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Film Der letzte Tycoon: Elia Kazan gestorben

29.09.2003 ·  Der amerikanische Regisseur und Oscar-Preisträger Elia Kazan ist im Alter von 94 Jahren in seinem Haus in Manhattan gestorben. Mit seinen Filmen machte er James Dean und Marlon Brando zu Stars.

Von Verena Lueken
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Seinen letzten Film drehte er vor siebenundzwanzig Jahren. Sein letztes Buch liegt fünfzehn, seine letzte Theaterinszenierung ein halbes Menschenleben zurück. Dennoch war Elia Kazan, der am Sonntag im Alter von vierundneunzig Jahren in New York gestorben ist, im Bewußtsein der amerikanischen Öffentlichkeit so präsent, als nehme er tatsächlich noch Einfluß auf irgend etwas, das in diesem Land geschieht.

In den fünfziger und sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts war dieser Einfluß offensichtlicher. Kaum ein Regisseur war wichtiger für die Entwicklung von Theater und Film als Kazan. Er hat mit Filmen wie "Die Faust im Nacken" oder "Endstation Sehnsucht" und mit der Inszenierung von Theaterstücken wie "Der Tod eines Handlungsreisenden" die patriarchale Gemütlichkeit empfindlich gestört, mit der Amerika in seinem "Vater ist der Beste"-Stolz in den Kalten Krieg gezogen war.

Psychologischer Naturalimus

Er hat mit seinen Filmen Schauspieler geformt wie Marlon Brando und James Dean und sie zu Helden einer Generation gemacht, die sich gegen die familiäre Enge, die politische Bespitzelung, die sexuelle Verklemmtheit jener Jahre auflehnte. Sein Einfluß auf das Theater ist bis heute spürbar, und sei es nur darin, daß der psychologische Naturalimus, mit dem er wie ein Navigator von Seelenlandschaften die Zuschauer in Atem hielt und der ihn zum Lieblingsregisseur zeitgenössischer Autoren machte, allen voran Tennessee Williams und Arthur Miller, noch heute am Broadway als selten erreichtes Vorbild gilt. Das Actor's Studio, das er mitbegründete und in dem er mit Lee Strasberg seine Darsteller erzog, ist nach wie vor das Zentrum der amerikanischen Schauspielkunst und Theatertraditionspflege.

Im Kino hingegen hat seine episch fließende Erzählweise nur noch spärlich verstreute Nachkommen. Seine Kunst, Sentimentalisches mit Brutalität zu unterfüttern, ist vielleicht nur bei Martin Scorsese noch zu finden. Seit die Kunst des Geschichtenerzählens ebenso wie die jener Darsteller, die eine Figur bewohnen können, nur noch in Nischen des Filmbetriebs überlebt, hat das Publikum einen Blick aufs Kino entwickelt, dem Filme wie "Endstation Sehnsucht" aus dem Jahr 1951 oder "Die Faust im Nacken" von 1954 undurchdringlich fremd erscheinen müssen, von "Ein Baum wächst in Brooklyn", Kazans Debütfilm von 1945, zu schweigen.

Politisch umstritten

Präsent ist Elia Kazan als politisch umstrittene Figur geblieben, vor allem, weil er sich zeitlebens weigerte, die rituellen Versöhnungszeremonien zu bedienen, die es noch jedem Amerikaner ermöglichen, auf dem festen Fundament begangener Fehler und öffentlicher Reuebekundungen weiterzumachen, als wäre nichts geschehen. Reue sollte Kazan zeigen, weil er 1952 vor dem Untersuchungsausschuß für "Unamerikanische Aktivitäten" die (dem FBI längst bekannten) Namen von acht Mitgliedern der Kommunistischen Partei nannte, der er selbst einmal angehört hatte.

Zuletzt wurde die Forderung nach einer öffentlichen Selbstbezichtigung siebenundvierzig Jahre nach dieser Aussage laut, als Kazan 1999 mit einem Ehren-Oscar für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde. Wie in all den Jahren zuvor blieb Kazan auch damals störrisch und verweigerte ein "mea culpa" vor laufenden Kameras. Da das Land gerade seinen Präsidenten Bill Clinton zu verachten gelernt hatte, der mit seiner weinerlichen Selbstanklage noch in treuesten Anhängern das Gefühl verlogener Abbitte hervorbrachte, wäre die Zeit eigentlich reif gewesen für die Einsicht in die Würde von Kazans Position.

Schwierige Entscheidung

Denn dieser hatte in seiner Autobiographie "Ein Leben" bereits 1988 außerordentlich differenziert beschrieben, wie ihn sein Abscheu gegen den Stalinismus und die stalinistischen Methoden der Kommunistischen Partei auch in den Vereinigten Staaten dazu bewegt hatte, mit McCarthys Ausschuß zusammenzuarbeiten. Kazan wußte, daß er Freunde verriet. Er traf, wie er schrieb, eine "schwierige Entscheidung", an der intime Freundschaften, am schmerzhaftesten vielleicht jene zu Arthur Miller, zerbrachen: "Schwierig heißt, daß man so oder so dabei verliert."

In einer Reihe von Interviews hatte Kazan außerdem bereits in den siebziger Jahren sein Bedauern über die "menschlichen Kosten" seiner Denunziation zum Ausdruck gebracht. Der Autor der Interviews, Jeff Young, hatte allerdings aus geheimnisvollen Gründen die Tonbänder nie veröffentlicht. Fünfundzwanzig Jahre lagerten sie in seiner Garage, bis Young sie schließlich doch als Buch herausbrachte, nachdem sich der Entrüstungssturm über die Oscar-Auszeichnung Kazans gerade gelegt hatte.

Ruf des Verräters

An Kazan klebte also, als er im März 1999 am Arm von Martin Scorsese auf die Bühne des Dorothy-Chandler-Pavillons in Hollywood trat, um seinen Ehren-Oscar entgegenzunehmen, immer noch der Ruf des Verräters, der übrigens auch Kazans eigene Film- und Theaterkarriere bremste. Immer noch lebten Menschen, deren Namen in den Jahren 1948 bis 1961 auf der schwarzen Liste der Filmindustrie standen und deren Karrieren und Lebenspläne dadurch zerstört worden waren, und die meisten von ihnen waren nicht so großherzig wie Dalton Trumbo, der wohl prominenteste der geächteten "Hollywood Ten", der die Freiheit der Gewissensentscheidung auch dem Verräter zugestand. Es erhob sich an jenem Abend also nur ein Teil der versammelten Filmprominenz, um Kazan zu applaudieren, die anderen blieben auf ihren Händen sitzen. Es war Kazans letzter großer Auftritt, ambivalent wie fast alles in seinem Leben.

Dieses Leben folgt den Archetypen einer amerikanischen Biographie. Als Sohn eines türkisch-griechischen Teppichhändlers am 7. September 1909 in Konstantinopel in der Türkei geboren, kam Elia Kazanjoglous, so sein Geburtsname, mit der Familie 1913 über Berlin in die Vereinigten Staaten. Dort verwirklichte er den Aufstiegstraum jedes Einwanderers. Er begann als Laufbursche beim Group Theatre, wurde Schauspieler, dann Regisseur und entwickelte gewaltigen Einfluß auf den Bühnen an der Ostküste und im Filmgeschäft an der Westküste.

Auftritt vor McCarthy

Sein politisches Bewußtsein, wachgerüttelt in der Depressionszeit, führte ihm vom Liberalismus in die Kommunistische Partei und von dort wieder fort bis zu seinem Auftritt vor McCarthy. Schließlich durchlebte er die Triumphe seiner Inszenierungen in New York, errang mit sieben seiner Filme zwanzig Oscars, schrieb ein gefeiertes Buch, "The Arrangement", bevor dann die Fehlschläge begannen, sein Scheitern als Direktor eines Repertoiretheaters in New York, die schlechten Kritiken seiner letzten Filme, die Häme über seine Romane - auch dies alles geläufige Topoi amerikanischer Karrieren.

Kazans letzter Film von 1976 war "The Last Tycoon" nach einem Romanfragment von Scott F. Fitzgerald, das Harold Pinter in ein, wie Kazan meinte, lausiges Drehbuch umgearbeitet hatte. Wie dem literarischen Fragment, so fehlte auch dem Drehbuch der Schluß, eine Tatsache, die den Regisseur so erboste, daß er bis ins hohe Alter hinein über den Produzenten Sam Spiegel fluchte, der eine solche Schlamperei gedeckt hatte. Kazan dachte seine Geschichten vom Ende her, so schrieb er seine Romane, und so ging er auch an seine Filme heran.

Meisterschaft seines Stil

Nun aber, auf den letzten Metern Film, die er drehte, mußte er improvisieren. Robert de Niro in der Rolle des Studiobosses Monroe Starr, der deutlich die Züge Irving Thalbergs trägt, geht langsam eine verlassene Straße auf dem Studiogelände in Hollywood entlang. Niemand ist zu sehen; möglicherweise träumt er nur. Am Rollgitter zu einem Tonstudio bleibt er stehen. Sein Gesicht zeigt Spuren einer Verzweiflung, die in dieser Geschichte nicht mehr zu tilgen sein wird. Dann tritt er durch das Tor und verschwindet im Dunkeln.

Ist dies Monroe Starrs Abschied vom Kino? Oder ist vielleicht Sonntag und das Studio deshalb verwaist? An diesem Ende, das alles offenläßt, beweist sich die Meisterschaft von Kazans Stil, der einerseits nichts im Ungefähren verlaufen läßt, weil er eine ästhetisch schlüssige Form findet, andererseits dem Zuschauer noch einmal eine Frage stellt. Kazan improvisierte diesen Schluß aus Ratlosigkeit. Es ist einer der schönsten der Filmgeschichte.

In der Erinnerung Amerikas wird er gegenwärtig bleiben, weil er sich, zum Schaden seines Ruhms, der moralischen Bigotterie verweigerte. Im Kino bleibt seine kühle und doch grandiose Abschiedsgeste im "Letzten Tycoon".

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Jahrgang 1955, stellvertretende Leiterin des Feuilleton.

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