Das muss man gleich richtig stellen: „be.angeled“, der neue Film von Roman Kuhn, der morgen anläuft, ist natürlich nicht „der Film zur Loveparade“. Das Mega-Event ist lediglich der Motor des Films. Er „nutzt die Plattform Loveparade als Metapher für das Leben“, sagt der Regisseur.
Das Leben besteht, wenn wir Roman Kuhn richtig verstehen, aus Unfällen und Zufällen, Angeboten und Anschlägen, Verwechslungen und Verfehlungen, Drogenexzessen und Todeskandidaten, Blindfischen und Lichtgestalten, Crime, Sex und bevorstehenden Niederkünften. Vielen ausgelassenen, einigen durchgeknallten Leuten. Und jeder Menge Musik.
What's up?
Der Blinde Ilias fällt vor eine U-Bahn. Sundri, eine Frau, die er gerade kennengelernt hat, springt hinterher, kann ihn aber auch nicht zurück auf den Bahnsteig ziehen. Aber der Fahrer kann rechtzeitig bremsen. Ilias und Sundri sind gerettet. Sie sind durch Aaron zusammengekommen. Dem war aufgefallen, dass Ilias in der Menge die Orientierung verloren hatte und Panik bekam. Er ist auf ihn zugegangen, hat ihn aus dem Gedränge gezogen und Sundri anvertraut, die zufällig an einem Baum lehnte. Seaka, ein Franzose afrikanischer Abstammung, hatte gerade einen Flirt versucht, der zunächst an Verständigungsproblemen scheiterte und dann an dem wachsenden Desinteresse der Frau.
Seaka hat mit seinem Kumpel Luc auf der Parade Erfrischungen verkaufen wollen. Als die Polizei vorbeischaut, lassen beide den Wagen stehen, ihre Wege trennen sich. Luc tanzt in der Menge, flirtet mit der Engländerin Rosie, bis er von seiner Ex-Freundin Svenja abgelenkt wird, die sich an ihn ranschmeißt, ihn küsst - und dabei mit einem Hochdrucktacker eine Salve Stahlkrampen in seine Leistengegend schießt.
Do not try this at home
Rosies Freundin Lucie würde alles dafür tun, mit einem fetten Techno-DJ zusammen zu kommen - Gastrolle Mark Spoon, er spielt eine Figur gleichen Namens. Sie ist die Roberts Schwester. Der ist auf dem Weg zur Loveparade von seiner hochschwangeren Freundin Billa im Wagen sitzen gelassen worden, was ihm eigentlich ganz recht ist. Billa wird auf der Loveparade von Aaron umworben. Als der den Blinden rettet, wird aus ihrer genervten Ablehnung langsam Sympathie.
Je weiter die einzelnen Geschichten erzählt werden, und es sind noch einige mehr, umso stärker verweben sie sich miteinander. Die Loveparade, an keiner Stelle des Films wirklich tragfähige Metapher für das Leben selbst, wird immerhin zum Kulminationspunkt der Sehnsüchte und Lebenspläne des Filmpersonals. Die sich - das ist eine Stärke des Films - unaufdringlich ergänzen und gegengewichten, und - das ist eine zweite Stärke des Films - glaubhaft auch über die im Film gezeigten Episoden hinausreichen. Freilich: Die Figuren sind ein ziemlich buntes Trüppchen. Aber das hat man schon ganz anderen Filmen verzeihen können.
Kalkül und Könnerschaft
„be.angeled“, der morgen in den bundesdeutschen Kinos anläuft, hält seine Nährstoffwurzeln geschickt in Deutschlands größten Massenauflauf - dazu dem von Deutschlands attraktivster Zielgruppe. Wie ein Werbe-Claim springt einen sein Titel an. Ein Werbefilmer und Vermarktungskünstler hat ihn gedreht. Das ist hochverdächtig. Nichts ist leichter, als dem Film sein kommerzielles Kalkül vorzuwerfen und ihm gleich jeglichen Kunst- und Unterhaltungswert abzusprechen.
Aber er ist nicht nur geschickt kalkuliert, sondern auch gut dosiert. Die Clip-Ästhetik Kuhns, die man zum Beispiel aus seinen gefeierten Werbespots für C&A kennt, trägt zwei Filmstunden lang. Extreme Zeitraffer und endlose Zerdehnungen von Augenblicken finden ihr Pendant in der Tonregie: Techno-Gedröhn bricht um in abrupte Stille, zuweilen sind zu Gesamtbildern nur Einzelgeräusche zu hören, das Klacken einer Rasensprenganlage, das Knistern eines Joints. Auch wenn sich Kuhn am Ende gar nicht mehr von seinen Figuren verabschieden zu wollen scheint: Sein Film ist kurzweilig und unterhaltend. Und damit als Vorfilm für die diesjährige Loveparade bestens geeignet.