Ja, die Dreharbeiten waren in der Tat nicht sehr angenehm, obwohl die Arbeit mit den Schauspielern, Diane Keaton, Frances McDormand, Keanu Reeves und Jack Nicholson, großartig war. Deswegen wird es wahrscheinlich trotzdem ein schöner Film. Mir macht auch die politische Situation in Amerika große Sorgen. Ich brauche ein bißchen Abstand.
Statt in Hollywood zu drehen, engagieren Sie sich hierzulande für die Deutsche Filmakademie, deren Gründungsmitglied Sie sind. Warum, da Sie doch seit mehr als zwei Jahrzehnten nicht mehr in Deutschland gearbeitet haben?
Ich bemühe mich seit vielen Jahren, eine Brücke zwischen Amerika und Deutschland zu schlagen. Immer wieder weise ich meine amerikanischen Regisseure darauf hin, wie hervorragend die Drehbedingungen in Deutschland sind. Man könnte hier für ein viel geringeres Budget als etwa in Hollywood drehen. Was ja auch immer wieder einmal geschieht. Außerdem habe ich immer davon geträumt, einen großen amerikanischen Film als Kameramann in Babelsberg zu drehen. Ich habe mich entschlossen, ein wenig mitzuhelfen, daß der Anfang dieses Projekts Deutsche Filmakademie eine breite Öffentlichkeit bekommt.
Warum braucht Deutschland eine solche Akademie?
Weil wir endlich eine Vertretung aller deutschen Filmschaffenden brauchen. Alle europäischen Länder um uns herum haben eine solche Akademie und sind dadurch auch international vertreten. Es wird eine sehr demokratische Satzung nach dem Vorbild vor allem der britischen Filmakademie geben.
Unser Hauptinteresse ist im Augenblick, eine größere Gemeinsamkeit der deutschen Filmschaffenden zu erreichen, durch Gespräche, Seminare, Filmvorführungen mit Diskussionen, Öffentlichkeitsarbeit. Wir hoffen auch, durch eine starke Vertretung auf gewisse Fehlentscheidungen in der Finanzierung deutscher Filme hinzuweisen. Zum Beispiel auf den Abfluß von Milliarden Euro ins Ausland, ohne daß dadurch ein Effekt für die deutsche Wirtschaft entsteht.
Einige Kritiker der Akademie-Idee befürchten, daß wie beim Filmpreis bisher auch in Zukunft der "kleine, künstlerisch wertvolle Film" übersehen werden wird. Bekümmern Sie solche Einwände?
Ich bin mir dieser Problematik bewußt. Ich glaube allerdings, daß durch ein sehr viel größeres Gremium als das paritätisch besetzte jetzige Auswahlgremium eine Auswahl getroffen werden kann, die die Meinung der Filmschaffenden besser vertritt als bisher. Es hängt sehr viel davon ab, wie stark sich der einzelne wirklich für die Akademie interessiert und bereit ist, sich mit den Problemen auseinanderzusetzen.
Was bedeutet das?
Das Wichtigste ist im Moment, daß alle, die die Aufnahmekriterien erfüllen, ihren Antrag stellen. Es soll für jeden eine Ehre sein, Mitglied der Deutschen Filmakademie zu werden.