09.10.2002 · Amerika ist immer im Krieg: Ridley Scotts Film „Black Hawk Down“ über einen gescheiterten Einsatz in Somalia.
Von Claudius SeidlAm 3. Oktober 1993, um 5.45 Uhr, sah Mogadischu so malerisch aus, als ob hier gerade tausendundeine Nacht zu Ende gegangen wäre. Der Muezzin stand auf dem Minarett und pries Allah und den Propheten. Die Sonne tauchte aus dem Ozean. Die Dächer glänzten im Morgenlicht.
Am 4. Oktober, zur gleichen Zeit, sang wieder der Muezzin, und die Sonne glühte so rot wie immer. Nur lagen in Mogadischus Straßen jetzt Hunderte von Leichen. Und die, die dieser Nacht entkommen waren, hätten sich nichts mehr gewünscht, als dass das bloß ein dunkles Märchen gewesen wäre, ein schlimmer Traum, eine böse Phantasie.
Es sind diese vierundzwanzig Stunden, von denen Ridley Scotts Film „Black Hawk Down“ erzählt, und das Schlimmste daran ist, zumindest auf den ersten Blick: So oder doch sehr ähnlich wird es wohl gewesen sein, am Horn von Afrika, vor genau neun Jahren, als Amerika eine seiner größten Demütigungen erfuhr. Die mächtigste Armee der Welt hatte sich ein Scharmützel geliefert mit der Miliz des Warlords Mohammed Farrah Aidid, der nicht mehr als ein paar Straßenzüge in der Innenstadt von Mogadischu beherrschte. Doch im Morgengrauen waren amerikanische Soldaten um ihr Leben gerannt.
Vierundzwanzig Stunden im Oktober
Als die Amerikaner in Somalia gelandet waren, um zusammen mit UN-Truppen die Versorgung der hungernden Bevölkerung zu sichern, hatten ihnen nur einige Somalis gesagt, dass das nicht ihr Bürgerkrieg sei, nicht ihre Anarchie. Als der damalige Präsident Bill Clinton den Abzug der Truppen befahl, war er zu derselben Ansicht gekommen. Das Argument waren eben jene vierundzwanzig Stunden im Oktober, in denen die Armee achtzehn Männer verlor.
Was als Katastrophe endete, war als kurzer und präziser sogenannter chirurgischer Eingriff geplant. Ein Spitzel hatte von einem Treffen hoher Offiziere der Miliz berichtet, Spezialeinheiten sollten die Männer verhaften und ganz schnell ins amerikanische Hauptquartier bringen; dann stürzte ein Amerikaner ab und brachte damit den Zeitplan durcheinander. Zwei Hubschrauber des Typs „Black Hawk“ wurden abgeschossen. Und die Soldaten, die weder ihre Nachtsichtgeräte noch ausreichend Proviant und Munition mitgenommen hatten, mussten sich Haus für Haus den Weg zurück erkämpfen - durch Straßen, wo hinter jedem Fensterloch, jedem Mauervorsprung ein Heckenschütze warten konnte.
Ein Außen gibt es nicht
Das ist der ganze Plot - und vermutlich muss man es als Lob der Inszenierung verstehen, wenn „Black Hawk Down“ in Amerika eher als Dokument denn als Fiktion, eher als Protokoll denn als kinematographische Phantasie betrachtet wird; als ein Film, dessen Qualität sich vor allem daran bemisst, dass er nichts beschönigt, wenig dazuerfindet und schon gar nicht so tut, als wüsste er mehr als jene, die in den staubigen Straßen bald den Überblick verlieren. Kurz vor dem Einsatz versucht einer der Soldaten, seine Frau zu Hause anzurufen; er hört nur die Stimme des Anrufbeantworters - und genau das ist die Perspektive des Films: überall ist Mogadischu. Ein Außen gibt es nicht.
Man macht vermutlich nicht allzuviel verkehrt, wenn man die Bilder von „Black Hawk Down“ auf, beispielsweise, die Straßen von Bagdad projiziert. Vermutlich ist es legitim, wenn man anhand der Szenen dieses Films die Schwächen der amerikanischen Armee studiert, die zwar die bessere Ausrüstung hat, aber trotzdem, weil kein Toter und erst recht kein Verwundeter zurückgelassen werden darf, im Straßenkampf denen unterlegen ist, denen am eigenen Leben, der eigenen Unversehrtheit nichts zu liegen scheint: fünfhundert Somalis starben in dem Scharmützel, als dessen Sieger sich trotzdem der Warlord sah.
Gegner aus Albträumen
Ganz sicher aber sieht man nicht den ganzen Film, wenn man ihn nur als kinematographischen Beitrag zur Militärgeschichte betrachtet. Ridley Scott ist kein Dokumentarist, sondern Spielfilmregisseur, und dass er sich für diesen Stoff entschieden hat, liegt in der Logik seines Werks. In „Alien“ (1979) war es der Weltraum samt außerirdischem Monster, der die Helden in die Klaustrophobie trieb. In „Black Rain“ (1989) stolperte Michael Douglas als New Yorker Cop durch die japanischen Nächte, deren Zeichen und Rituale er nicht verstehen konnte.
Und im „Gladiator“ führte Scott erst einmal vor, wie eine hochtechnisierte römische Legion einen Germanenstamm geradezu überrollte - um am Schluss darauf zu bestehen, dass ein Schwertkampf Mann gegen Mann im Staub des Colosseums die Geschicke des Imperiums nachhaltiger beeinflussen konnte als eine Schlacht in den teutonischen Wäldern. All diesen Konflikten war gemeinsam, dass der Gegner sich der unmittelbaren Anschauung entzog und in den schlimmsten Momenten so aussah, als wäre er den eigenen Albträumen entsprungen.
Blicke in die fremde Welt
Es sind sympathische Jungs, die Ridley Scott hier als seine Helden vorführt („Männer“ zu sagen, wäre übertrieben; das Durchschnittsalter soll neunzehn gewesen sein), und wenn sie, eingekreist von der feindlichen Miliz, um ihr Leben bangen, schießen, rennen - dann fürchtet der Zuschauer naturgemäß mit ihnen und ist erschüttert vom Einschlag jeder Granate.
Aber wenn einer, ein paar Tage nach Ansicht des Films vielleicht, sich fragt, welche Bilder im Gedächtnis geblieben sind, dann findet er dort nicht die Soldaten in ihrem Unterschlupf, sondern deren Blicke hinaus in eine fremde, feindliche Welt: Wie ein verendeter Saurier liegt der abgestürzte Hubschrauber in der Straßenschlucht, wie Zombies oder Gespenster nähern sich die Kämpfer Aidids dem Soldaten, der keine Munition mehr hat - tausendundeine Macht. Wie der Dauerlauf durch einen unentschlüsselbaren Traum sieht es aus, wenn amerikanische Soldaten dem feindlichen Terrain entfliehen, während somalische Kinder, laut lachend, im Hintergrund schon mit dem Militärschrott zu spielen beginnen.
Das Terrain des Ridley Scott
Mit einem Absturz hat das Desaster begonnen, und diesen Sturz eines Soldaten aus dem Hubschrauber inszeniert Scott als Fall heraus aus der amerikanischen Realität. Der Körper des Soldaten schlägt nicht etwa auf dem Boden der Tatsachen auf; vielmehr landen er und später seine Kameraden auf einem Terrain, das sie bestimmt nicht aus dem Training, womöglich aber aus ihren übelsten Träumen kennen.
Es ist das Terrain des Ridley Scott, dessen Kino da beginnt, wo wir nicht mehr so leicht unterscheiden können zwischen dem, was in unseren Köpfen, und dem, was außerhalb geschieht. Dass die Milizionäre uns einerseits fremd in ihrer unstillbaren Grausamkeit und zugleich doch Ausgeburten Amerikas sind, das ist für Scott eher eine ästhetische als eine politische Frage: Sie kleiden und benehmen sich, als hätten sie zuviele Rambo- und Chuck-Norris-Filme gesehen.
Insofern ist „Black Hawk Down“ nicht bloß ein Film übers Militär; mit den klassischen Werken des Genres hat er ohnehin wenig gemein. Eher gehört er in eine Reihe mit den Filmen, die, wie beispielsweise Martin Scorseses „After Hours“, ihre Helden auf eine Reise in die Unterwelt schicken. Von dort kehren sie, wenn überhaupt, gestärkt und geläutert zurück. Ridley Scotts Männer aber bringen von ihrem Einsatz nichts zurück als ihre Haut und ein paar leergeschossene Waffen. Zu gewinnen gab es nichts. Was dann womöglich doch eine politische Aussage ist.
Claudius Seidl Jahrgang 1959, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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